Eine unterschätzte Krankheit Stadt und Landkreis Osnabrück heben "Bündnis gegen Depression" aus der Taufe

Knotenknüpfen für ein großes Netzwerk: Ein Bündnis gegen Depression in Stadt und Landkreis Osnabrück gegründet worden. Foto: Gert WestdörpKnotenknüpfen für ein großes Netzwerk: Ein Bündnis gegen Depression in Stadt und Landkreis Osnabrück gegründet worden. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Kliniken, Ärzte, Beratungsstellen und weitere Partner der Region möchten im Kampf gegen die Krankheit Depression verstärkt zusammenarbeiten. Jetzt hat die Auftaktveranstaltung zum Start des neu gegründeten, gemeinnützigen Vereins „Bündnis gegen Depression in Stadt und Landkreis Osnabrück“ (BgDOS) in der Volkshochschule stattgefunden.

Es ist eine ernste, unterschätzte Erkrankung, über die kaum jemand spricht. Dabei ist Depression eine Zivilisationskrankheit, die jeden treffen und tödlich enden kann.

Eine Depression im medizinischen Sinne fühle sich anders an als eine alltägliche Stimmungsschwankung, eine vorübergehende Niedergeschlagenheit oder eine Unlust, die bei vielen Menschen im Laufe des Lebens ein oder mehrmals auftritt, weiß Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. „Die Erkrankung ist meist rezidivierend, nimmt nicht selten einen chronischen Verlauf. Wenn nicht konsequent behandelt wird, reduziert das die Lebenserwartung um zehn Jahre“ betont Hergerl in seinem Eröffnungsvortrag und ruft dazu auf, die Erkrankung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Frauen erkranken doppelt so häufig wie Männer

5,3 Millionen Menschen sind in Deutschland betroffen. Nach Erhebungen der Krankenkasse AOK wurden 2017 in Niedersachsen bei 10,44 Prozent der Versicherten die Diagnose Depression gestellt – in Stadt und Landkreis Osnabrück sind insgesamt 32.000 Menschen betroffen. Nach wie vor erkranken Frauen doppelt so häufig wie Männer. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Depressionen im Jahr 2020 die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit sein werden.

Burnout nur ein Ausweichbegriff

Doch Betroffene suchen oft spät oder gar keine Hilfe, unterschätzen, wie gnadenlos diese affektive Störung jegliche Bereiche des täglichen Lebens durchdringen und zerstören kann. „Der nichtetablierte Begriff Burnout ist meist ein Ausweichbegriff für die Krankheit und weniger stigmatisierend, oft aber irreführend“, so Hegerl. Bis heute ist es ein Rätsel, wie genau Depressionen entstehen. Hegerl spricht von einem Zusammenspiel aus psychosozialen und neurobiologischen Aspekten.

Zwölf Gründungsmitglieder

Um zukünftig das Wissen in der Bevölkerung über die Erkrankung zu erweitern und Patienten eine bestmögliche, individuelle Versorgung zu ermöglichen, solle ein enges Kooperationsnetzwerk zwischen Institutionen aus allen relevanten Bereichen der psychosozialen Versorgung, Interessierten und Betroffenen geknüpft werden, sagt Hanna Neumann, erste Vorsitzende des neu gegründeten Bündnisses aus zwölf Gründungsmitgliedern.

„Betroffene brauchen vor Ort eine Lobby und die Enttabuisierung soll vorangetrieben werden“, so das Credo der Verantwortlichen, die ebenfalls einen Schwerpunkt auf die Prävention suizidaler Handlungen legen möchten. Denn jährlich versterben in Deutschland circa 10.000 Menschen durch Selbsttötung, knapp 90 Prozent davon litten an einer psychischen Erkrankung. Die Zahl der Selbstmordversuche ist schätzungsweise 15- bis 20-mal so groß und vier Prozent aller Selbsttötungen nehmen nicht nur sich selbst das Leben, sondern reißen bewusst andere Menschen mit in den Tod. So, wie beispielsweise der Copilot, der die Eurowings-Maschine in den französischen Alpen an einem Berg zerschellen ließ oder jüngst der Amokfahrer, der in Münster in eine Gruppe von Menschen gefahren war.

Deutschlandweit haben sich bereits in über 87 Städten und Regionen Bündnisse etabliert. Jetzt wurde das Konzept, welches unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Wolfgang Griesert, des Landrates Michael Lübbersmann und des MdB Jens Beeck steht, in Osnabrück vorgestellt. 

Auftaktveranstaltung

Die zahlreichen Grußworte untermalen musikalisch der Abseits-Chor und tänzerisch Michael Hull, der das Publikum mit dem Song „Calma“ von den Stühlen bewegt. Eine gemeinsame Aktion, bei der alle Teilnehmer mit drei Wollfäden ein großes Netz knüpfen, bildet den Abschluss der Auftaktveranstaltung, dessen Botschaft lautet: „Netzwerke gründen, Aufklärungskampagne starten und Synergieeffekte erzeugen.“ Das alles mit dem Ziel, eine bessere Versorgung für depressiv erkrankte Menschen zu ermöglichen.

Finanziell wird das Bündnis unterstützt von der Robert-Enke-Stiftung, dem Kinderhospital am Schölerberg, den Ameos-Kliniken, der AOK Niedersachsen sowie durch Stadt und Landkreis. Es zieht mit seiner Geschäftsstelle in die Räumlichkeiten des Gesundheitsdienstes für Landkreis und Stadt Osnabrück ein und ist ab dem 17. September unter der Telefonnummer 0541 5014989 ( Dienstags von 14 bis 16 Uhr ) und per Mail unter info@os-gegen-depression.de zu erreichen.


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