Gemischtes Doppel mit falschen Bällen Osnabrücker Premiere stellt „Die Wahrheit“ auf die Probebühne

Gefährliche Liebschaft: Christian Walter und Evelyn Meier spielen als Michel und Alice „Die Wahrheit“ in der Probebühne. Foto: Sebastian OrtnerGefährliche Liebschaft: Christian Walter und Evelyn Meier spielen als Michel und Alice „Die Wahrheit“ in der Probebühne. Foto: Sebastian Ortner

Osnabrück. Gelungene Premiere an der Probebühne: Ellen Moschitz-Finger und Gerrit Loets inszenieren Florian Zellers komödiantisches Verwirrspiel "Die Wahrheit" als Osnabrücker Erstaufführung - und ernten viel Applaus von einem begeisterten Publikum.

Wer belügt wen? – und warum? Wenn es in der Pause eines Theaterstücks unter den Gästen kein anderes Gesprächsthema gibt als das soeben Gesehene und anregend darüber spekuliert wird, wie es wohl weitergeht und endet, hat die Regie vieles, wenn nicht alles richtig gemacht. 

Wendungsreiche Vierecksgeschichte

Genau so war es bei der Osnabrücker Erstaufführung von Florian Zellers wort- und wendungsreicher Vierecksgeschichte „Die Wahrheit“, die Ellen Moschitz-Finger und Gerrit Loets als vergnüglich boulevardeskes Kammerspiel auf die Bühne gebracht haben – genauer gesagt: auf die Probebühne. Und das ist das eigentlich Erstaunliche an diesem Premierenabend: Für ein Laientheater ungewöhnlich souverän und hochkonzentriert entspinnen die vier Darsteller das komplexe Lügen- und Beziehungsgeflecht zwischen zwei Ehepaaren, das um die Frage kreist, ob es moralisch legitim sein kann, eine Affäre zu verschweigen, um eine Partner- oder Freundschaft nicht in Gefahr zu bringen.

Flotter Schauspieler-Vierer (von links): Pia Börgerding, Christian Felsner, Evelyn Meyer und Christian Walter. Foto: Sebastian Ortner

Gekonnt die Bälle zugespielt

Auch dem Publikum wird ein hohes Maß an Konzentration zugemutet, wenn falsche Fährten gelegt, Fallstricke ausgeworfen oder Alibis erfunden und überprüft werden. Letztlich spielt hier jeder dem jeweils anderen seine ganz eigene Komödie vor – bis hin zum Selbstbetrug, der dem schlechten Gewissen zuvorkommt oder es zumindest überlagert. In sieben einfachen Bildern, die vornehmlich um ein Bett, ein Sofa und einen Rollwagen mit alkoholischen Wahrheitsdestillaten kreisen, spielen sich die Protagonisten jeweils in Zweierkonstellationen gekonnt die Bälle zu.

Erklärungsnotstand: Michel mit seiner von Pia Börgerding gespielten Frau Laurence. Foto: Sebastian Ortner

 

Als der von Christian Walter so überzeugend wie facettenreich gespielte Michel von seinem besten Freund Paul (Christian Felsner), mit dessen Frau Alice (Evelyn Meyer) er ihn betrügt, in die Enge getrieben wird, bekommt diese Metapher eine reale Dimension. Denn das Ping-Pong-Spiel der Worte findet mit allem gebotenen Mut zur Körperlichkeit in der Umkleidekabine eines Tennisclubs statt. Allein im übertragenen Sinne machen sich die beiden Freunde nicht nackt voreinander. Die buchstäblich überhöhte Anordnung dieser Schlüsselszene auf der Empore der Bühne verdeutlicht indes auch sinnbildlich, dass es hier um etwas geht, das weit über einer banalen Bettgeschichte steht, nämlich um eine Männerfreundschaft, die dadurch auf die Probe gestellt und aufs Spiel gesetzt wird.

Ins Schwarze getroffen: Christian Felsner bringt als Paul seinen Freund Michel in Verlegenheit. Foto: Sebastian Ortner

Lügen bis zum letzten Return

„Die Wahrheit liegt auf dem Platz“, hat ein bekannter Fußballlehrer einmal gesagt. In der Probebühne ist es der Tennisplatz, der eine Allegorie des Lebens im Allgemeinen und des Liebeslebens im Besonderen liefert. Am Ende des gemischten Doppels sorgt überraschend Michels Gattin Laurence (Pia Börgerding) für den letzten, noblen Return, der die Zuschauer auch nach dem viel beklatschten Ende dieses doppelbödigen Verwirrspiels im Viereck noch darüber weiterrätseln lässt, wer denn nun gewonnen hat. Die Probebühne in jedem Fall. Denn dieses Amateurtheater ist großes Schauspielertennis.

Termine

Weitere Vorstellungen am 27. September, 25. Oktober, 01., 08., 15. Und 22. November und 13. Dezember, jeweils um 20 Uhr, Probebühne, Wiesenstraße 1.


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