Ab Donnerstag neu im Kino "Nurejew - The White Crow" - Killed by Translation

Mit dem Weltklasse-Balletttänzer Oleg Ivenko als Rudolf Chametowitsch Nurejew hat die Produktion "Nurejew - The White Crow" einen echten Glücksgriff gelandet. Ab Donnerstag neu im Kino. Foto: Larry Horicks / Alamode Film.Mit dem Weltklasse-Balletttänzer Oleg Ivenko als Rudolf Chametowitsch Nurejew hat die Produktion "Nurejew - The White Crow" einen echten Glücksgriff gelandet. Ab Donnerstag neu im Kino. Foto: Larry Horicks / Alamode Film.
Larry Horicks

Osnabrück. Schauspieler und Regisseur Ralph Fiennes gelingt in seiner dritten Regiearbeit „Nurejew – The White Crow“ eine spannende Biografie und Charakterstudie des weltberühmten Tänzers. Leider macht die deutsche Synchronfassung vieles kaputt.

Rudolf Chametowitsch Nurejew tanzte schon bei seiner Geburt aus der Reihe. Noch während der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn erblickte er irgendwo bei Irkutsk das Licht der Welt. Da konnte freilich noch niemand ahnen, dass aus dem schon als Kind eigenwilligen Außenseiter später einmal der großartigste Balletttänzer des 20. Jahrhunderts erwachsen sollte. Und auch, wenn er bereits in jungen Jahren und eher aus Zufall seine Liebe für das Ballett entdeckte, begann seine Ausbildung zum Tänzer doch erst, als er das für Anfänger hohe Alter von 17 Jahren erreicht hatte.

In seinem biografischen Spielfilm „Nurejew – The White Crow“ konzentriert sich Regisseur und Schauspieler Ralph Fiennes nach dem Drehbuch von David Hare („Der Vorleser“) nun auf die jungen Jahre des Weltstars bis zu seiner Flucht in den Westen. Als Inspiration diente Julie Kavanaghs Bestseller „Nurejew. Die Biographie“. Oder besser gesagt: die ersten Kapitel. Dabei bilden die Wochen, in denen Nurejew 1961 mit dem Kirow-Ballett in Paris gastierte, das erzählerische Gerüst für eine zwar unvollständige Biografie, die aber vor allen Dingen als mitreißende Charakterstudie fasziniert.

In Rückblenden führt Fiennes durch insgesamt drei miteinander verwobene Zeitebenen. Dabei entspricht der Aufenthalt in Paris der filmischen Gegenwart, der Nurejews prägende Kindheit in dessen Heimatstadt Ufa sowie dessen Ausbildung als Tänzer in Leningrad unter der Leitung des legendären Ballettmeisters Alexander Puschkin (Fiennes) gegenüber gestellt werden.

Jener Puschkin ist es auch, der zu Beginn des Films mit einem inhaltlichen Vorgriff auf die Ereignisse die Richtung vorgibt. Da muss sich der Ballettmeister in der UdSSR vor dem gefürchteten Geheimdienst dafür rechtfertigen, dass ihm sein Schützling im Westen abhanden gekommen ist. Wie konnte das nur passieren? Hatte die Flucht etwa politische Gründe? Nein, versucht Puschkin abzuwiegeln. Nurejew wolle doch nur tanzen. Der Geheimdienstler wirkt ratlos. Nur tanzen? „Das kann er doch auch hier!“

Als Hauptdarsteller für die Rolle des jungen Nurejews konnte mit Oleg Ivenko ein Weltklasse-Balletttänzer gewonnen werden, der noch nie zuvor vor einer Filmkamera agiert hat. Das Ergebnis wirkt beeindruckend. Ivenko verkörpert Nurejew nicht nur in den Ballettszenen mit einer präzisen Authentizität, die wahrscheinlich kein Schauspieler auch nur annähernd so hinbekommen hätte. Dank Ivenko gerät „Nurejew – The White Crow“ auch zu einer faszinierenden Charakterstudie, die den Ballettstar auf der Leinwand zu einer ambivalenten Figur werden lässt.

Damit nicht genug. Im letzten Akt dreht Fiennes dann gewaltig an der Spannungsschraube und lässt die biografische Charakterstudie in einen hochdramatischen Thriller mit allen Zutaten aus der Zeit des Kalten Krieges münden. Nurejews plötzlicher Entschluss, seiner Heimat den Rücken zu kehren, und der Versuch seiner Aufpasser am Pariser Flughafen Le Bourget, diesen „Angriff auf die Sowjetunion“ zu vereiteln bieten Höchstspannung.

Leider wird dieser großartige Film durch die deutsche Synchronisation arg in Mitleidenschaft gezogen. Fiennes hat sowohl als Regisseur als auch in seiner Rolle des Puschkin großen Wert auf sprachliche Authentizität gelegt, ja, sogar kräftig an seinem Russisch gefeilt. Aber wo nun in der Originalfassung eine authentische Vielsprachigkeit herrscht und als wichtiges dramaturgisches Element zum Tragen kommt, muss man sich in deutschen Kinos mit einer glatt gebügelten Synchronfassung begnügen, die dem Original kaum noch nahe kommt. Was für eine ignorante Respektlosigkeit!

Nurejew: The White Crow. UK/F/Serbien 2018. R.: Ralph Fiennes. D.: Oleg Ivenko, Ralph Fiennes, Adèle Exarchopoulos, Chulpan Khamatova. Laufzeit: 127 Minuten. FSK: ab 6. Cinema Arthouse.


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