Hat die Technik uns im Griff? "Spieltriebe": "Tabula Rasa" in der Liebfrauen-Kirche

Spirituelle Gesten vor dem Altargemälde: die Tänzer Yi Yu und Ana Torre bei einer 
Probe in der Eversburger Liebfrauen-Kirche. Foto: Michael GründelSpirituelle Gesten vor dem Altargemälde: die Tänzer Yi Yu und Ana Torre bei einer Probe in der Eversburger Liebfrauen-Kirche. Foto: Michael Gründel
Michael Gründel

Osnabrück. Was geschieht eigentlich, wenn das humane System via Reset-Taste auf null gesetzt wird? Das erkundet das Tanzprojekt "Tabula Rasa" beim "Spieltriebe"-Festival in der Eversburger Liebfrauen-Kirche. Der Kirchenraum ist bei der Frage, wie stark uns neue Technologien schon im Griff haben, ein starker Mitspieler. Ein Probenbesuch.

Mit "Gottes Konkurrenz" ist die rote Festival-Route überschrieben. Angesichts des "Spieltriebe"-Themas Mensch und Technik sind damit die neuen, intelligenten Technologien gemeint, die der herkömmlichen Schöpfung Paroli bieten  der es zumindest versuchen. So verwundert es nicht, dass Tanzchef Mauro de Candia mit seinem "Spieltriebe"-Tanzprojekt "Tabula Rasa" in die Kirche geht, dorthin, wo die Aura des Schöpfers noch am ehesten zu spüren ist.

Suchende Blicke der eng gedrängten Tänzergruppe im Gang zwischen den Kirchenbänken bei einer Probe zum Tanzprojekt "Tabula Rasa". Foto: Michael Gründel

 Die katholische Liebfrauen-Kirche in Eversburg hat einen schönen, hellen und alles andere als überladenen Kirchenraum. Die Tänzer der Dance Company beziehen Altar, Wandgemälde und die dunklen Holzbänke mit ein, ihre Gesten zeigen hier und da Offenheit für spirituelle Impulse. Doch kommen die wirklich bei ihnen an? Ist dem verängstigt aneinander klebenden Häuflein von Menschen, das da zum Abendmahl an den Altar strebt, noch zu helfen? Im Gang sitzen einige Orchestermusiker und steuern, inspirieren das Geschehen, beim Probenbesuch sind sie noch nicht dabei. 

Viele Fragen stellt "Tabula Rasa", jeder Zuschauende wird sich selbst einen Reim darauf machen können. Unübersehbar rucken die Tänzer mit Köpfen und Gliedern, als seien sie Roboter. "Was passiert mit dem Menschen, der eine immer engere Verbindung mit Technik und Technologie eingegangen ist, wenn plötzlich digitale Codierungen und Schaltungen versagen?", schreibt das Theater über das, worum es gehen soll. Lässt sich auch das humane System quasi über eine Reset-Taste auf null zurücksetzen? Wäre das dann eine Befreiung oder das Ende, möchte man weiterfragen. 

Wonach suchen sie denn und klammern sich dabei aneinander? Szene im Altarraum der Kirche. Foto: Michael Gründel

Sicher ist jetzt schon: Der Raum spielt mit mit seinem großen, goldenen Kruzifix, seinen Bildern in Gold- und Brauntönen, seinen Rundbögen. Er wird zum Gegenspieler der armen, ruckelnden Robotergeschöpfe. Diese atmosphärische Spannung schärft die Wahrnehmung und lässt einen Blick wie von Außen zu auf das immer schnellere, immer technischere Hamsterrad, in dem wir täglich zappeln.  

Das Festival "Spieltriebe" startet am Freitag, 6. September um 17 Uhr im Theater am Domhof und ist am Samstag gleichfalls ab 17 Uhr und am Sonntag um 16 Uhr auf fünf Routen zu erleben. 


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