Theater Osnabrück Spieltriebe-Festival: Welche Route ist die beste?

Androiden lieben dich: Der Spieltriebe-Auftakt "Die Menschenfabrik". Foto: Jörg LandsbergAndroiden lieben dich: Der Spieltriebe-Auftakt "Die Menschenfabrik". Foto: Jörg Landsberg

Osnabrück. Das Spieltriebe-Festival zeigt neue Dramatik im ganzen Stadtgebiet. Welche Route ist die beste? Wir haben alle abgelaufen.

Wer das Osnabrücker Spieltriebe-Festival besucht, hat nach dem Auftaktstück "Die Menschenfabrik" die Auswahl zwischen fünf Routen. Als Entscheidungshilfe haben wir sie alle schon abgeschritten. 

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Die Menschenfabrik: Das Eröffnungsstück

Am besten ist Theater, wenn sich Szenen dauerhaft ins Gedächtnis einbrennen. Die 20 Osnabrücker Bürgerinnen und Bürger gehören dazu, die in hellblauen Gaze-Kleidchen und Einheitsperücken mechanisch über die Große Bühne am Domhof trippeln und den Besucher selig lächelnd mit einem „ich liebe Dich“ bedrängen. Jakob Fedlers Inszenierung von „Die Menschenfabrik“ nach einer Kurzgeschichte von Oskar Panizza ist ein Rahmenstück des dreitägigen Festivals am Osnabrücker Theater, das sich niemand entgehen lassen sollte – so eindeutig ließ sich das nicht von allen „Spieltrieben“ sagen. Die freundlich-schlichten Wesen sind in einer Menschenfabrik produziert worden und gehen an ihre Käufer weg wie warme Semmeln. Das erzählt der nüchtern-lakonische Fabrikbesitzer (Ronald Funke) dem bis zur Hysterie entsetzten Wanderer (Oliver Meskendahl, im Bild mit Ensemble), der in der Fabrik ein Nachtquartier sucht. 

Die Menschenfabrik. Foto: Foto: Jörg Landsberg

Kein Stress mehr mit Stimmungsschwankungen, freiem Willen, dem lästigen Denken oder üblen Körperausdünstungen: Was am biologisch gezeugten Menschen stört, wird in dieser gespenstischen Menschenbackstube einfach weggelassen. Diese Produkte bleiben unveränderlich so, wie sie aus dem Ofen gekrochen sind. Doch was Oskar Panizza schon 1890 so rabenschwarz gezeichnet hat, wendet Fedler so pfiffig wie augenzwinkernd in eine optimistischere Zukunftsvision. Aufklärung im Sinne Kants lässt sich schließlich eintrainieren. Und so singen die 20 Fabrik-Püppchen bald die Botschaft in die Welt hinaus: „Was Du nicht willst, das man Dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu“. Dem Horror möglicher Manipulation am guten, alten Homo sapiens verleiht diese Inszenierung großartige und grausig faszinierende Bilder. Auch deshalb, weil unter der infantilen Einheitskluft Persönlichkeiten unterschiedlicher Nationalitäten stecken. Wenn dann jeder und jede von Ihnen seine oder ihre persönlichen Visionen für die Zukunft der Menschheit oder das eigene Leben formuliert, quillt das Stück vor Themen und offenen Baustellen ein wenig über: von der Klima- und Weltrettung bis zum Frieden und den Feindbildern Google und Ungarn. Am Ende bleiben die starken, verstörenden, aber durchaus auch humorvollen Bilder. Ch.A. Jörg Landsberg

Route Blau

Klimafreundlich zu Fuß geht es auf der blauen Route vom Theater am Domhof ins Emma-Theater. Dort hält der Schauspieler Andreas Möckel mit großem Charisma eine lange Rede über Klimagerechtigkeit und das „ökologisch-bürgerliche Rührstück“, das es gleich zu sehen gibt. „IKI.Radikalmensch“ heißt es und Autor Kevin Rittberger lässt es rhetorisch so gedrechselt daherkommen, dass man es in großen Teilen schlicht nicht versteht. Der Rest ist spannend genug: Peter Vogel liebt abgöttisch Iki, seine „intime künstliche Intelligenz“, hinreißend feminin und langbeinig gespielt von Julius Janosch Schulte. Doch Iki kennt ihren Peter mit all seine Befindlichkeiten und Stoffwechselproblemen so gut, dass sie unbequem wird. Auch sie hat Gefühle und reagiert rebellisch, wenn er nach Bedarf ihren Intelligenzlevel ein paar Stufen herunterschaltet. Das Alarmierende an dieser Lovestory: Iki ist ein Produkt und eine Projektionsfigur Peters. Und: Mit intelligenten Robotern könnte künftig der gesellschaftliche Narzissmus bis zur Realitätsuntüchtigkeit verstärkt werden. Ironisch unterstreicht das die wunderschöne, sanft wabernde und uterusähnliche Tuchhülle des Bühnenbilds von Lukas Fries. Das Stück trifft ins Schwarze des Festival-Themas. 

Julius Janosch Schulte und Andreas Möckel in der Spieltriebe-Inszenierung "IKI.Radikalmensch". Foto: Jörg Landsberg

Ein Bus bringt danach die Zuschauer zur leerstehen „Sportarena“ am Neumarkt. Dort hämmern prügelclownartig maskierte junge Leute von innen an die Glasscheiben. Großartig, wie brennend intensiv die jungen Spieler vom Projektjugendclub am Theater in ihren Rollen und aufeinander bezogen bleiben, obwohl sie oft inmitten der Zuschauerwolke agieren, die ihnen von einer Ecke zur anderen im großen Areal folgt. Es geht um Gewaltbereitschaft bis zum Mord innerhalb einer Jugendclique in Anthony Burgess Zukunftsroman „A clockwork orange“. Und um Methoden, diese Gewaltbereitschaft wegzutherapieren. Legitimer Selbstschutz der Gesellschaft oder unzulässiger Eingriff in die Persönlichkeit? Und wer setzt immer raffinierteren Techniken zur Manipulation von Menschen künftig ethische Grenzen? In dieser Inszenierung von Sophia Grüdelbach und Simon Niemann war jede Minute sehenswert. Wer mal auf dem Boden sitzen will, sollte unempfindliche Kleidung anziehen. (Ch.A. )

Route Orange

Mal geht man zu Fuß einen idyllischen Weg am Haseufer entlang, mal fährt man mit dem Bus von einem alten Industriegebiet in den neu belebten Hafen. Aber auch inhaltlich bietet die Spieltriebe-Route Orange viel Abwechslung. In der neuen Oskar-Jugendtheater-Produktion „Linus in der Stufenwelt“ in der Tischlerei Seibt hadert die Hauptperson mit ihrer gesellschaftlichen Zuordnung, während sich im Dachgeschoss des Lauten Speichers Elija nach einem „Körper für jetzt und heute“ sehnt. Insofern gibt es auch einen kleinen gemeinsamen Nenner, der die beiden Stücke miteinander verbindet. Hier wähnt man sich in der falschen Gesellschaftssphäre, dort im falschen Körper. Jene „glänzende Gesellschaft“, mit der die Route überschrieben ist, bleibt Träumen und Wunschvorstellungen vorbehalten.

David Krzysteczko in der Spieltriebe-Inszenierung "Linus in der Stufenwelt". Foto: Philipp Hülsmann

Für Linus, der durch einen Zufall erfährt , dass in „niedrigeren“ Gesellschaftsstufen wie der seinen, gut behüteten Rebellion möglich ist, liefert das Obergeschoss der Tischlerei das geeignete Ambiente; mächtige Backsteinsäulen ermöglichen Versteckspiele bei der Flucht vor der „Datenpolizei“. Das Publikum sieht hingegen trotz Sichtbehinderung alles – dank zweier großer Monitore, die im Camcorder-Stil das Geschehen live übertragen. „Speicher voll“ steht dort am Ende, was auch als Hinweis auf den nächsten Spielort gelesen werden könnte. Unter dem Dach des zum Kulturort konvertierten Hafenspeichers werden die beiden baugleichen, unterkühlt betonlastigen Spielräume vor allem mit Worten erfüllt. Der Dachboden des Lauten Speichers wird zum Spielraum für „Ein Körper für Jetzt und Heute“ des iranische Autors Mehdi Moradpour. Textreich wird dort in der Regie von Rebekka Bangerter die Geschichte von Elija erzählt, der in seiner Heimat zu einer Geschlechtsumwandlung gezwungen wird, im Exil dann aber noch darüber hinaus gehen will. Das Publikum wird dabei durch zwei Tableaus geführt, einmal stehend und gehend und einmal sitzend. Handlung und Wortgewalt erfordern vom Publikum höchste Konzentration, bis am Ende ein erlösendes Requiem ertönt - nachdem zu Schattenbildern der Unterschied zwischen einem gefallenen Soldaten und einem Märtyrer erörtert worden ist. (mali )

Route Grün

In einem Gelenkbus der Stadtwerke geht es zu den „Menschenverbesserern“: Lässt sich der Körper nach einer Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau durch eine zusätzliche Operation noch weiter optimieren? Ist es möglich, mithilfe moderner Bionik das Beste aus beiden Geschlechtern in einem einzigen Köper zu vereinen? Diese Fragen stellt sich der iranische Autor Mehdi Moradpour in seinem Stück „Ein Körper für Jetzt und Heute“, das die Teilnehmer der Route Grün im Lauten Speicher geboten bekommen. Die medial aufgeladene Inszenierung findet im Dachgeschoss des renovierten Gebäudes im Hafen statt und stellt hohe Ansprüche an Augen und Ohren.

Stefan Haschke in der Spieltriebe-Inszenierung "Ein Körper für jetzt und heute". Foto: Philipp Hülsmann

Anschließend geht es mit dem Bus weiter in die Außenbezirke der Stadt. Das Herrenhaus von Gut Leye in Atter dient als Kulisse für die Performance „Daydreams & Nightscreams“. Doch bevor die Routengänger an dem humorig angelegten „Seminar“ teilnehmen, bei dem zehn Tipps zum Einschlafen und für Nächte ohne Albträume vermittelt werden, geht es erst einmal in die obere Etage des historischen Gebäudes. Hier fordert die Installation „RLQN“ das Publikum auf, ausrangierte Errungenschaften unseres elektronischen Zeitalters mit Goldbronze zu veredeln. Ausgediente Platine, Spielkonsole, Rechenmaschine, Schallplattenspieler: Was eine persönliche Erinnerung wert ist, wird markiert. Die Künstlerin dahinter ist Lan Pham, die bei der Performance im Parterre auch für Bühne und Kostüm verantwortlich ist. Am Ende der Installation blitzen veraltete Tonträger wie auf einem Altar oder in einem Reliquienschrein im nervösen Licht eines Stroboskops. (thb)

Route Lila

Google und der freie Wille, Sex-Roboter, Ethik als Dressur: Was immer einem zum Festivalthema vom Markenprodukt Mensch auch einfallen mag – das Auftaktstück spricht alles, alles an. Was bleiben da überhaupt noch für „andere Angelegenheiten“, die das Duo „BR*OTHER ISSUES“ schon in seinem Namen verspricht? Als Antwort bieten die Performance-Künstler im Gut Leye ein Schlafseminar in zehn Schritten: Zum Programm gehören Jens-Spahn-Anekdoten, Perücken und eine Badewanne voll Schleim. Gelegentlich wird das Publikum einbezogen; ich selbst beispielsweise lag bei der Generalprobe auf dem Schoß eines Darstellers und wurde gestreichelt – weshalb Sie hier auch kein kritisches Wort lesen werden. Mehr über „Daydreams and Nightscreams“ erfahren Sie im Beitrag zur Route Grün, die den Einstünder ebenfalls zeigt. 

Das Duo Br*other Issues in der Spieltriebe-Inszenierung "Daydreams and Nightscreams". Foto: Uwe Lewandowski

Der Imbiss zwischen den Stücken wird danach am zweiten Spielort gereicht: Im Lauten Speicher warten belegte Brötchen und Chili. Achtung: Fisch gibt es nicht, auch wenn der anschließende 90-Minüter „Nyotaimori“ seinen Namen einer Zeremonie verdankt, bei der Sushi auf nackten Frauen serviert wird. Die Arbeit als menschlicher Tisch gehört zu den zweifelhaften Zukunftsberufen, die Sarah Berthiaumes Stück vorstellt: die Ausgebeuteten Asiens, die Selbstausbeuter der westlichen Welt und einen Glücksritter, der ein Auto gewinnen will, indem er mehr als 60 Stunden seine Lippen draufpresst – und damit die Grenzen seines Körpers aus freien Stücken so überdehnt wie die Textilarbeiterin unter dem Zwang der Verhältnisse. Entfremdung global. (dab)

Route Rot

Ein Kammerensemble des Osnabrücker Symphonieorchesters unter der Leitung von Sierd Quarré empfängt die Spieltriebegäste in der Liebfrauenkirche in Eversburg. Zu der klanglich dichten, rhythmischen Musik von Mariachiara di Cosimo gleiten die Tänzerinnen und Tänzer der Osnabrücker Compagnie durch den Raum, und das sieht schön aus und hört sich, dank sinnlich erfahrbarer Musik gut an. Was wäre, wenn Menschen sich wie Maschinen in einen Ausgangszustand zurückversetzen können? fragt die Choreografie von Tanzchef Mauro de Candia unter dem Titel „Tabula Rasa“ – und gibt darauf keine Antwort, sondern öffnet allenfalls Assoziationsräume. Umso besser passt vielleicht die Installation „Wir lassen () vorbei“ von Yi-Jou Chuang, die in der Werkshalle 1 von Duni auf Teilnehmer wartet: Liebevoll hat die Künstlerin Sushi-Attrappen zubereitet, als Vehikel für ein Spiel, das allerdings mehr an Kommunikations-Workshop denn an Theater erinnert. 

Susann Vent-Wunderlich in der Spieltriebe-Inszenierung "Das Ebenbild". Foto: Jörg Landsberg

In der Werkshalle 2 werden die Gäste dann aber wieder zu Zuschauern: Sie bekommen dort die Konzert-Installation „Der Alte Traum“ von Tingting Pang und die Kammeroper „Das Ebenbild“ von Kyungjin Lim wieder im Rahmen des . Dabei bleibt „Der Alte Traum“ assoziatives Spiel mit dem Ungefähren, das ein Kammerensemble des Osnabrücker Symphonieorchesters unter An-Hoon Song und ein Gesangsquartett mit Heike Hollenberg, Chihiro Meier-Tejima, Ulrich Enbergs und Mario Lee engagiert umsetzt. „Das Ebenbild“ verschränkt schließlich das Thema Gentechnik und Klonen mit der spirituellen Frage nach der der Wiedergeburt. Das passt zum Festivalmotto „Mensch®“, nur fehlt ein bisschen die ordnende dramaturgische Hand. Schöne Momente bringt die Inszenierung von Haitham Assem Tantawy trotzdem, vor allem dank der Musik von Kyungjin Lim: In klanglicher Reduziertheit scheint das Vorbild des Lehrers Sidney Corbett mit zu schwingen, und gleichzeitig kommen dadurch die Stimmen von Susann Vent-Wunderlich, Hans Gröning und Hans-Hermann Ehrich sowie des Choristen-Quartetts schön zur Geltung. Markus Lafleur schließlich leitet die Aufführung am Pult eines weiteren Kammerensembles des Osnabrücker Symphonieorchesters umsichtig. (dö)


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