„Schutzprozess“ im Bistum ist auf dem Weg Gespräch im Cinema-Arthouse zum Missbrauchs-Film „Gelobt Sei Gott“

Nachhaltig beeindruckt vom Film „Gelobt Sei Gott“ zeigten sich bei der Diskussion im Anschluss (von links) Christoph Hutter, Martina Kreidler-Kos, Heinz Wilhelm Brockmann und Moderatorin Susanne Haverkamp. Foto: André HavergoNachhaltig beeindruckt vom Film „Gelobt Sei Gott“ zeigten sich bei der Diskussion im Anschluss (von links) Christoph Hutter, Martina Kreidler-Kos, Heinz Wilhelm Brockmann und Moderatorin Susanne Haverkamp. Foto: André Havergo

Osnabrück. Die Kino-Vorpremiere wurde zum Gesprächsauslöser: Im Cinema-Arthouse diskutierten nach dem Film "Gelobt Sei Gott" drei Experten über den Umgang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche im Allgemeinen und im Bistum Osnabrück im Besonderen.

Das Thema Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche bewegt die Gemüter. Als Täter und Opfer gemeinsam ein Vater Unser beten, geht ein Raunen durch den voll besetzten Kinosaal im Cinema-Arthouse. Es ist eine Szene aus dem Film „Gelobt Sei Gott“ von Francois Ozon, der bereits seit Februar in Frankreich für viel Gesprächsstoff sorgt und der einen Tag vor seinem offiziellen Kinostart in Deutschland in einer Vorpremiere zu sehen war. Für ein anschließendes Film-, Podiums- und Publikumsgespräch hatte das Bistum Osnabrück drei Experten zum Thema eingeladen. 

Schweigen gebrochen 

Die zeigten sich zunächst einmal allesamt nachhaltig beeindruckt von der Schilderung des realen Falles eines Priesters, dem es von der Kirche erlaubt wird, trotz des bekannten, aber verschwiegenen oder verschleierten Missbrauchs mehrerer Jungen und unter Berufung auf die abgelaufene Verjährungsfrist weiterhin mit Kindern zusammenarbeiten. Der Film zeigt aber auch und vor allem, was die Opfer bewirken können, wenn sie ihrerseits ihr Schweigen brechen, sich zusammentun und mit ihrer Leidensgeschichte an die Öffentlichkeit gehen. Dass er ganz unterschiedliche Perspektiven und Reaktionen auf den Missbrauch und somit eine von nur einem einzigen Täter ausgehende „Flut von Betroffenheit“ zeigt, stellte Christoph Hutter dankbar heraus, der die Psychologischen Beratungsstellen im Bistum leitet. 

Christoph Hutter leitet die psychologischen Beratungsstellen im Bistum. Foto: André Havergo

Geschützter Raum notwendig

Ein halbes Dutzend Arbeitsgruppen würde dort kein Schutzkonzept, sondern „mit deutlichen Schritten“ einen Schutzprozess auf den Weg bringen, betonte Hutter: Langfristig sei eine Art „Zeitzeugenprogramm“ und ein „geschützter Raum für Aussagen von Betroffenen“ nötig. Denn es bestehe die Gefahr eines „Missbrauchs des Missbrauchs“, indem die Opfer „ins Rampenlicht gezerrt“ würden. So hilfreich und notwendig die „Herstellung von Öffentlichkeit“ auch sei: Ein „zweites Leid auf offener Bühne“ sollte man ihnen ersparen, mahnte der pädagogisch und psychologisch geschulte Pädagoge. 

Strukturen schaffen

Zudem sollte Missbrauchsopfern perspektivisch möglichst von Beginn an ein Rechstbeistand vermittelt und anstelle einer nur symbolischen Anerkennung des Leides Entschädigungszahlungen geleistet werden. Denn nicht der Ruf der Kirche, sondern das Kümmern um Betroffene habe Vorrang. Auch im Bistum Osnabrück gebe es das Phänomen der schweigenden „Mitwisserschaft“, verriet Hutter – und plädierte daher dafür, nicht nur besser hinzuhören und weniger wegzugucken, sondern auch stets wachsam zu sein und dafür entsprechende Strukturen zu schaffen. 

Betroffenheit auch auf der Bühne. Foto: André Havergo

Signale erkennen

Dazu zählen neben der juristischen Aufarbeitung und der Opferbetreuung auch Präventionskonzepte. Man müsse Geschichten zu Fällen machen, deren Hintergründe „klar machen und darstellen“ und zudem in der Präventionsarbeit dahin kommen, auch „die kleinsten Signale von Betroffenen“ zu erkennen, sagte Heinz Wilhelm Brockmann. Oftmals verweigere die Kirche, sich all dem zu stellen, konzedierte der ehemalige Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Man sei es aber den Opfern schuldig, Strukturen dafür zu schaffen, dass es „in Zukunft anders“ laufe, betonte Brockmann. 

Sexualmoral überdenken

Dass dafür auch die Beschäftigung mit Grundsatzfragen nötig ist, hob insbesondere Martina Kreidler-Kos als Familienreferentin des Bistums hervor. Neben der Rolle der Frau in der katholischen Kirche und dem dortigen Umgang mit unkontrollierter Macht und Entscheidungsgewalt müsse vor allem die „schwierige“ katholische Sexualmoral hinterfragt und revidiert werden. Schließlich sei die reduzierte und „pessimistische“ Sicht auf Sexualität der „Nährboden“ für deren „unreife und kranke Formen“. 

Martina Kreidler-Kos ist Diözesanreferentin der Ehe- und Familienpastoral im Bistum Osnabrück, rechts Kulturstaatssekretär a.D. Heinz Wilhelm Brockmann. Foto: André Havergo

Konkret sprach sich die Theologin für Erste dafür aus, Partnerschaftssegnungen ohne Vorbehalte auch für zweite Ehen oder gleichgeschlechtliche Beziehungen zu gewähren. Würde man anerkennen, dass alles, was Liebe ist, auch segenswürdig ist, würde das für die Kirche „zum Segen werden“, sagte Kreidler-Kos – und plädierte abschließend dafür, Missbrauchsgeschichten nicht zu verschweigen, sondern sie zu erzählen. So wie es der Film tut, der sie „bewegt“, aber auch „beschämt“ und „unfassbar wütend“ gemacht hat.


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