Beschimpft, bedroht, verletzt Gewalt gegen Einsatzkräfte im Raum Osnabrück – Wenn Retter zu Opfern werden

Da holte der Patient aus: Rettungsassistent Lars Hartmann* erlebte, wie ein Routineeinsatz aus den Fugen geriet. Foto: David EbenerDa holte der Patient aus: Rettungsassistent Lars Hartmann* erlebte, wie ein Routineeinsatz aus den Fugen geriet. Foto: David Ebener
David Ebener

Osnabrück/Hagen. Sie kommen, um zu helfen und werden beschimpft, bespuckt oder bedroht. Immer wieder erleben Rettungskräfte im Raum Osnabrück brenzlige Einsätze. Doch was Lars Hartmann und einem Kollegen widerfahren ist, soll nicht noch einmal passieren.

Die Stimmung kippte, als eine Baseballcap im Rettungswagen zu Boden fiel. Es war ein Freitagabend im Frühjahr dieses Jahres. Gegen 22.45 Uhr waren Rettungsassistent Lars Hartmann* und sein Kollege, ein Sanitäter, zu einer Bushaltestelle an der Sutthauser Straße in Osnabrück gerufen worden. In einem Bus habe sich ein Mann am Kopf verletzt. 

Mit Blaulicht waren sie hingefahren. Der Bus war schon weg, aber auf dem nahegelegenen Parkplatz stand eine Gruppe junger Leute. An der Situation habe nichts ungewöhnlich gewirkt, erzählt Hartmann. Das war keine bedrohliche Szenerie, die die Alarmglocken klingeln ließ und in der man automatisch die Polizei hinzugerufen hätte. 

Und doch sollte der vermeintliche Routineeinsatz so entgleisen, dass er zum Exempel wurde. Ein Fall von körperlicher Gewalt gegen Einsatzkräfte in der Region Osnabrück, der im Rettungswesen des Landkreises Einiges auf den Prüfstand stellte. 

Foto: David Ebener

245 Fälle von Gewalt gegen Rettungskräfte gab es im vergangenen Jahr in ganz Niedersachsen. "Ein Allzeithoch seit Erfassungsbeginn", heißt es in der Kriminalitätsstatistik 2018, die wohlgemerkt nur die angezeigten Taten aufführt. Drei Einsatzkräfte wurden schwer verletzt. Die Fälle erschüttern, weil die Gewalt ausgerechnet eine Berufsgruppe trifft, die sich der Lebensrettung verschrieben hat. Wenn Retter zu Opfern werden, wirkt Gewalt noch sinnloser und noch enthemmter. 

In der Region Osnabrück sind schwere Gewalttaten gegen Rettungskräfte bisher kaum vorgekommen. In der Tendenz handelt es sich eher um ein Großstadtphänomen. Im ländlichen Raum und in vielen mittelgroßen Städten sind Gewalterfahrungen subtiler. Da gibt es wüste Beschimpfungen und Drohgebärden. Auch die liegen nicht an der Tagesordnung, aber die meisten Einsatzkräfte mit mehreren Dienstjahren auf dem Buckel hätten so etwas schon öfter erlebt, sagt Andreas Mennewisch, der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Osnabrück. 

Foto: Meike Baars

Doch spätestens seit jener Freitagnacht im Frühling wird auch im hiesigen Rettungswesen überlegt, ob man die Mitarbeiter besser für körperliche Gefahrensituationen wappnen muss.   

Ihren Patienten holten Hartmann und sein Kollege aus der Gruppe junger Menschen heraus in den Rettungswagen. "Da ist das Licht besser", erklärten die Sanitäter. Der junge Mann wurde von seiner Freundin begleitet, er schwankte leicht, erinnert sich Hartmann. Seit 1994 arbeitet der 48-Jährige im Rettungsdienst. Nach dem Zivildienst machte er die Ausbildung zum Sanitäter und wurde schließlich Rettungsassistent. 

Es liegt in der Natur seines Jobs, dass der verheiratete Vater eines Sohnes schon viel gesehen hat. Unfälle, schwere Verletzungen und tote Menschen. Schwarzer Humor helfe ihm dabei, das Erlebte zu verdauen, sagt er. Nur, wenn es um Kinder gehe, dann falle es schwer, die Einsätze zu verkraften.

Um von der Nacht zu erzählen, die bis heute nachwirkt, ist Hartmann an einem seiner freien Tage im Spätsommer in die Hagener Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) gekommen. Er trägt Bart, karierte Shorts, Turnschuhe und trinkt Kaffee.

Foto: David Ebener

Am besagten Freitag im März arbeitete er in einer 24-Stunden Schicht, von sieben Uhr morgens bis zum nächsten Morgen. Freitagnachts, da weiß man nie, was passiert. "Manchmal kommt man dazu, sich hinzulegen und zu dösen. So richtig schlafen kann ich aber nie."

Im Licht des Rettungswagens schauten sie sich die Kopfverletzung des Patienten an. Er hatte sich an einer Fensterscheibe gestoßen, als der Bus plötzlich gebremst hatte. Eine Prellmarke an der Stirn sei erkennbar gewesen, sonst nichts, berichtet Hartmann. Sein Kollege und er hätten die Pupillen kontrolliert und erfragt, ob der Patient orientiert sei. Er habe ohne Murren geantwortet. 

Und dann, dann sei die Baseballcap des Patienten auf den Boden gefallen. 

Sein Kollege habe sich gebückt, um sie aufzuheben und wie aus dem Nichts sei der junge Mann aggressiv geworden. "Ey! Das ist meine!" Der Sanitäter wirkte beruhigend auf ihn ein. "Ich wollte dir nur helfen. Alles ok." Die Stimmung kippte erneut. Auf einmal igelte sich der Mann ein. "Bitte, schlagt mich nicht!" Sie bekamen den Mann beruhigt und wollten ins Krankenhaus aufbrechen.

Aggressiver Patient am Boden fixiert

Doch plötzlich wollte der Patient nicht mehr mitkommen. Er schlug gegen die Tür, befreite sich aus dem Fahrzeug und lief in Richtung Straße. Per Funkgerät informierte Hartmanns Kollege die Leitstelle und bat um polizeiliche Unterstützung. Die Freundin des Mannes sei hinter ihm her gelaufen, habe ihn am Kapuzenpulli von der Straße weggezogen, der Mann sei zu Boden gesunken. Als sich seine Freundin über ihn beugte, packte er sie und begann, sie zu würgen. 

"Wir sind dazwischen gegangen, haben das Mädchen befreit und den Mann mit unserem Körpergewicht am Boden fixiert", ruft sich Hartmann die Situation vor Augen. Ein Passant beobachtete die Szene und wählte die 112. Hartmann ließ sich das Handy geben und forderte erneut Streifenbeamte an – dieses Mal energischer. 

"Schick uns sofort die Polizei! Wir liegen hier auf dem Patienten."

Der Mann wurde derweil immer aggressiver. Er wehrte sich heftig. "Das ist nicht unsere Aufgabe, solche Leute festzuhalten", sagt Hartmann. Aber sie hatten keine andere Wahl. "Das war gelinde gesagt, eine Scheißsituation. Freitagabend, du presst dich auf dem Gehweg an einer viel befahrenen Straße auf einen wild gewordenen Mann und hoffst, dass endlich die Polizei kommt." Da holte der Patient aus und stieß seine Knie voller Wucht in den Rücken des Rettungssanitäters.

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit sei ein Streifenwagen angerollt, berichtet Hartmann. "Ohne Blaulicht." Die Beamten riefen noch einmal Verstärkung und führten den aggressiven Patienten schließlich in Handschellen ab. Hartmanns Kollege erlitt Prellungen am Rücken. Vorsorglich nahm man ihn in der Nacht aus dem Dienst. "Und dann wurde die große Welle losgetreten", erinnert sich der Hagener Rettungsassistent.

Foto: David Ebener

Warum waren die beiden Sanitäter in Bedrängnis solange allein geblieben? Leitstelle, Polizei und Rettungsdienst suchten den Fehler im System, berichtet Mennewisch, der den Rettungsdienst in allen medizinischen Belangen leitet. "Schützen wir unsere Einsatzkräfte genug?", fragte er sich. Und: "Müssen wir Abläufe ändern, um die körperliche Unversehrtheit der Kollegen zu gewährleisten?" 

Auf Mennewischs Schreibtisch landen die gravierenden Fälle von verbaler und körperlicher Gewalt gegen Rettungskräfte. Was Hartmann und sein Kollege nachts erlebt hatten – das war einer der gravierenden Fälle. Auf Mennewischs Stirn bildet sich eine Sorgenfalte, wenn er darüber spricht. Er beobachte eine zunehmende Rohheit in Teilen der Bevölkerung, mit der seine Leute in Einsätzen konfrontiert würden. 

"Das dürfen wir nicht negieren. Die Kollegen müssen wissen, dass wir das ernst nehmen."

In der kritischen Rückschau fielen Mennewisch Stellschrauben auf, an denen sie noch drehen konnten. So soll etwa ein neues Einsatzstichwort etabliert werden: "Einsatzkräfte in Gefahr". Gibt die Leitstelle es ins System ein, sollen sich unverzüglich Streifenwagen in Bewegung setzen, erklärt der Ärztliche Leiter. 

Zudem sollen Mitarbeiter im Rettungsdienst ihre Handfunkgeräte künftig mit vom Wagen nehmen, wenn sie das Fahrzeug verlassen. Die Geräte sind mit einer Notruftaste ausgestattet. Über die Taste kann die Leitstelle den Funkrufnamen des betreffenden Rettungswagens im Leitstellenrechner sehen. Über das Flottenmanagement bekommt sie in einer ständig aktualisierten Ansicht angezeigt, wo sich Fahrzeuge befinden, so dass die Polizeistreife unmittelbar zum Einsatzort alarmiert werden kann. Dass Mitarbeiter von einem Patienten in Schach gehalten werden und selbst keinen Notruf mehr absetzen können, solle künftig nicht mehr vorkommen können, sagt Mennewisch.

Foto: David Ebener

Das Deutsche Rote Kreuz im Landkreis Osnabrück hat begonnen, eine Statistik über Aggressionen gegen Einsatzkräfte zu führen, berichtet der Geschäftsführer des Rettungsdienstes, Heiko Wiesner. Noch sei es zu früh, daraus Schlüsse zu ziehen. Aber: Der Zwischenfall im Frühjahr sei nicht der einzige geblieben, bei dem einem DRK-Mitarbeiter im Einsatz Gewalt angetan wurde. 

Auch Jan Lautemöller* erlebte, wie ein vermeintlicher Routineeinsatz aus den Fugen geriet. Ein Erntehelfer  war in der Spargelsaison in einer Unterkunft für Saisonaushilfen die Treppe heruntergestürzt. Lautemöller erzählt:

"Das war ein ganz normaler Krankentransport. Man konnte nicht davon ausgehen, dass sich das so aufbauscht."

Der Patient hatte Abschürfungen an Knien und Rücken. Im Krankenhaus sollten innere Verletzungen ausgeschlossen werden. Doch als der Mann im Rettungswagen angeschnallt wurde, brannte ihm auf einmal eine Sicherung durch. Er spuckte, stieß Beleidigungen aus und trat zu. Sein Fuß traf Lautemöller mit voller Wucht im Gesicht. Der 33-jährige Notfallsanitäter erlitt eine Schwellung im Jochbeinbereich – ein noch glimpflicher Ausgang.    

Wer sind die Täter, von denen die Gewalt gegen Rettungskräfte ausgeht? Andreas Mennewisch hat drei potenzielle Gefahrenquellen ausgemacht: Spielen Alkohol- oder Drogenkonsum eine Rolle, sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass es zu haarigen Situationen komme. Psychisch kranke Patienten treten oftmals aggressiv auf. Und geraten Sanitäter in familiäre Streitigkeiten, verlagere sich die aufgeladene Stimmung regelmäßig in Richtung der Einsatzkräfte. "Mit Abstand führend sind aber Gewaltausbrüche, die mit Alkohol- und Drogenmissbrauch in Verbindung stehen." 

Mennewischs Beobachtungen decken sich mit einer breiten Studie, die 2018 bundesweit für Aufsehen sorgte. Sie nahm das Phänomen Gewalt gegen Einsatzkräfte in NRW aus wissenschaftlicher Perspektive in den Blick. Ausgearbeitet hat die Untersuchung der Bochumer Kriminologe Marvin Weigert. Zentrale Erkenntnisse: Mehr als ein Viertel der befragten Rettungskräfte gab an, schon einmal Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein. Verbale Übergriffe, also Beschimpfungen, Beleidigungen oder Bedrohungen, haben beinahe alle schon erlebt. 

In mehr als der Hälfte der Fälle waren die Täter betrunken. Die Haupttätergruppe seien Patienten, ihre Angehörigen und Freunde, erklärt Weigert.

"Rettungskräfte dringen im Einsatz gezwungenermaßen in die Privatsphäre der Menschen ein. Nicht alle sind damit einverstanden, dass und wie sie behandelt werden. Das birgt ein hohes Eskalationspotenzial."

Bei rund 50 Prozent der berichteten Fälle in NRW waren die Täter zwischen zwischen 20 und 40 Jahre alt und in der Regel männlich.

Mit dieser Tätergruppe machen auch die Mitarbeiter der Osnabrücker Rettungswache des Arbeiter-Samariter-Bunds an der Frankenstraße regelmäßig ihre Erfahrungen. Die Wache liegt, wenn es um die Auswüchse des Nachtlebens geht, gewissermaßen im Auges des Sturms – zwischen Neumarkt, Hauptbahnhof, Hasepark und Güterbahnhof. "Das Hauptklientel, was uns Schwierigkeiten macht, sind unsere C2-Kunden" sagt Peter Gutendorf, Fachdienstleiter des Rettungsdienstes. C2 steht für die Kohlenstoff-Atome von Alkohol. Mit anderen Worten: Es geht um Betrunkene. Der Freitagabend sei nicht gerade der beliebteste Dienst bei den Mitarbeitern. 

"Man kann an zwei, drei Fingern abzählen, mit wem man es in der Nacht zu tun bekommt."

Das Aggressionspotenzial habe zugenommen. Dass der Respekt fehle, ziehe sich durch alle soziale Schichten, beobachtet Gutendorf. Die Einsatzkräfte würden bespuckt, angepöbelt, verbal attackiert und manchmal setze es auch einen Tritt. "Früher waren die Menschen friedlicher besoffen." 

Nur eine Bagatelle?

Bei den Sanitätern Lars Hartmann und Jan Lautemöller hinterließ die erlebte Gewalt keine spürbaren Folgen. Sie zeigten die Täter an und schlossen das Kapitel damit für sich – kein Trauma, keine seelische Narbe. 

Ihnen ging es damit ähnlich wie dem Gros der für die Studie befragten Rettungskräfte in NRW. "Die Übergriffe bleiben in der Regel ohne Folgen, was uns überrascht hat", sagt Kriminologe Weigert. Beleidigungen und Pöbeleien würden als Bagatellen abgetan, die meist nicht einmal gemeldet würden. So traurig es klingt: Für viele Rettungskräfte gehören die mittlerweile zum Job.

* Name von der Redaktion geändert. Um sein Privatleben zu schützen, möchte der Sanitäter seinen echten Namen nicht nennen.   


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