Eine Menge Stoff bewegt Uraufführung bei Spieltrieben: IKI.Radikalmensch

Viel Diskussionsstoff: Regisseurin Rieke Süßkow (links) mit Team und Schauspielern bei den Proben zu „IKI.Radikalmensch“. Foto: Swaantje HehmannViel Diskussionsstoff: Regisseurin Rieke Süßkow (links) mit Team und Schauspielern bei den Proben zu „IKI.Radikalmensch“. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Der Stuttgarter Autor Kevin Rittberger hat für das Theater Osnabrück gemeinsam mit der in Hamburg ausgebildeten Regisseurin Rieke Süßkow und ihrem Team das utopische Kammerspiel "IKI.Radikalmensch" erarbeitet, das beim Spieltriebe-Festival seine Premiere feiert.

In eine riesige rosa Wolke aus Stoff eingehüllt ist die Bühne des Emma-Theaters. Darauf bequem gemacht hat es sich eine Gruppe von Menschen, die lebhaft diskutiert. Eine Szene aus dem Stück „IKI.Radikalmensch“, das im Rahmen der Spieltriebe uraufgeführt wird, ist es nicht. Vielmehr haben sich das Regieteam und die drei Schauspieler einen Tag vor der Generalprobe noch einmal zusammengesetzt, um gemeinsam einige Fragen für sich zu beantworten. 

Viel Stoff muss erarbeitet werden. Foto: Swaantje Hehmann

Ambivalenz herausarbeiten

Derer wirft der anspruchsvolle Text nämlich viele auf – und lässt sie ganz bewusst stehen. Denn er möchte zum Nachdenken in alle Richtungen animieren über den „Neuen Menschen“ im Zeitalter der digitalen Revolution – statt mit Antworten zu „belehren“, wie Regisseurin Rieke Süßkow betont. Das wäre auch kaum möglich, denn schließlich steht die Geschichte des vom Revoluzzer zum Narzissten konvertierten Peter Vogel, dessen ihm zur Seite gestellte „Intime Künstliche Intelligenz“ (IKI) sich zunehmend zum Alter Ego programmiert, exemplarisch für eine Zukunftsvision, die ambivalent ist. Die Potenziale, aber auch die Gefahren der neuen Technologien in Bezug auf die Bewältigung der aktuellen „Menschheitskrise“ herauszuarbeiten, ist das Anliegen des Autors Kevin Rittberger, der seine erste Auftragsarbeit für das Theater Osnabrück im stetigen, produktiven Austausch mit der Regie entwickelt hat.

IKI (Julius Janosch Schulte, links) ist zunächst nur eine sprechende Sexpuppe, die ihrem Besitzer Peter Vogel (Andreas Möckel) aber immer ähnlicher wird . Foto: Swaantje Hehmann

Utopie in Bildsprache übersetzt

Bühnenbildner Lukas Fries hat für das erklärte „erste intelligente KI-Kammerspiel“ eine rosafarbene Spielwiese erschaffen, die jene große Menge an thematischem Stoff mit analogen Mitteln auf 90 Quadratmetern buchstäblich spannend in organischen Stoff hüllt. Im doppelten Sinne werden so die Schauspieler von Stoff eingewickelt, befreien sich aber auch immer wieder oder zaubern Dinge daraus hervor. Lustvoll wird hier gespielt mit „lebendem und totem Material“ und die ambitionierten politisch-philosophischen Gedankenspiele werden in eine greif- und begreifbare Bildsprache übersetzt. So prozesshaft die Erarbeitung des Stückes war, so viel wird der Stoff bewegt, aus dem die Utopien sind – von welcher Art Gesellschaft, muss, darf und kann am Ende jeder Zuschauer ganz für sich selbst entscheiden.


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