Analoge social media-Systeme „Spieltriebe“ integriert erstmals Installationen ins Theatergeschehen

Osnabrück: #Spieltriebe2019_Installationen RLQN und Wir lassen () vorbei - Treffen mit Künstlern Lan Pham und Yi-Jou Chuang und deren Modellen zur Installation.  Foto: Jörn MartensOsnabrück: #Spieltriebe2019_Installationen RLQN und Wir lassen () vorbei - Treffen mit Künstlern Lan Pham und Yi-Jou Chuang und deren Modellen zur Installation. Foto: Jörn Martens
Jörn Martens

Osnabrück. Die interaktiven Installationen „RLQN“ von Lan Pham auf Gut Leye und „Wir lassen ( ) vorbei“ von Yi-Jou Chuang in einer Lagerhalle der Firma Duni loten während des Festivals für zeitgenössisches Theater den Grenzbereich zwischen darstellender und bildender Kunst aus.

Discette, Walkman, Wählscheibentelefon: Überbleibsel aus einer Zeit, als digitalisierte Daten unsere Welt zwar beeinflussten, aber noch nicht radikal beherrschten. Lan Pham, Mitglied des Theaterteams, betrachtet die mittlerweile nostalgisch geschätzten Gadgets als moderne Reliquien – und behandelt sie so in ihrer Installation „RLQN“. Mit Symbolen für eine hypertechnisierte Welt, in der Geräte wie der I-Pod schon nach wenigen Jahren als veraltet eingestuft werden, konfrontiert die Künstlerin die Betrachter ihrer Rauminstallation; und macht sie zu Partizipienten, denn einer von drei Räumen, die sie im Gut Leye installiert hat, ist interaktiv. Dort wird über ein Soundsystem ein Text des Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro abgespielt, der die Zuhörer mit dem rasanten Driften der Welt in die Zukunft konfrontiert. Wie in einem Basar können sie dabei mit Gegenständen, mit unterschiedlichen Materialien hantieren, die sie nach und nach zuordnen. „Es geht grundsätzlich um den Wert technischer Utensilien“, so Lan Pham.

Osnabrück: #Spieltriebe2019_Installationen RLQN und Wir lassen () vorbei - Treffen mit Künstlern Lan Pham und Yi-Jou Chuang und deren Modellen zur Installation. Foto: Jörn Martens

Zum ersten Mal in der achtjährigen Geschichte von „Spieltriebe“, dem Osnabrücker Festival für zeitgenössisches Theater, werden nicht nur Szenen und Stücke an ungewöhnlichen Orten präsentiert, sondern auch Installationen. „Wir wollen den Grenzbereich zwischen darstellender und bildender Kunst ausloten“, heißt es von Seiten der Festivalleitung. Neben Lan Pham, die als Ausstattungsassistentin am Theater arbeitet, wählte das Dramaturgieteam auch eine Künstlerin für diesen Bereich aus, die an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste „Bühnenraum“ studiert: Yi-Jou Chuang. Sie beschäftigt sich anhand ihrer Installation „Wir lassen ( ) vorbei“ mit einem System, das hierzulande nicht so häufig zu sehen ist, in ihrer Heimat Taiwan aber zum Alltagsbild gehört: „Kaiten-Zushi“. Dabei handelt es sich um Sushi-Restaurants, in denen die Speisen auf einem Transportband an den Gästen vorbeizirkulieren. Man nimmt sich, auf was man Appetit hat. Ein solches, hier auch als „Running Sushi“ bezeichnetes Fließband installierte die Künstlerin mit den Mitarbeitern des Theaters in einer Halle, in der normalerweise Tischdekor- und Verpackungsartikel gelagert werden. Chuang konzipierte eine Art Gesellschaftsspiel: Bis zu 30 Personen setzen sich in Zweiergruppen an einen Tisch mit Transportband. Darauf kreisen Origami-Sushis aus handgefaltetem Papier, in denen Nachrichten und Fotos aus den Medien stecken. Jeder nimmt nach Gusto eine solche Meldung und tauscht sich mit seinem Partner und den anderen Gästen darüber aus.

Der Transfer, den diese Installation beschreitet, verläuft auf mehreren Ebenen. Das Restaurant wird zum Ort der Kommunikation, in dem die Gäste über aktuelle Themenbereiche wie Klima, Umwelt, Migration, Geschlechterfragen oder Asienpolitik diskutieren. Sie werden von kulinarischen Konsumenten zu Medienrezipienten, die einen eigenen Standpunkt einnehmen. „Das kreisende Transportband wird zu einem analogen social media-System“, sagt die Künstlerin.

„Spieltriebe 8“: Festival für zeitgenössisches Theater. Fünf Routen zu Veranstaltungen an ungewöhnlichen Orten. 6. bis 8. September. Start im Theater am Domhof. Fr. und Sa. um 17 Uhr, So. um 16 Uhr. 


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