Meist leisten Frauen Erste Hilfe für die Seele Männer und Trauer- warum arbeiten in der Trauerbegleitung überwiegend Frauen?

Trauerbegleitung ist weiblich!. Dabei wünscht sich manch männlicher Trauernde einen gleichgeschlechtlichen Begleiter. Warum gibt es so wenige männliche Trauerbegleiter? Foto: imago stock&people/blickwinkelTrauerbegleitung ist weiblich!. Dabei wünscht sich manch männlicher Trauernde einen gleichgeschlechtlichen Begleiter. Warum gibt es so wenige männliche Trauerbegleiter? Foto: imago stock&people/blickwinkel

Osnabrück. Abschiednehmen und Trauern fällt keinem leicht, der Tod macht stumm, ist oft nur schwer begreifbar. Trauerbegleiter helfen Menschen, mit dem Verlust eines geliebten Angehörigen fertig zu werden. Dabei wird in der praktischen Arbeit seit Jahren deutlich, dass diese Begleitungsangebote fast ausschließlich von Frauen gestaltet werden.

Sie helfen in Phasen der tiefen Trauer, die sich einstellt, wenn man einen wichtigen Menschen verliert. Sie gehen in Einzel- oder Gruppenbegleitung auf jeden Menschen individuell ein, versuchen dem Tod das Tabu zu nehmen. Trauerbegleiter arbeiten häufig ehrenamtlich und sind meistens Frauen. In der Evolutionsbiologie ist man der Auffassung, dass verschiedene Fähigkeiten allmählich geformt wurden und in den Genen verankert sind. Sind Frauen also von Natur aus empathischer und sensibler was Gefühlswahrnehmungen anbelangt und damit prädestinierter zum Zuhören?

Fakt ist: Nahmen vor Jahren fast ausschließlich Frauen freundschaftliche oder professionelle Hilfe für Einzelgespräche oder Gruppenangebote in Anspruch, ist das Geschlechterverhältnis der Hilfesuchenden mittlerweile weitaus ausgeglichener. Und so manch männlicher Trauernde wünscht sich einen gleichgeschlechtlichen Begleiter. Doch die sind nach wie vor noch Mangelware. Stefan Springfeld ist einer der wenigen Männer, die ehrenamtlich beim Osnabrücker Hospiz arbeiten.

Männer trauern anders - aber nicht weniger

Springfeld erlitt vor wenigen Jahren selbst einen herben Verlust. Er war verzweifelt, suchte Hilfe und merkte plötzlich wie schwer es als Mann war, eine professionelle Trauerbegleitung zu finden, die einem Mann helfen konnte. Springfeld weiß aus eigener Erfahrung: „Männer trauern vielleicht anders, aber keineswegs weniger“. Er absolvierte eine Basis-Qualifikation zum Trauerbegleiter. Die Arbeit ist emotional anstrengend, gibt Springfeld aber unglaublich viel zurück. Beim Osnabrücker Hospiz versucht er neue Ideen umzusetzen, ist überzeugt: „Männer trauen sich anders zu öffnen, wenn keine Frau dabei ist.“

„Das Klientel hat sich in den letzten 25 Jahren gewandelt“, weiß auch Ursula Frühauf, psychosoziale Leiterin des Hospizes. Sie erinnert sich an die Worte eines Trauernden, der sagte: „Wenn Frauen ihren Partner verlieren, haben sie oft eine beste Freundin mit der sie reden können. Ich als Mann würde das mit meiner Frau besprechen wollen, doch die ist nicht mehr da.“ 

Männer sind heute durchaus bereit, Gefühle zu zeigen, sich emotional und empfindlich zu geben und ihr Innenleben wahrzunehmen ohne gleich Gefahr zu laufen, als schwach und hilflos dazustehen. Die Erfahrung bestätigt Dr. Martin Splett, Referent für Hospizarbeit und Trauerpastoral im Seelsorgeamt des Bistums Osnabrück. Splett arbeitet in der Magdalenen-Klinik am Harderberg, führt dort mitunter Trauergespräche, wo Depression mit Trauer verbunden ist. „Manchmal sagen Frauen, dass sie es gut finden, mal mit einem Mann über ihre Trauer gesprochen zu haben. Und manchmal tun sich Männer leichter, mit einem Mann über ihre Trauer zu sprechen, von Mann zu Mann - schon auch emotional, aber irgendwie anders.“

Marginale Unterschiede in Trauerarbeit zwischen den Geschlechtern

Die Trauerarbeit für beide Geschlechtergruppen weißt dabei keine großen Unterschiede auf. „Die Begleitung ist wie eine Fahne im Wind, sie schwingt mit“, sagt Springfeld. Es werden Exkursionen gemacht, gekocht, geredet, geschwiegen oder einfach nur zugehört. Am Telefon, im persönlichen Kontakt von Angesicht zu Angesicht oder im Gesprächskreis – ganz so, wie es passt. 

„Vielleicht arbeiten Frauen etwas mehr mit „dem Wort“. Den meisten Männern ist das eher fremd, sie brauchen Bewegung, die Erfahrung mit dem Körper“, versucht Franziskaner-Pater und Trauerreferent Franz Richardt vom Kloster Ohrbeck marginale Unterschiede in der Arbeit zu definieren. Doch sei es letztendlich egal ob Mann oder Frau: Wichtig sei die Kunst, bei dem anzufangen, was der Gegenüber sagt. Die Sensibilität und das Gespür zu haben, was man sagen darf. Den Menschen gegenüber wertschätzend wahrzunehmen.

Männer sind also durchaus als Trauerbegleiter gefragt. Und doch sind in dem aktuellen Qualifizierungskurs in Haus Ohrbeck 14 Frauen und nur ein Mann angemeldet. Der Bundesverband Trauerbegleitung weist auf eine 86-prozentige Frauenquote im Verein hin.  Doch Nicole Friederichsen, geschäftsführender Vorstand des Verbandes, bestätigt auch: „In der Wahrnehmung von Trauer tut sich etwas, auch bei Männern. Das erlebe ich auch im stationären Hospiz bei den ehrenamtlichen Männern. Die werden gerade jünger und wachsen in der Zahl.“

Auch Männer können empathisch sein

Die Frage `Warum generell mehr Frauen die Qualifikation zum Trauerbegleiter absolvieren´ löst regen Dissens aus. Im Rahmen der redaktionellen Recherche wurde keine These bestätigt: weder, dass Frauen sich mehr um die Familie kümmern und eher in Teilzeitberufen arbeiten, daher mehr Zeit aufbringen können um sich ehrenamtlich zu engagieren. Auch nicht, dass das weibliche Geschlecht eher die Fähigkeit besitzt, Emotionen, Gedanke oder Motive einer anderen Person besser zu verstehen und nachzuempfinden.

„Warum arbeiten in Sportvereinen mehr Männer?“, stellt Kurzauf die vielleicht berechtigte Gegenfrage. Männer scheinen sich tatsächlich ehrenamtlich eher rationalen Dingen zu widmen, wobei die klassische Rollenverteilung immer mehr aufzuweichen scheint. Hat die ältere Generation noch gelernt, nicht so emotional zu sein, geben sich die heutigen Männer wesentlich gefühlsbetonter. Und wie singt Herbert Grönemeyer schon 1984 überzeichnend in seinem Lied über Männer: „Männer weinen heimlich, Männer sind so verletzlich, außen hart und innen ganz weich.“ Auch wenn der Beruf des Trauerbegleiters aktuell noch eine weibliche Domäne ist – die ersten Männer tauchen als Ersthelfer für die Seele auf und machen ihre Arbeit richtig gut. Die Frage lädt also zu einem weiteren spannenden Diskurs ein.

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