Interview mit Jens Peters Osnabrücks Festival "Spieltriebe" will Zukunft wagen

Experimentierlust ist gefragt, um Theater über künstliche Intelligenz zu machen. Probenszene zum Festivalstück "IKI.Radikalmensch". Foto: Theater OsnabrückExperimentierlust ist gefragt, um Theater über künstliche Intelligenz zu machen. Probenszene zum Festivalstück "IKI.Radikalmensch". Foto: Theater Osnabrück
Emma Technik

Osnabrück. Wieder mehr Zukunft wagen - das ist es, was sich die Festivallleiter Jens Peters und Birga Ipsen vom diesjährigen Festival "Spieltriebe" mit dem Titel "Mensch®" (für registered Trade Mark) im Osnabrücker Theater erhoffen. Im Interview sprach Peters über Fatalismus in unserer Gesellschaft, Ängste etwa vor künstlicher Intelligenz und wie das Festival dem begegnen will.

Jenes Peters leitet gemeinsam mit Birga Ipsen das Festival "Spieltriebe 2019". Foto: David Ebener

Frage: Herr Peters, wie sind Sie auf das Thema Mensch®" gekommen? 

Wir haben viel darüber gesprochen, was die Zukunft so bringt, warum es heutzutage an Utopien mangelt - und  auf welchen Ebenen die Zukunft schwerpunktmäßig diskutiert wird. Relativ schnell haben sich zwei Elemente herauskristallisiert: Die technische Ebene, Digitalität und Robotik, und die gesellschaftliche Ebene: Das Thema Arbeit wurde damit relevant. Uns wurde bald klar, dass Arbeit und Digitalität bei uns zusammengehören. Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt und die Frage, wie wir Menschen uns verändern können und wollen. Das Festival könnte dazu den Anstoß geben, noch einmal über Szenarien nachzudenken, die in unserer Entscheidung liegen, auch gesellschaftlich, auch politisch. Man spürt manchmal  einen gewissen Fatalismus, dass bestimmte Dinge und Entwicklungen sowieso kommen werden, seien sie nun schrecklich oder schön. Es handelt sich aber oft um Entscheidungen, die uns offen stehen. Es gibt immer noch die Möglichkeit mit zu entscheiden oder auch nein zu sagen.

Frage: Ist Hoffnung überhaupt noch angebracht? Wachsen uns die Geister, die wir gerufen haben, nicht längst über den Kopf? Und haben am Ende nicht Mechanismen des Kapitalismus völlig ungebremstes Spiel?

Das wäre noch einmal eine interessante Frage, wie sich Kapitalismus und Technik gegenseitig bedingen im Stück "Nyotaimori". Wie kann man dem Kapitalismus, Globalismus entkommen? Auch dieses Jahr begleiten wieder Routenpaten, Stückpaten unsere Arbeit. Wir hatten für "Nyotaimori" den Wirtschaftswissenschaftler Prof. Hans-Ulrich Holst von der Universität Osnabrück zu Gast. Er erklärte uns, früher sei man davon ausgegangen, die Gesellschaft werde in Zukunft besser. Das scheine heute stark abgenommen zu haben. So dass man gar nicht mehr in die Zukunft denke, sondern sich damit beschäftige, wie man bewahren kann, was jetzt gerade ist. Deshalb auch eine so große Rückwärtsgewandtheit momentan. Wir vom Theater hoffen nun, dass das Festival dazu anregt, wieder Zukunft zu wagen. Es gibt sie, man muss keine Angst haben. Man muss sie nur gestalten wollen.

Frage: Vor den doch unheimlichen Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz, die in vielen Stücken eine Rolle spielen, müssen wir keine Angst haben?

Prof. Joachim Hertzberg, Künstliche Intelligenz-Forscher an Osnabrücker Universität und Pate für das Stück "IKI.Radikalmensch" haben wir Folgendes gefragt: Im Stück gibt es die Konstellation, dass sich eine Künstliche Intelligenz (KI)  immer wieder updated und schließlich menschlicher wird als der Mensch. Ist es an irgendeinem Punkt denkbar, dass sich nicht mehr die KI dem Menschen anpasst, sondern Mensch versucht sich der KI anzupassen? Er meinte relativ klar: Nein, das wird es nicht geben, das sei lediglich ein Zukunftsszenario. Künstliche Intelligenzen würden nie menschenähnlich werden können. - Seine Antwort fand ich überraschend und spannend. 

Frage: Aber die vereinnahmenden Mechanismen des Kapitalismus sind noch nicht aus der Welt.

Ja, das ist die provokante Frage: Was ist, wenn der Mensch zur Ware und selbst ein Markenzeichen wird. Wenn man Rechte an DNA-Strängen erwerben kann und sich der Mensch auf diesem Weg verändert. Das ganze Feld um Klonen und Genforschung ist auch hochinteressant. Klonen wird ein zentrales Thema in der Oper sein. Deshalb finde ich den Routennamen da besonders schön: "Gottes Konkurrenz" passt wirklich wie die Faust aufs Auge. Das ist ein ein Zitat aus dem Rahmenstück "Menschenfabrik", das auf die rote Route und die Oper perfekt passt, weil sich die Oper mit verschiedenen religösen Schriften auseinandersetzt. Ein Riesenthema für den Menschen sind auch die biochemischen Prozesse, die an ihm verändert werden können. Wo können wir schon Organe ersetzen, wollen wir Emotionen manipulieren, sie einschränken oder erweitern?

Frage: Gibt es inhaltliche Verbindungen zu den letzten "Spieltrieben"?

Sexuelle Identität zu hinterfragen war das Thema der "Spieltriebe" 2017. Jetzt gehen wir noch weiter als Ergebnis von Denkprozessen in diesem Haus, die sich im Festivalformat niederschlagen, und behaupten: Es geht nicht nur darum, dass ich vom Mann zur Frau werde und diese Art von Binarität aufrecht erhalte, sondern ich möchte meinen Körper komplett ändern und die Freiheit haben ihn weiterhin verändern zu können. Natürlich stellt eine solch komplexe Thematik, die zudem in die Zukunft weist, viele Fragen an die Spielformen, weil die körperliche Präsenz der Kernpunkt des Theaters ist. Wie spiele ich eine künstliche Intelligenz, wie stellt man körperliche und emotionale Veränderungsprozesse dar. Man setzt sich als Schauspieler noch einmal selbst viel tiefer und dann auf der Bühne experimenteller mit der Frage auseinander, wie solche Zukünfte denn aussehen könnten, wenn man ein solches Szenario auf der Bühne selbst durchexerzieren muss.

Das Festival "Spieltriebe 8" ist vom 6.-8. September auf fünf Routen und in vielen neune Spielorten außerhalb des Theaters zu erleben. Infos: theater-osnabrueck.de/spielplan/spieltriebe-8.html


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