Wirtschaftstalk zu Umwelt und Nachhaltigkeit Kann aus dem Norden der neue Ruhrpott werden - nur in sauber?

Diskutierten beim Wirtschaftstalk über Umwelt und Nachhaltigkeit im Energiesektor: Wilhelm Pieper (Agrowea), Alexander Bonde (DBU) und Stefan Dohler (EWE). Foto: Gert WestdörpDiskutierten beim Wirtschaftstalk über Umwelt und Nachhaltigkeit im Energiesektor: Wilhelm Pieper (Agrowea), Alexander Bonde (DBU) und Stefan Dohler (EWE). Foto: Gert Westdörp 

Osnabrück. Der Hambacher Forst ist zum Sinnbild des Kohleausstiegs geworden, „grüner“ Strom wird als Schlüssel für eine umweltfreundliche und nachhaltige Energiewende gesehen. Doch wie nachhaltig ist die Energie in der Region wirklich? Wo liegen die Herausforderungen, und was fordern Unternehmen und die Bundesstiftung Umwelt (DBU) von der Politik? Darüber haben EWE-Chef Stefan Dohler, Agrowea-Geschäftsführer Wilhelm Pieper und DBU-Generalsekretär Alexander Bonde im Wirtschaftstalk diskutiert.

Ist Angela Merkel noch die „Klima-Kanzlerin“, als die sie in der Vergangenheit gefeiert wurde? Die Antwort von Alexander Bonde ist da eindeutig: „Ich nehme nicht wahr, dass wir international noch als Vorreiter in Sachen Klimapolitik gesehen werden. Deutschland stößt das meiste Kohlendioxid in Europa aus. Wir haben zwar unheimlich viele Technologien und Angebote in Sachen Nachhaltigkeit, aber was die Gesamtbilanz Deutschlands angeht, sind wir schon seit Jahren kein Pionier mehr.“ Außer im Bereich Energie, in dem der Alleingang im Kohle- und Atomausstieg gesellschaftlich stark in der Kritik steht, hat Deutschland für Bonde ganz den Anschluss verloren. Der DBU-Chef kritisiert:

„Der gesamte Mobilitätsbereich zum Beispiel leistet in Summe gar keinen Beitrag zum Klimaschutz.“

Es sei also die Frage, ob der alte Champion Deutschland sich noch länger im hinteren Mittelfeld tummeln wolle.

Erneuerbare begrenzt im Einsatz

„Was im Moment im Ausland mit großem Interesse verfolgt wird, ist die Frage, ob Deutschland als Industrienation den Weg zu mehr erneuerbaren Energien im System schafft“, ergänzt EWE-Chef Stefan Dohler. Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sei auf Erzeugerseite viel geschaffen worden, das sieht auch Wilhelm Pieper, Geschäftsführer von Agrowea – ein Unternehmen, das unter anderem Windparks und Biomassekraftwerke betreut. Vom Gesamtenergieverbrauch in Deutschland sei der Stromverbrauch jedoch nur ein kleiner Anteil, macht Dohler deutlich, welch weiter Weg noch zu gehen ist.

„Der Primärenergieverbrauch liegt bei rund 2700 Terrawattstunden, der Stromverbrauch bei knapp 600 Terrawattstunden. Und davon können wir aktuell rund 40 Prozent mit Erneuerbaren abdecken, insgesamt nur 14 Prozent des Primärenergieverbrauchs.“

Ziel müsse es sein, den Gesamtbedarf klimaneutral zu machen. In der Technologie, die Volatilität der Energielieferanten Wind und Sonne auszugleichen, liegt laut Dohler für die Wirtschaft in Deutschland großes Potenzial. „Es geht nicht nur darum, Anlagen aufzustellen, sondern ein System aufzubauen und stabil zu betreiben“, betont er. Das müsse jedoch nicht nur mit der Volatilität der Energiequellen, sondern auch mit jener im Stromverbrauch zurechtkommen, ergänzt Wilhelm Pieper. „Das wird oft vergessen.“

Kritik an Klimapaket

Vom jüngst verabschiedeten Klimapaket der Bundesregierung hält weder DBU-Chef Bonde noch die Unternehmer Dohler und Pieper viel. „Das Gesetz blockiert den Klimaschutz“, so Pieper. „Bei 1000 Metern Abstand ist ein Ausbau der Windenergie kaum noch möglich.“ Dabei sei ein Ausbau dringend notwendig, um den Energiebedarf heute wie in Zukunft zu decken.

Foto: Gert Westdörp

„Die von der Politik selbst gesteckten Klimaziele werden damit nicht erreicht“, sagt auch Stefan Dohler. Dabei könnte die Wirtschaft vom Klimaschutz sogar profitieren, ist sich Pieper sicher. „Ohne dass es uns was kostet“, wie der Unternehmer betont. Stattdessen würden durch falsche Maßnahmen ganze Industriezweige wie die Windindustrie gefährdet. „30000 Arbeitsplätze sind schon weggefallen. Wenn wir noch länger warten, sind die übrigen auch noch weg, und die Technologie wird im Ausland weiterentwickelt.“ So wie es vor Jahren mit der Solarbranche passierte. „China ist da heute Technologie- und Marktführer“, so Pieper. Obwohl die Bundesrepublik einst Vorreiter war.

Stefan Dohler richtet den Blick auch auf den zunächst mit zehn Euro pro Tonne festgesetzten CO2-Preis. Der EWE-Chef kritisiert:

„Der Lenkungseffekt wird frühestens 2026 greifen. Die ersten Jahre sind verschenkt.“

Dabei wäre die Wirtschaft durchaus einen höheren Einstiegspreis mitgegangen, ist sich Dohler sicher. „Ein klarer Fahrplan in Sachen Klimaschutz statt eines Sammelsuriums an Maßnahmen hätte Planungssicherheit gebracht.“ Letztere ist für Unternehmen häufiger ein Problem, so Dohler. Regierungswechsel oder Ereignisse wie Fukushima können politische Entscheidungen von jetzt auf gleich infrage stellen. „Als Unternehmer darauf zu reagieren ist schwierig. Andererseits tut die Politik das, was die Mehrheit der Bevölkerung will. Sie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.“

Bonde: Mutigere Energiepreisreform

Doch zurück zum Klimapaket: Mit einer mutigen Energiepreisreform hätte die Politik mehr erreicht, ist sich der EWE-Chef sicher. Die Einschätzung teilt auch Alexander Bonde – auch wenn er froh ist, dass der Einstieg in eine CO2-Bepreisung für alle Sektoren vollzogen wird:

„Offen gestanden habe ich nicht ganz verstanden, warum der Bundesregierung hier der Mut gefehlt hat, mit einem deutlicheren Zeichen in die CO2-Bepreisung einzusteigen.“

Gleichzeitig hätte eine Entlastung durch die Energiesteuer stattfinden können. „Im Kern ist die komplette Wissenschaft enttäuscht, und auch auf die berechtigten Fragen von Fridays for Future bietet das Klimapaket keine Antworten.“

Wie ist der Spagat zwischen Freitagsdemos für das Klima auf der einen Seite und einem Ausbaustopp der Windenergie auf der anderen zu erklären?


Grundsätzlich stieß die Bewegung Fridays for Future bei Dohler, Pieper und Bonde auf viel Zustimmung. „Wir unterstützen die Bewegung, wo es möglich ist. Der menschengemachte Klimawandel ist wissenschaftlicher Fakt und in seinen Auswirkungen bereits spürbar, auch wenn große Konzerne es immer wieder geschafft haben, Zweifel zu säen. Insbesondere in den USA“, so Wilhelm Pieper. Die DBU unterstützt auch den Ableger Entrepreneurs for Future.

So weit geht Stefan Dohler nicht.

„Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, uns in einer einzigen Bewegung zu engagieren. Grundsätzlich unterstützen wir einen Großteil der Ziele von Fridays for Future, es ist aber keine homogene Bewegung.“

Und man könne eben nicht alle Forderungen unterstützen. Das macht Dohler am Beispiel von FFF-Forderungen aus Bremen deutlich. Die lautet: Schluss mit Kohlekraft ab 2020. „Als EWE treffen wir Entscheidungen, die Kohle deutlich vor dem vorgesehenen Datum abzuschalten. Trotzdem kann ich nicht sagen, wir machen das 2020.“ Aus einem einfachen Grund: EWE versorgt in Bremen Menschen mit Fernwärme, Energielieferant ist ein Kohlekraftwerk. „Schalten wir das ohne Alternative ab, haben zigtausend Bremer kalte Füße.“ Nur moralisch hinter Forderungen zu stehen, ohne danach zu handeln, davon hält Dohler nichts.

Foto: Gert Westdörp

Und welchen Einfluss hat das Thema Nachhaltigkeit generell auf die Wirtschaft vor Ort? „Es ist offenkundig, dass wir die Transformation hinkriegen müssen“, sagt Alexander Bonde. In der Region sieht er dafür viel Kompetenz und Chancen. „Wenn wir es offensiv angehen“, betont der DBU-Chef. Dem stimmt auch Dohler zu: „Wir haben die Küste, sind Anlandepunkt für Offshore-Wind, haben eine Menge Onshore-Wind und große Untergrundspeicher, in denen wir Gas einspeichern können“, nennt der EWE-Chef nur einige Komponenten, von denen die Region beim Rohstoff Wind profitiert. „Wir sind der neue Ruhrpott – nur sauber.“

Es sind jedoch nicht nur die Komponenten für eine Energiewende, die Bonde vor Augen hat:

„Viele Unternehmen, mit denen wir in Kontakt stehen – kleine wie große –, führen aktuell intern eine Debatte zum Stellenwert des eigenen Unternehmens in der Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur darum, für eine Zielgruppe zu produzieren, sondern ein Produkt mit gesellschaftlichem Mehrwert anzubieten. Teil der Lösung zu werden ist eine riesige Marktchance.“

Hier sieht Wilhelm Pieper eine Chance in der Marktstruktur der Energiebranche. „Viele Innovationen sind dezentral von vielen kleinen Unternehmen ausgegangen.“ Auch für Stefan Dohler braucht es den Mix zwischen Start-ups und Konzernen. Erstere würden beim Thema Hochskalierung schnell an ihre Grenzen stoßen, so der Vorstandsvorsitzende. „Hier kommen Unternehmen wie wir ins Spiel, unsere Strukturen.“ „Jeder muss seine Rolle kennen“, sagt auch Wilhelm Pieper, dessen Unternehmen unter anderem Projekte gemeinsam mit Innogy umsetzt.

Foto: Gert Westdörp

Doch bis zur Umsetzung vergeht oft viel Zeit. Wilhelm Pieper hat dafür eine Erklärung: „Wir erleben zurzeit eine Maßlosigkeit im Naturschutz. Es kann nicht sein, dass es keine Interessenabwägung mehr gibt“, kritisiert der Unternehmer. Auch wenn Alexander Bonde durchaus eine Anzahl neuberufener Naturschützer beobachtet, deren Umweltinteresse „mitunter durchaus sehr lokal begrenzt ist“, sieht er doch die Notwendigkeit der Abwägung.

„Neben der Klimakrise haben wir mit dem Verlust der Artenvielfalt eine zweite große Krise. Auch der Artenschutz ist ernst zu nehmen.“

Den Naturschutz sieht Bonde oft in der Rolle des „schwarzen Peters“, der für ein „Nichtwollen“ herhalten muss.

Dohler kritisiert in diesem Zusammenhang große Unterschiede in der Genehmigungspraxis der Bundesländer, unter anderem bei Windrädern. Gerade weil die Prozesse so lange dauern, sei ab und an schon wieder eine neue Turbine auf dem Markt, die der Hersteller gerne verbauen würde. Während bei dem einen nur ein Änderungsantrag gestellt werden müsse, würden bei anderen die Prozesse von vorne beginnen. „Wie kann das sein?“

Ein Schlüssel zum Erfolg liegt für Wilhlem Pieper darin, die Bürger vor Ort in Form von Bürgerenergiegesellschaften zu beteiligen. „Das schafft Akzeptanz in der Bevölkerung“, so der Unternehmer. Für Stefan Dohler läuft am Ende alles auf eine Frage hinaus:

„Welchen Preis ist jeder bereit, für eine klimaneutrale Energie zu zahlen? Dazu gehört auch die Akzeptanz von Infrastruktur im persönlichen Umfeld. Das wird ausgeblendet.“

Großes Potenzial sieht der EWE-Chef ebenso wie Alexander Bonde im Wasserstoff. Aus einem einfachen Grund: „Wenn man den Klimawandel konsequent bekämpfen will, reicht der Blick auf den Stromsektor nicht aus. Für Verkehr und Industrie braucht es auch molekülbasierte Energieträger, also saubere Gase“, so Dohler. 

Das könne Wasserstoff sein, das könnten aber auch Biogase sein – alles, was klimaneutral hergestellt und in großen Mengen gespeichert werden kann. Der Vorteil, so Bonde: Gase können besser gespeichert und transportiert werden. „Das ist der Schlüssel. Zentrale industrielle Prozesse klimaneutral zu gestalten wird nur über Wasserstoff gehen.“

Ein politischer Hype hat in der Vergangenheit jedoch Innovationen nicht immer gut getan. Ist die Aufmerksamkeit ein Nachteil?


Spannend, so der DBU-Chef, sei damit vor allem eines: Wie passt die Produktion von Wasserstoff in ein Szenario, in dem die Erneuerbaren massiv ausgebaut werden müssen? Dohler:

„Die Frage ist, ob Wasserstoff nur aus dem Überschuss-Strom hergestellt werden kann. Auf Sicht brauchen wir eine nachhaltige Produktion.“

Ob die dann in Deutschland, im Sonnengürtel oder in Norwegen passiere, bleibe abzuwarten.

Grundsätzlich müsse die Energiewende in Deutschland ohnehin im internationalen Kontext diskutiert werden. „Wir sind heute großer Energieimporteur. Eine Energieautarkie werden wir auf absehbare Zeit nicht bekommen. Daher ist eine Einbettung in ein internationales Gesamtsystem wichtig“, so Dohler. Das gilt auch beim Thema Strompreis.

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