Der Malgartener Klavierherbst Durch Claras Brille

Ragna Schirmer spielt beim Klavierherbst in Kloster Malgarten ein Konzert "durch Claras Brille". Foto: Swaantje HehmannRagna Schirmer spielt beim Klavierherbst in Kloster Malgarten ein Konzert "durch Claras Brille". Foto: Swaantje Hehmann
Swaantje Hehmann

Bramsche-Malgarten. Zwei dem Vernehmen nach hervorragende Nachwuchstalente waren beim Malgartener Klavierherbst zu hören, Raúl da Costa und Kotaro Fukuma, und dann natürlich die Stars, Ragna Schirmer und Alexander Lonquich.

„Clara in England“ nennt Ragna Schirmer ihr Programm, doch abgesehen von der Zugabe spielt sie kein einziges Stück von Clara Schumann. „Ihre Hauptkunst war das Interpretieren der Werke anderer“, sagt die Pianistin. Stattdessen wiederholt sie ein Programm ihrer großen Kollegin von 1872. Das verrät an sich nicht viel über Clara Schumann, in Kombination mit Ragna Schirmers kleinen Vorträgen allerdings wird die Sache interessant. Und richtig spannend ist schließlich ihre Interpretation, denn auch hier versucht Ragna Schirmer sich Clara Schumann anzunähern, indem sie Gepflogenheiten des 19. Jahrhunderts aufgreift.

Durch Claras Brille präsentiert sie eine sehr ungewohnte Sicht vor allem auf Beethovens Waldsteinsonate, ziemlich extravagant, aber doch plausibel. So werden die Akkord-Repetitionen des Beginns mit rhythmischen Akzenten versehen, das Tempo immer wieder expressiv gedehnt, Passagen mit sehr viel Pedal und weichem, sentimentalen Klang werden in starken Kontrast zu harten, scharf artikulierten Passagen gesetzt, nie donnert sie allzu stark in die Tasten.

Es folgt ein Barock-Block, in dem Clara Schumann offenbar alle Stücke miteinander verbunden hat. Einen Scarlatti stellt Ragna Schirmer in Abweichung vom Programm vor Auszüge aus einer Suite g-moll von Händel. Interpretatorisch hat das, was da erklingt, nach heutigen Begriffen eher wenig mit Barock zu tun, im Fall der abschließenden Gavotte von Gluck allein schon durch die von Brahms angefertigte Bearbeitung, in die er typische Merkmale seines eigenen Klavierstils integriert hat. Dennoch ist diese von Clara Schumann zusammengestellte „Suite“ bei Ragna Schirmer ganz hinreißend.

Das Größte nach vorn

Das größte Werk müsse am Anfang stehen, so habe es Clara Schumann von ihrem Vater gelernt. Daran hält sich Alexander Lonquich tags darauf nicht. Er traut seinem Publikum viel zu, indem er die beiden letzten Schubert-Sonaten auf das Programm setzt, und die letzte und mit 45 Minuten längste Sonate steht bei ihm am Schluss. Michael Korstick hatte das beim Klavierherbst 2011 ebenfalls gewagt. Diese Werke erfordern allein aufgrund ihrer Länge einiges an Hingabe, eine Herausforderung. Doch nicht umsonst sagte der große, vor einem Monat verstorbene Schubert-Interpret Paul Badura-Skoda: „Schuberts Klaviersonaten gehören zu den größten Offenbarungen in der Musik.“

Nun wird Schubert bei einigen Pianisten, auch bei sehr berühmten, eher glatt und harmlos gespielt, bei Alexander Lonquich hingegen ist seine Musik eine tiefernste Sache. Den singenden Tonfall trifft er mühelos, doch das ist eben nur eine Seite. Lonquich präsentiert Schuberts Musik als stark zerklüftete Klanglandschaft voller sehr verschiedener Stimmungen, in die er sich intensiv versenkt. Wer sich darauf aber einlassen kann, für den ist es ein Erlebnis, der kann sich geradezu entrücken lassen.


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