Theater Osnabrück Künstlerische Bilanz der "Spieltriebe"

Der entfesselte Kreative und die Journalistin:Philippe Thelen und Denise Matthey im Stück "Nyotaimori" im Lauten Speicher. Foto: Jörg LandsbergDer entfesselte Kreative und die Journalistin:Philippe Thelen und Denise Matthey im Stück "Nyotaimori" im Lauten Speicher. Foto: Jörg Landsberg

Osnabrück. Mit gewinnbringenden Denkanstößen zum Thema Mensch, Technik und Zukunft sind die 8. "Spieltriebe" des Osnabrücker Theaters über die Bühne gegangen. Doch den ganz großen Hit gab es diese Mal nicht und manche Route entwickelte sich durch Überlänge zur Spaßbremse - eine Bilanz der drei Festivaltage.

"Zukunft wagen": Mit diesem Slogan hatten die  Festivalleiter Jens Peters und Birga Ipsen nicht zu viel versprochen für die diesjährige Ausgabe der "Spieltriebe". Tatsächlich kamen da brisante gesellschaftliche Themen und Entwicklungen zur Sprache, die meist im Nebel diffuser Ängste und Ohnmachtsgefühle bleiben. Doch noch ist es nicht zu spät, noch lassen sich die Geister bändigen, die wir selbst gerufen haben, so der tapfer-optimistische Tenor mancher Produktion.

Gemeint sind die neuen Technologien, die dem Menschen, seiner Menschlichkeit und Willensfreiheit, bedrohlich werden wie künstliche Intelligenz, psychische Manipulation oder Leistungsanforderungen einer völlig entfesselten Arbeitswelt. Ein klein wenig Hoffnung macht auch, dass wir, die Bewohner westlich-liberaler Gesellschaften, nicht allein stehen mit unserem Kampf um aufklärerische Werte. Etwa wenn ein iranischer Autor wie Mehdi Moradpour in "Ein Körper für jetzt und heute" über die zermürbenden Widerstände in seinem Heimatland gegen Homosexualität und Geschlechtsumwandlungen schreibt.

Kampf gegen das Geschlechtskorsett 

Fast scheint es, als hätte Moradpour die Flucht in eine hochverdichtete, poetische Sprache angetreten, um die realen Umstände ein wenig zu verschleiern. Doch genau darüber hätte das Festival vorab informieren können, um das Verständnis für den  recht hermetischen Text zu erleichtern. Denn in der Vision, an der Elija festhält, steckt emanzipatorische Zukunftsmusik: in einem Körper und einer Psyche frei von einengenden Geschlechtsrollenzuschreibungen leben zu können. Auch wenn Viele von uns seit der Pubertät vergessen oder verdrängt haben, wie erstickend eng das Geschlechtskorsett und seine Verhaltensnormen sind. 

Ein Liebestraum wird unbequem: Julius Janosch Schulte und Andreas Möckel in "IKI.Radikalmensch" im Emma-Theater

Rebekka Bangerters deutsche Erstaufführung von "Ein Körper für jetzt und heute" im Lauten Speicher traf ins Schwarze des Festivalthemas Mensch  und Technik. Auch schauspielerisch mit vier starken Darstellern  und der passenden Atmosphäre einer Baustelle im Lauten Speicher. Ins Schwarze traf auch "IKI.Radikalmensch" von Kevin Rittberger im Emma-Theater. Hier geht es nicht mehr um die künftige Erweiterung menschlicher Möglichkeiten, sondern um Gefahren der Verengung. Ein viel zu verständnisvoller Dialog- und Lebenspartner ist die Iki, "intime künstliche Intelligenz". Jedenfalls für Narzissten wie ihrem Menschen Peter Vogel, der Eigenwillen und Kritik nicht vertragen kann. 

Sackgasse für die Menschheit

Deutlich macht das blitzgescheite, stark gespielte und von Rieke Süßkow inszenierte Stück: Programmierbare Roboter als Partner sind eine Sackgasse für die Menschheit, die an ihrem Narzissmus verkümmern würde. Das Gleiche gilt für "Die Menschenfabrik" nach Oskar Panizza: Menschen als freundlich-uniforme, niemanden mehr herausfordernde Fertigprodukte aus dem Backofen: eine gruselige Vision, der Regisseur Jakob Fedler gottlob 20 Osnabrücker Bürger mit ganz eigenen Zukunftsvisionen gegenüberstellte, sobald er sie aus ihrem putzigen  Robotermodus entließ. Die Uraufführung als Rahmenstück des Festivals war eine thematisch etwas überfrachtete, aber von ihren faszinierenden Bildern her gelungene Überraschung.

Längst an unserem Hals hängt der Turbokapitalismus und saugt uns unsere Menschlichkeit aus. Das zeigte als deutschsprachige Erstaufführung Sarah Berthiaumes schmerzlich wahres Stück "Nyotaimori" über eine maßlose Arbeitswelt der Ausgebeuteten und Selbstausbeuter in der Inszenierung von Anna Werner. Um Ethik und Verantwortung, Jugendgewalt und die Zulässigkeit von Hirnmanipulationen dreht sich Anthony Burgess' "A Clockwork Orange". Die jungen Amateure vom Projektjugendclub am Theater haben in der Regie von Sophia Grüdelbach und Simon Niemann ganze Arbeit geleistet und brennend intensives Schauspiel in der leerstehenden Verkaufsfläche der "Sportarena" entfaltet. 

Weniger Spaßbremsen

Sie kämpfen für Chancengerechtigkeit, die drei Freunde aus unterschiedlichen Sphären, gespielt von Anne Sofie Schietzold, Soheil Emanuel Boroumand, David Krzysteczko. Foto: Philipp Hülsmann

Nicht ganz so unter die Haut ging Selina Girschweilers Uraufführung von "Linus in der Stufenwelt" von Anne-Laure Bondoux als Oskar-Produktion in der Tischlerei - obwohl hier das Reifen des zwölfjährigen Linus in erwachsene soziale Verantwortung und Zivilcourage beeindruckt. Und dann gab es Stücke, deren Beitrag zum Festivalthema nur schwer zu (be-)greifen waren: Das Tanzprojekt "Tabula Rasa" in der Eversburger Liebfrauen-Kirche, Die Musiktheater-Stücke "Der alte Traum" und "Das Ebenbild" in der Duni-Halle und die selbstverliebte Performance "Daydreams & Nightscreams der BR*OTHER ISSUES mit ihrem einschläfernden Schlaflabor im malerischen Gelände des Gut Leye. Wenn eine Produktion so lau im Ertrag ist wie diese, dann strapaziert sie die Geduld der Zuschauer. Zumal einige  Routen zeitliche Überlängen entwickelten und man dann nicht mehr in den entspannenden Genuss der Abschlussfeier im Theaterinnenhof kam. Bessere Ökonomie und weniger Spaßbremsen: Das wäre ein Wunsch an die nächsten "Spieltriebe", so es sie in neuer Intendanz hoffentlich noch gibt.   


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