Juden und Muslime im Gespräch Schalom Aleikum in Osnabrück: Nur Begegnung führt zum Frieden

Erzählten von ihren Erfahrungen mit anderen Religionen: Abdul-Jalil Zeitun, Semen Vassermann, Moderator Jannis Panagiotidis, Firouz Vladi,Inessa Goldmann (von links). Foto: Thomas OsterfeldErzählten von ihren Erfahrungen mit anderen Religionen: Abdul-Jalil Zeitun, Semen Vassermann, Moderator Jannis Panagiotidis, Firouz Vladi,Inessa Goldmann (von links). Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Schalom Aleikum: Das ist der Titel eines Projekts, das Juden und Muslime ins Gespräch bringen will. Jetzt machte es in der Osnabrücker Synagoge Station.

„Osnabrück ist die ideale Stadt für ein solches Projekt“, sagt Michael Grünberg, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Osnabrück. „Hier hat es eine große Tradition, dass die Menschen verschiedener Religionen einander kennen, einander begegnen und einander unterstützen.“

Doch das ist nicht überall so. Es gibt nicht wenige Juden, die kennen keinen einzigen Muslim persönlich, sind sich aber sicher, dass „die“ Muslime eine potentielle Bedrohung sind. Und es gibt nicht wenige Muslime, die kennen keinen einzigen Juden persönlich, sind sich aber sicher, dass „die“ Juden an allem Bösen in der Welt Schuld sind. „Wenn wir uns nicht kennenlernen und uns nicht gegenseitig zuhören, werden wir diese Vorurteile nicht abbauen“, sagt Dmitrij Belkin. Der Historiker leitet beim Zentralrat der Juden das Projekt „Schalom Aleikum“. Das hebräisch-arabische Kunstwort zeigt, worum es geht: um Frieden zwischen Juden und Muslimen. „Wir bringen Menschen beider Religionen zusammen“, sagt Belkin. „Ganz normale Menschen, keine Funktionäre, die sich auf Podien treffen.“

Viertes Treffen in Osnabrück

Seit Juli läuft das Projekt, das von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Annette Widmann-Mauz, finanziell gefördert wird. Drei Treffen quer durch Deutschland hat es bislang gegeben, bei denen jüdische und muslimische Startup-Unternehmer, Familien und Frauen einander begegnet sind. Jetzt, beim vierten Treffen in Osnabrück, standen ältere Menschen im Mittelpunkt. „Ich habe sofort Ja gesagt, als der Zentralrat gefragt hat, ob wir das in Osnabrück machen können“, sagt Michael Grünberg. „Ich wusste, dass das klappt.“

Und tatsächlich sind an diesem Abend etwa 100 Männer und Frauen in die Osnabrücker Synagoge gekommen, Mitglieder der jüdischen Gemeinde, aber auch auffallend viele muslimische Frauen. „Sie können sich alle auf unser Buffet nachher freuen“, sagt Michael Grünberg bei der Begrüßung. „Es ist koscher und halal“. Die religiösen Speisevorschriften – etwas, das Judentum und Islam verbindet.

Dass beide Religionen einiges verbindet, betonen auch die vier lebenserfahrenen Menschen, die es sich auf der Bühne auf zwei Sofas bequem gemacht haben. „Es ist mir eine große Ehre mit einem Imam das Sofa zu teilen“, sagt der Jude Semen Vassermann, der aber zugleich zugibt. „Eigentlich kenne ich nämlich keine Muslime.“ Ja, bei der Arbeit habe er schon Kollegen, die vermutlich muslimischen Glaubens sind. „Aber da ist Religion kein Thema, Hauptsache die Arbeit läuft gut.“

Der Muslim Abdul-Jalil Zeitun (links) und der Jude Semen Vassermann teilen sich mit Freude ein Sofa. Foto: Thomas Osterfeld

Der angesprochene Imam Abdul-Jalil Zeitun erzählt hingegen davon, dass er "schon immer" Juden kennt –auch früher in seiner Heimat bei Damaskus. Nach seiner Ankunft in Deutschland habe er immer bei einem jüdischen Schlachter eingekauft, um an religiös erlaubtes Fleisch zu kommen. „Wenn ich nicht genug Geld hatte, hat er auch schon mal gesagt: Du kannst morgen bezahlen. Das hat uns bewegt“, sagt Zeitun.

"Ganz normale Menschen"

Ähnliches hat Inessa Goldmann erlebt – nur umgekehrt. Als die Jüdin aus der damaligen Sowjetunion nach Osnabrück kam, kaufte ihre Familie immer beim Türken um die Ecke ein. „Wir haben uns angefreundet, und er hat gemerkt, dass wir kaum Geld haben“, sagt Goldmann. Von da an standen regelmäßig Tüten mit Lebensmitteln vor der Tür. Inzwischen trifft Goldmann, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, sehr oft auf Muslime, besonders auf muslimische Frauen. „Die meisten haben vorher noch nie einen Juden gesehen“, sagt sie. „Aber wenn wir zusammen sind, merken sie: Juden sind ganz normale Menschen.“

Die Jüdin Inessa Goldmann lernt in der Flüchtlingsarbeit viele Muslime kennen. Foto: Thomas Osterfeld

Weniger zum jüdisch-muslimischen Dialog beizutragen hatte Firouz Vladi. Er erzählte von seiner Schulzeit, als er Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre der einzige Muslim unter evangelischen Christen an seinem Hamburger Gymnasium war. „Ich musste nicht am Religionsunterricht teilnehmen“, erinnert sich der Sohn eines iranischen Import-Export-Kaufmanns, „aber ich wollte. Allerdings wollten die Lehrer meine kritischen Fragen nicht“. Und als er bei Diskussionen während des Sechs-Tage-Kriegs in Israel auch pro-arabische Argumente ins Feld führte, „bekam ich Redeverbot“.

Einig waren sich alle darin, dass ein Abend wie dieser der richtige Weg ist: Begegnung, vom eigenen Leben erzählen und sich von anderen ihr Leben erzählen lassen. Die Drei-Religionen-Schule, in der christliche, jüdische und muslimische Kinder miteinander lernen und miteinander die Feste ihrer Religionen feiern, sei ein anderes Beispiel für einen Weg in ein friedliches Miteinander. Genauso wie der Osnabrücker „Runde Tisch der Religionen“ oder die Einladung, Feste wie Chanukka oder das Zuckerfest gemeinsam zu feiern. „Schalom Aleikum“: an diesem Abend in dieser Stadt in dieser Synagoge wurde der Wunsch Wirklichkeit.


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