Die Jungen werden nicht gefragt Osnabrücker Friedensgespräch zu türkeistämmigen Identitäten in Deutschland

Illustres Podium (von links): Journalist Peter Bandermann, Integrationsforscher Haci-Halil Uslucan, Moderator Michael Kiefer und Politikwissenschaftlerin Meltem Kulacatan widmeten sich bei den Osnabrücker Friedensgesprächen dem Thema „Türkische Identitäten in Deutschland“. Foto: Michael GründelIllustres Podium (von links): Journalist Peter Bandermann, Integrationsforscher Haci-Halil Uslucan, Moderator Michael Kiefer und Politikwissenschaftlerin Meltem Kulacatan widmeten sich bei den Osnabrücker Friedensgesprächen dem Thema „Türkische Identitäten in Deutschland“. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Im Rahmen der Osnabrücker Friedensgespräche gingen in der Aula des Schlosses der Journalist Peter Bandermann, Moderator Michael Kiefer, der Integrationsforscher Haci-Halil Uslucan und die Politikwissenschaftlerin Meltem Kulacatan der Frage nach, wo und wie sich aktuell türkeistämmige Menschen in Deutschland verorten.

Mit nationalen Identitäten lässt sich kein Frieden machen: Ganz am Ende des aktuellen Friedensgesprächs in der Aula des Osnabrücker Schlosses brachte es der Dortmunder Journalist und Leiter der der dortigen Pressestelle der Polizei Peter Bandermann auf den Punkt. Ein potenziell eher kriegsstiftendes „Denken in Nationalitäten“ verunmögliche ein friedliches Zusammenleben in der „Familie Mensch“ auf Augenhöhe und in wechselseitiger Akzeptanz schon allein deshalb, weil die Konstruktionen von Wir-Gruppen auf ihrer Kehrseite auch immer Ausschluss bedeutet. Der prominenten These von Francis Fukuyama, dass nationale Identitätspolitiken nötig sind, um sich zu erkennen, erkannt und anerkannt zu werden, setzte Moderator Michael Kiefer einleitend diejenige von Francois Julien entgegen, dass kulturelle Identität eine globale, kommunikative Ressource ist, die allen gehört.

Michael Kiefer und Meltem Kulacatan. Foto: Michael Gründel

Keine gefühlte Integration

Gleichwohl orientiert sich die Identitätsfindung der meisten Menschen irrational an „vorgestellten“ nationalen Gemeinschaften. Die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland, die mit rund drei Millionen die größte Gruppe von Menschen mit ausländischen Wurzeln bildet, macht da keine Ausnahme. Dabei sei in den letzten Jahren empirisch paradoxerweise ausgerechnet bei derjenigen dritten und vierten Generation, die hier geboren ist, ein abnehmendes Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland und umgekehrt eine zunehmende Hinwendung zur Türkei festzustellen, bemerkte der renommierte Duisburger Integrationsforscher Haci-Halil Uslucan. Die Frankfurter Politik- und Erziehungswissenschaftlerin Meltem Kulacatan erklärte das neben strukturellen Diskriminierungs- und alltäglichen Rassismuserfahrungen auch mit einem vor allem seit der NSU-Affäre verlorenen Vertrauen in den Schutz durch die deutschen Institutionen. Die fehlende Wertschätzung werde von dem vor neun Jahren gegründeten türkischen „Ministerium für Auslandstürken“ aufgefangen, von dem man sich eine „bessere Minderheitenpolitik“ erhoffe, ergänzte Uslucan. Damit sei auch der scheinbare Widerspruch zu erklären, dass die Mehrheit der Türkeistämmigen in Deutschland mit Erdogans AKP sympathisiere, gleichzeitig aber hierzulande „rot-grüne“ Parteipräferenzen habe. 

Peter Bandermann und Haci-Halil Uslucan. Foto: Michael Gründel

Viel erforscht, wenig verstanden 

„Stellen wir die richtigen Fragen?“, fragte sich und die Podiumsteilnehmer zum Schluss ein Osnabrücker Migrationsforscher aus dem Publikum heraus – und spielte damit auf die von Kulacatan in die Diskussion geworfene Bemerkung an, dass die Frage einer nationalen oder religiösen Identität bei jungen türkeistämmigen Menschen im Teenageralter nicht an vorderster Stelle stehe. Viel selbstverständlicher und spielerischer als vorherige Generationen würden sie die Pluralität transnationaler Räume akzeptieren und sich vornehmlich mit der Stadt identifizieren, in der sie leben, gab sie zu bedenken. Ausreichend erforscht sei dies allerdings noch nicht. Die ganz jungen würden selten befragt, bemerkte Kulacatan. Höchste Zeit also, auch denjenigen zuzuhören, denen die Zukunft gehört – und die möglicherweise viel weniger in singulären kollektiven nationalen Identitätskategorien denken als so manches Forschungsdesign es ihnen nahelegt.


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