Ehrgeizige Pläne für die Schüler von morgen Verein gründet in Ex-Offizierskasino die erste Freie Schule in Osnabrück

Im ehemaligen Offizierskasino der Briten auf dem Landwehrgelände will der Verein Lebendig Lernen, hier vertreten durch (von links) Ricarda Hedwig, Robert Wasser, Julke Heitbrink und Gunnar Meemken eine Freie Montessori-Grundschule errichten. Foto: Gert WestdörpIm ehemaligen Offizierskasino der Briten auf dem Landwehrgelände will der Verein Lebendig Lernen, hier vertreten durch (von links) Ricarda Hedwig, Robert Wasser, Julke Heitbrink und Gunnar Meemken eine Freie Montessori-Grundschule errichten. Foto: Gert Westdörp
Gert Westdörp

Osnabrück. Fast fünf Jahre sind vergangen, seit die ersten Überlegungen für eine Freie Schule in Osnabrück das Licht der Welt erblickten. Heute sind die Initiatoren einen großen Schritt weiter: Schon zum Schuljahr 2020/21 soll die erste Freie Montessori-Grundschule an den Start gehen. Konzept, Finanzierung und Standort sind gefunden. Erste Anmeldungen gibt es auch schon.

Was treibt vor allem Eltern an, eine eigene Schule an den Start zu bringen? "Wir können hier Schule für unser Kind selber mitgestalten", sagt Gunnar Meemken, dessen Kinder die Schule ab dem kommenden Jahr besuchen sollen. Viele Eltern seien unzufrieden mit den Regelschulen. "In unserer Schule können die Kinder stressfrei für sich selbst und nicht nur für eine gute Note lernen", ergänzt Robert Wasser vom Vereinsvorstand.

Dass es unter den Anmeldungen für den ersten Jahrgang auch einige Lehrerkinder gebe, lässt Julke Heitbrink, die zweite Vorsitzende des Vereins, vermuten, dass Regelschulen auch von so manchen Pädagogen als nicht mehr zeitgemäß beurteilt werden. Unterstützung findet sie bei der ersten Vorsitzenden des Vereins, Ricarda Hedwig, die die Freie Schule später gerne um eine weiterführende Schule ergänzen möchte.

Eine private Schule fällt allerdings nicht einfach so vom Himmel. Bis die ersten Kinder unterrichtet werden können, bedarf es einer Menge Arbeite. Ein Konzept muss her, das die Landesschulbehörde für genehmigungswürdig erachtet, die Finanzierung muss sichergestellt werden, ein Gebäude gefunden werden, das unterrichtstauglich ist – und nicht zuletzt braucht es Eltern und Pädagogen, die das Konzept mittragen und mit Leben füllen. All diese Hürden hat der Osnabrücker Verein "Lebendig Lernen" jetzt offensichtlich genommen.

Das Konzept: Das pädagogische Konzept fußt auf der Montessori-Pädagogik und deren Fortschreibung in den Konzepten der Freien Alternativschulen. Die Montessori-Pädagogik gesteht den Kindern ein hohes Maß an Eigenverantwortung zu. Schule stellt die Rahmenbedingungen, die diese Form des Lernens nach den individuellen Bedürfnissen möglich macht. Die Schule schafft die Lernumgebung, die den Kindern vielfältige Entscheidungen und hiermit verbundene Erfahrungen ermöglicht. Die Kinder arbeiten in Freiarbeit mit den nach Maria Montessori (1870–1952) konzipierten Materialen. Sie lernen im freien Spiel, durch die freie Bewegung und durch die Kommunikation untereinander. 

Schüler und Lehrer: Die Schule wird mit 15 Schülern im ersten Jahrgang beginnen. Die Schülerzahl soll pro Jahrgang die Zahl 15 nicht überschreiten, sodass am Ende insgesamt 60 Grundschüler auf dem ehemaligen Kasernengelände unterrichtet werden. Die Schüler kommen nicht nur aus Osnabrück, sondern auch aus dem Landkreis und dem benachbarten Nordrhein-Westfalen. Zwei Lehrer (die im Montessori-Konzept "Lernbegleiter" heißen) haben bereits eine Stellenzusage. Sie verfügen über eine klassische Lehrerausbildung plus einer Zusatzausbilung in Montessori-Pädagogik. Hinzu kommt eine pädagogische Mitarbeiterin, ebenfalls mit Zusatzqualifikation. 

Die Eltern: Von den Eltern wird das Vertrauen in die Montessori-Pädagogik vor allem aber in die Lernfähigkeit der eigenen Kinder erwartet, da sich der Tagesablauf und das Lernen in der Freien Schule deutlich von dem an einer Regelschule unterscheidet. Die Mitwirkung der Eltern ist auf vielfältige Art erwünscht und kann das Anbieten von Kursangeboten am Vor- oder Nachmittag, das Herstellen von didaktischem Material oder das Mitgestalten von Festen umfassen. Auch in regelmäßig stattfindenden Versammlungen können sich Eltern einbringen und informieren.

Der Standort: Der Verein hat im Landwehrviertel im ehemaligen Offizierskasino der Briten den geeigneten Standort für die Schule gefunden. Er teilt sich das Gebäude zunächst mit einer städtischen Kita. Das Gebäude wird von der Esos vermarktet. Ein Mietvertrag ist vorbereitet und soll in Kürze unterzeichnet werden.

Schulzeiten: Der Regelschulbetrieb findet in der Zeit von 8 bis 13 Uhr statt. Angestrebt wird zudem eine Frühbetreuung von 7.30 bis 8 Uhr sowie an drei Tagen pro Woche von 13 bis 16 Uhr eine Nachmittagsbetreuung. Die Schule hat zu den regulären Ferienzeiten in Niedersachsen geschlossen.

Die Finanzierung: Eine Freie Schule gibt es nicht umsonst. Eine Schule in freier Trägerschaft muss ihre Finanzierung selbst organisieren. Ab dem vierten Jahr erhält sie Fördermittel vom Land Niedersachsen, mit denen aber lediglich etwa 75 Prozent der Betriebskosten gedeckt werden können. Der Rest muss durch Eltern und zum Beispiel durch Spenden finanziert werden. Die Freie Montessori-Grundschule Osnabrück wird für den ersten Jahrgang 100 Euro Schulgeld monatlich erheben. Danach ist für jeden Schüler ein monatlicher Obolus von 240 Euro zu entrichten. Für Geschwisterkinder gibt es Staffelbeiträge, auch kann in bestimmten Fällen das Schulgeld reduziert werden.

Die Landesschulbehörde: Die Landesschulbehörde hat sich bislang als äußerst kooperativ erwiesen, sagen die Schulgründer. Dem pädagogischen Konzept sei schon vor einigen Monaten zugestimmt worden. Für das Gebäude und dessen Umwandlung für eine schulische Nutzung gebe es noch Anregungen.

Der Blick in die Zukunft: Es soll nicht allein bei der Freien Motessori-Grundschule bleiben. Der Verein plant einen Kindergarten sowie eine weiterführende integrierte Schule – zunächst von Klasse fünf bis zehn – nach gleichem Konzept zu errichten. Derzeit baut die Stadt in unmittelbarer Nähe eine Kita mit fünf Gruppen. Wenn diese fertig ist, könnten die jetzt im ehemaligen Offizierskasino genutzten Räume möglicherweise an den Verein fallen, um die eigene Kita zu errichten. Auch auf das Nebengebäude hat der Verein ein Auge geworfen. Es könnte sich für die geplante weiterführende Schule eignen, die dann den Vorstellungen zufolge in fünf Jahren – mithin, wenn die ersten Kinder die Grundschule verlassen –, an den Start gehen könnte. 

Termin: Der nächste offene Elterntreff, auf dem sich Interessierte über die Freie Montessori-Grundschule informieren können, findet am Donnerstag, 21. November, um 20 Uhr im Café-Restaurant am Rubbenbruchsee statt. Infos gibt es auch auf der Internetseite des Vereins (https://freie-schule-osnabrueck.de). Anmeldungen für das Schuljahr 2020/21 sind derzeit noch möglich.


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