„Einfach überraschen lassen“ 34. Unabhängiges Filmfest möchte unterhalten und Inhalte vermitteln

Tagesaktuelle Bezüge: Der Film „Der zweite Anschlag“ dokumentiert und thematisiert die Kontinuität rassistisch motivierter Gewalttaten in Deutschland. Foto: BC ProductionTagesaktuelle Bezüge: Der Film „Der zweite Anschlag“ dokumentiert und thematisiert die Kontinuität rassistisch motivierter Gewalttaten in Deutschland. Foto: BC Production

Osnabrück. Ein Klassiker seit den Achtzigerjahren: Auch im 34. Jahr seines Bestehens bildet das Unabhängige Filmfest Osnabrück mit 38 Lang- und 51 Kurzfilmen eine große Bandbreite internationaler Arthouse- und Independentfilme ab. Acht ausgewählte Beiträge stehen im Wettbewerb um den diesjährigen Friedensfilmpreis.

Wie viel Krieg darf und soll bei einem Friedensfilmfestival gezeigt werden? Diese Frage umtreibt die Programmmacher regelmäßig, verrät Julia Scheck, die seit vier Jahren das Unabhängige Filmfest Osnabrück leitet. Dank der großen Auswahl an subtilen Stoffen, die den Krieg eher im Hintergrund halten und den Friedensgedanken in den Vordergrund stellen, sind die diesbezüglichen Entscheidungen in diesem Jahr aber weniger schwergefallen. Beim syrischen Beitrag etwa habe man ganz bewusst mit „The Day I Lost My Shadow“ eine fiktive, aber gleichwohl an die Realität angelehnte Geschichte gewählt. Auch „It Must Be Heaven“ gehe nicht offen dokumentarisch auf den Palästina-Konflikt ein, sondern sei getrieben von Melancholie und Glauben an den Frieden, beschreibt Scheck zwei Beiträge, die es in den Hauptwettbewerb um den Osnabrücker Friedensfilmpreis geschafft haben – mit 15.000 Euro der bundesweit höchstdotierte seiner Art. 

"It Must Be Heaven". Foto: Neue Visionen

Starke Dokumentarfilme

Aus rund 120 Einreichungen konnte gewählt werden. Parallel dazu wurden auf anderen Festivals Filme gesichtet, die dem Anspruch des Filmfests genügen, aus verschiedenen Perspektiven und Ländern Themen abzubilden, die berühren und bewegen. Das starke Angebot an Dokumentationen oder daran angelehnten, semifiktionalen Erzählungen sieht Scheck einem Bedürfnis geschuldet, in einer sehr schnelllebigen Welt Dinge über flüchtige Tweets und plakative Schlagzeilen hinaus besser verstehen zu wollen. Ein Film, den man dank eines Kontaktes zur Kamerafrau in seiner Entstehung schon lange im Blick gehabt habe und auf den man förmlich gewartet habe, sei zum Beispiel „Der zweite Anschlag“, der die Kontinuität des rechten Terrors in Deutschland seit den frühen Neunzigerjahren thematisiert und mit den aktuellen Ereignissen zusätzliche Relevanz gewinnt. Eine Festivalentdeckung ist der Eröffnungsfilm „Lovemobil“, der in München Premiere feierte, aber von fahrenden Bordellen an einer Bundesstraße in Norddeutschland handelt – nicht der einzige Grund, ihn auch auf einem niedersächsischen Filmfest zu zeigen. Er gebe auf überzeugende, jahrelang recherchierte Weise Menschen eine Stimme, die „sonst überhaupt nicht sprechen“, begründet Scheck die Auswahl.

"Lovemobil". Foto: Elke Margarete Lehrenkrauss

Visuelle Erzählungen

Mit einer bereits heute akuten Folge des Klimawandels beschäftigt sich der kanadische Wettbewerbsbeitrag „Anote´s Ark“ über das vom Verschwinden bedrohte pazifische Kiribati, aus dem die ersten weltweit anerkannten Klimaflüchtlinge stammen. „Götter von Molenbeek“ zeigt, wie klug Kinder in einem sozialen Brennpunkt Brüssels unbeschadet von der Erwachsenenwelt ihren Alltag beobachten, denken und handeln. „Manta Ray“ erzählt in subtiler und poetischer Weise von Einsamkeit und Neuanfang im Schatten des Völkermords in Myanmar und ist für die Festivalleiterin ein gutes Beispiel dafür, wie eine Geschichte nicht durch „talking heads“, sondern in Form eines Bildrausches auch visuell erzählt werden kann. Der türkische Beitrag „The Announcement“ liefert schließlich den Beweis dafür, dass ernste Themen wie ein politischer Putsch oder Umsturz und deren Absurdität auch humoristisch in Form einer skurrilen schwarzen Komödie abgebildet werden können. 

"Anote´s Ark". Foto: Eye Steel Film Distribution

Humanistische Ausrichtung

Neben der Berliner Kuratorin und Künstlerin Masha Matzke und der Kinobetreiberin Wiebke Thomsen aus Hannover gehört auch Mike Beilfuß zur dreiköpfigen Fachjury, die nach gemeinsamer Sichtung über den Friedensfilmpreis entscheiden wird. Er lese grundsätzlich vorher keine Inhaltsangaben, weil er sich gern unvoreingenommen „einfach überraschen lassen“ möchte, sagt der Bremer Musikwissenschaftler und Filmproduzent. Neben der inhaltlich humanistischen Ausrichtung wird er dabei besonders auf deren Verknüpfung mit neuen und innovativen ästhetischen Erzählformen achten. Erstmals ist Beilfuß Juror beim Osnabrücker Filmfest, wo auch der von ihm produzierte Kurzfilm „Nicht im Traum“ zu sehen sein wird. 

"The Announcement". Foto: Heretic Outreach

Zwischen Politik und Ästhetik

Eine große Bandbreite an tagesaktuellen Arthouse- und Independent-Filmen, die laut Scheck „visuell stark“ und „im Schnittpunkt zwischen Politik und Ästhetik nicht nur unterhalten, sondern auch Inhalte vermitteln“, ist auch in den anderen Sektionen des Filmfests zu sehen. „Focus on Europe“ etwa widmet sich dem grenzüberschreitenden europäischen Kino – inklusive zweier preisgekrönten Produktionen aus Nordmazedonien. „Vistas Latinas“ zeigt zeitgenössische Filme aus Lateinamerika. Und Kinder ab vier Jahren sehen als „Ufolinos“ ausgewählte Kurzfilme. „Extrem“ wird es bei einer Genre-Trilogie in der Filmpassage und „Laut“ bei Musikdokumentationen in der Lagerhalle, im Haus der Jugend und im Filmtheater Hasetor. Wettbewerbe gibt es auch für Filme, die sich für Kinderrechte einsetzen, sowie für Kurzfilme.


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