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Vortrag: Islamisches Bankwesen hätte die Finanzkrise wenigstens entschärft Im Koran ist Geld nur ein Tauschmittel

Von Martina Schwager

Osnabrück. Wenn Erhat Toka seine Kunden ermahnt, ihre Rechnungen zu bezahlen, verzichtet er stets auf Verzugszinsen. Bei der Sparkasse hat er ein Sparkonto, für das er selbst keine Zinsen bekommt. „Und die Zinsen meines Bausparvertrages verschenke ich.“ Das Zinsverbot ist eines der wichtigsten Elemente der islamischen Ökonomie.

Doch für Muslime in Deutschland ist es nicht leicht, nach den Vorgaben des Islam zu wirtschaften. Den meisten sind die Details fremd. Sie haben sich mit dem westlichen Wirtschaftssystem arrangiert. Toka ist nicht nur Inhaber einer Kampfsportschule, sondern auch Gründer der Muslimisch Demokratischen Union in Osnabrück. 2011 war er damit erstmals zur Kommunalwahl angetreten und knapp am Einzug in den Stadtrat gescheitert.

Im Namen der Partei hatte er nun zu einem Vortrag der „Finanzberatung für Muslime und Freunde“ über „Islamic Banking“ eingeladen. Rund 30 Muslime wollten sich informieren. Auch Münever Stucke aus Bohmte ist interessiert. Sie hat ihren Hausbau nach herkömmlichem Muster bei einer ortsansässigen Bank finanziert. Doch grundsätzlich hält sie das Wirtschaftssystem für ausbeuterisch: „Es darf doch nicht sein, dass ein Finanzmarkt so zusammenbricht, wie wir das gerade erleben.“

Willi Eichmann ist Regionalmanager der 2008 gegründeten ersten Finanzberatungsfirma „für Muslime und Freunde“ in Deutschland. Mittlerweile gibt es eine weitere. Auch Eichmann, 2006 zum Islam konvertiert, ist überzeugt, dass die auf dem Koran gründenden ethischen Maximen des „Islamic Banking“ die Krise abgemildert oder gar verhindert hätten.

Tatsächlich sind weltweit die nach islamischen Grundsätzen wirtschaftenden Banken nicht so stark von der Krise betroffen, sagt Zaid el Mogaddedi, Direktor des in Frankfurt ansässigen „Institute for Islamic Banking and Finance“. Denn Islamische Ökonomie verbietet außer dem Geldzins auch die Spekulation und das Glücksspiel. Sie schreibt vor, nur in Firmen zu investieren, die der Gesellschaft Nutzen bringen. Das schließt etwa den Aktienbesitz bei Tabakfirmen, Alkohol- oder Waffenproduzenten ebenso aus wie Geschäfte mit Firmen, die hohe Verluste machen. Eine Ethikkommission muss jedes Produkt prüfen, in das investiert werden soll.

Hintergrund ist die auf dem Koran beruhende Ethik der Verantwortung für die Welt. Auch im Christentum habe es aus diesen Gründen noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Zinsverbot gegeben. Die zunehmende Säkularisierung habe Wirtschaft und Religion im Westen deutlich getrennt. Geld ist nach islamischer Maßgabe jedoch nach wie vor nur ein Tauschmittel und hat keinen Wert an sich. „Deshalb soll man es nicht horten, sondern gewinnbringend für die Gesellschaft einsetzen“, sagt der Experte. Zinsen hingegen seien nur für die wenigen von Vorteil, die schon viel hätten.

Deshalb ist die Alternative etwa zum Sparkonto der Aktienbesitz und die Alternative zum kreditfinanzierten Haus eine islamkonforme Finanzierung ohne Zinsen, erläutert Eichmann seinen Zuhörern in Osnabrück: „Die Bank kauft das Haus für 100000 Euro und verkauft es mir für 120000 Euro. Ich zahle der Bank dafür neben einem mindestens 20-prozentigen Eigenanteil eine Miete.“ Im Ergebnis sei das doch ähnlich wie ein Kredit, wendet eine Zuhörerin ein.

Eichmann kontert: Das Risiko liege jedoch nicht allein beim Hausbesitzer, sondern zu gleichem Anteil bei der Bank. Verliere etwa der Käufer seine Arbeit und könne die Miete nicht mehr bezahlen, bleibe das Haus bei der Bank, und der Käufer bekomme seinen Eigenanteil zurückgezahlt.

Eine solche Immobilienfinanzierung sei bislang in Deutschland jedoch nicht möglich, schränkt der Berater ein. Seine Firma arbeite aber mit Hochdruck daran, noch in diesem Jahr ein entsprechendes Angebot vermitteln zu können. Denn diese Produkte würden am meisten nachgefragt – und das nicht nur von Muslimen. Möglicherweise werde sogar die Deutsche Bank ein solches Angebot unterbreiten. Angesichts der Finanzmarktkrise signalisierten immer mehr Nicht-Muslime Interesse am „Islamic Banking“.