1919: Neue Verfassung und neue Hutmode Vor 100 Jahren: „Heraus mit unseren Gefangenen!“

Von Joachim Dierks

Zum Gewerkschaftshaus wurde im August 1919 das ehemalige Hotel am Kollegienwall 14. Ansichtskarte des Hansa-Verlags Dresden aus der Sammlung von Peter Berning.Zum Gewerkschaftshaus wurde im August 1919 das ehemalige Hotel am Kollegienwall 14. Ansichtskarte des Hansa-Verlags Dresden aus der Sammlung von Peter Berning.

Osnabrück. 100 Jahre ist es her, dass sich die neue Staatsordnung der Weimarer Republik zumindest formal verfestigte. Am 11. August tritt die neue Reichsverfassung als erste republikanische und demokratische Verfassung Deutschlands in Kraft. Auf den Lokalseiten der bürgerlichen Presse findet das bedeutende Ereignis kaum Niederschlag.

Das „Osnabrücker Tageblatt“ berichtet natürlich im Politikteil darüber. Aber die Osnabrücker Bürger scheinen emotionslos darüber hinwegzugehen. Hingegen zeichnen sich Gegensätze zwischen überzeugten Republikanern und rechtsnationalen Kräften schon deutlich ab. In einer Sitzung der städtischen Kollegien beschwert sich die SPD darüber, dass im Ratsgymnasium Flugblätter der rechtskonservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) verteilt worden seien. Bürgervorsteher Walter Bubert (SPD) bezeichnet das Vorgehen als „durchaus ungehörig“ und als Partei-Agitation, die die Errungenschaften der Revolution in skandalöser Weise herabsetze und schon einmal gar nicht in die Schule gehöre. Er wettert gegen Schulrat Oppen und fordert ein Durchgreifen der Schulaufsicht.  

Das Flugblatt der DNVP greift namentlich den Reichsfinanzminister Matthias Erzberger (Zentrum) an. Darin fordert die Partei seine Amtsenthebung und die Einleitung eines Strafverfahrens. Er wird für den „Schmachfrieden“ von Versailles verantwortlich gemacht. Bürgervorsteher Paul Meyer weist Buberts Kritik zurück. Weder die DNVP noch der Lehrkörper habe etwas mit der Flugblattverteilung zu tun. Die könne nur aus der Schülerschaft selbst gekommen sein. Im Übrigen stehe er wie die DNVP auf dem Standpunkt, dass die Revolution ein Unglück für das deutsche Volk gewesen sei. Je eher die Sozialdemokraten das einsähen, desto besser werde es für das Vaterland sein. Stadtsyndikus Reimerdes sagt eine Untersuchung des Vorfalls zu. Bubert ergänzt, seine Partei werde der Reichsregierung „beschwerdeführend Mitteilung machen“.

Schicksal der Kriegsgefangenen bewegt

Parteiübergreifend bewegt die Osnabrücker das Schicksal der Kriegsgefangenen, die noch immer nicht von den alliierten Entente-Mächten freigelassen wurden. In Osnabrück auf dem Neumarkt und in Hasbergen in Gösmanns Holz, hinter Schirmbecks Gasthaus, versammeln sich Tausende im Protest gegen die immer wieder verschleppte Freilassung von 800.000 deutschen Kriegsgefangenen und mehreren tausend Zivilisten. Laut Vertragswerk ist die Freilassung an die Ratifizierung des Friedensvertrages durch mindestens drei Großmächte gekoppelt. Großbritannien und Italien haben dies getan, aber Frankreich und die USA zieren sich noch. Dabei wird Frankreich unterstellt, die Ratifizierung bewusst hinauszuschieben, um deutsche Kriegsgefangene weiterhin als kostenlose Arbeitskräfte einsetzen zu können.

Namens des „Volksbundes zum Schutz der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen, Ortsgruppe Hasbergen und Umgegend“ beschwört Pastor Hölty die Siegermächte, die „durch nichts mehr begründete Sklaverei“ sofort zu beenden. Er wolle nicht „das Evangelium des Hasses predigen“, auch nicht „die Leiden der gefangenen Brüder für parteipolitische Agitation missbrauchen“, sondern einfach nur an die Gebote der Menschlichkeit appellieren.

Genau wie in Hasbergen wird auch auf dem Neumarkt durch allgemeinen Beifall eine Entschließung an Regierung und Nationalversammlung verabschiedet, alles Mögliche im Dienste der Freilassung zu unternehmen. Aus Osnabrück sind es 8600 Gefangene, die überwiegend noch in Sibirien und in Frankreich festgehalten werden. Senator Hermann stimmt den Ruf „Heraus mit unseren Gefangenen“ an, der von der Menge erwidert wird. Mit pathetischen Worten mahnt Oberlehrer Helsig die „Heimkehr der Unglücklichen“ an: „Hinaus in die Welt dringe dieser unser Schrei und rüttle das Weltgewissen wach!“

Fähiger Verwaltungsbeamter

Anstelle des verstorbenen „rechtskundigen Senators“ Bunnemann wird Dr. jur. Johannes Petermann (Zentrumspartei) ins Amt eingeführt und per Handschlag verpflichtet. Petermann hatte sich mit 47 zu 2 Stimmen der Bürgervorsteher gegen einen Mitbewerber um das Amt des Justizsenators durchgesetzt. Er ist der erste besoldete Senator Osnabrücks katholischer Konfession, wie das „Tageblatt“ hervorhebt. Mit Petermann gewinnt die Stadt einen fähigen Verwaltungsbeamten, der ihr und der Region noch lange dienen sollte: von 1926 bis 1938 als Stadtsyndikus und Vertreter des Oberbürgermeisters, von 1945 bis 1951 als Regierungspräsident.

Dr. Johannes Petermann, Bürgermeister von Osnabrück. Foto: Archive NOZ

Ein anderer bewährter Politiker gibt auf. Clemens August Freiherr Ostman von der Leye tritt vom Amt des Landrats des Kreises Osnabrück zurück. In der Monarchie und ausgestattet mit Adelsprivilegien groß geworden, tut er sich schwer mit der Zeitenwende. Mit 58 Jahren zieht er sich ins Private zurück, das ihn aber dank der Gutsverwaltung nicht unbeschäftigt lässt. Die Gemeindevorsteher des Landkreises veröffentlichen im „Tageblatt“ eine Art Nachruf, in dem sie ihm bescheinigen, die in der Kriegszeit oftmals notwendigerweise harten Verfügungen so human wie möglich umgesetzt zu haben.

Neues Gewerkschaftshaus

Am 18. August begehen Oberbürgermeister Julius Rißmüller und Gemahlin ihre Silberhochzeit. Sie haben sich zur Feier nach Hannoversch-Münden, dem Geburtsort des Oberbürgermeisters, begeben. „Der Magistrat ließ ein in herzlichen Worten gehaltenes Glückwunschschreiben abgehen, dem sich im Geiste die weitesten Bürgerschaftskreise ohne Unterschied von Rang und Stand, Partei oder Konfession gern anschließen“, schreibt die Zeitung.

Dr. Julius Rißmüller. Gemälde von Franz Hecker. Museumsquartier OS.

Das Anwesen Kollegienwall 14 wird zum Gewerkschaftshaus. Die im Juli gegründete „Gewerkschaftshaus GmbH“ kauft das frühere Hotelgebäude von der Witwe Uffmann. Als Pächter der Gastronomie wird Hans Wiedeck eingesetzt, der die Vereinszimmer und den Saal zur Abhaltung von Versammlungen empfiehlt. Nach und nach werden im Haus der Ortsausschuss des ADGB, das Arbeitersekretariat, die Volksfürsorge und mehrere Einzelgewerkschaften angesiedelt.

Reisen nach Helgoland sind wieder möglich, sogar ohne Ausweis. Die Dampfer nach der Insel verkehren regelmäßig und Minengefahr besteht auch nicht mehr. Die Befestigungsanlagen sind zur Besichtigung freigegeben. Im Krieg war Helgoland zu einer Seefestung ausgebaut und die Bevölkerung deportiert worden. Erst im Dezember 1918 kehrten die in Hamburg und Altona untergebrachten Inselbewohner wieder auf die von den Marinebehörden geräumte Insel zurück.

Der Mann mit den geheimnisvollen Kräften

Der Sommer neigt sich dem Ende zu, die Damenwelt orientiert sich auch in der Hutmode auf den Winter hin. Viele Modisten und Textilhäuser bieten das Umpressen unmodern gewordener Velour- und Filzhüte an. „Moderne Herbst- und Winterformen liegen zur Besichtigung in unserer Putzabteilung aus“, annonciert etwa Max Blank & Co.. Firma Altensell in der Krahnstraße 41 betreibt eine eigene Dampfpresserei. Die Dampfschönfärberei Croon am Nonnenpfad 3 profitiert von Knappheit und hohen Preisen neuer Stoffe und bietet das „Auffärben“ vorhandener Kleidung an.

„Minx“, der Mann mit der schwarzen Maske, wird als „das Stadtgespräch von Osnabrück“ angepriesen. Der „genialste Gedankenleser des 20. Jahrhunderts“ tritt täglich zweimal in den Kaiser-Lichtspielen auf. Er bietet dem Publikum die 1000-Mark-Wette an, dass er jeden in oder im Umkreis von fünf Kilometern um Osnabrück versteckten oder vergrabenen Gegenstand per Gedankenübertragung auffinden kann. Sogar das „Tageblatt“ ist überzeugt: „Es handelt sich dabei tatsächlich um geheimnisvolle Kräfte, jede Durchstecherei ist ausgeschlossen.“


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