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Ein Leben für die Toleranz Freimaurer: Kronzeugen der Aufklärung?

Im Zentrum jedes Logenhauses steht der Tempel genannte Raum. Im Rahmen der Ausstellung „Licht ins Dunkel“ zeigte das Bremer Focke-Museum 2006 diese Nachbildung des Versammlungsraumes der Loge „Herder“ in Bremen. Foto: dpaIm Zentrum jedes Logenhauses steht der Tempel genannte Raum. Im Rahmen der Ausstellung „Licht ins Dunkel“ zeigte das Bremer Focke-Museum 2006 diese Nachbildung des Versammlungsraumes der Loge „Herder“ in Bremen. Foto: dpa

Osnabrück. Gutes bewirken, an sich arbeiten, aber nicht laut darüber reden: Was nach britischem Understatement klingt, kennzeichnet die Lebensauffassung der Mitglieder eines Bruderbundes, der in der Zeit der Aufklärung entstand und heute immer noch existiert: die Freimaurer.

„Das Leben ist eine permanente Aufklärungssituation“, bezieht sich Axel Pohlmann heute noch auf die Gründungszeit des Freimaurerbundes. Der Dortmunder Rechtsanwalt und Notar steht als Großmeister der „Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland“ vor, die mit ihren 260 Mitgliedslogen und deren knapp 10000 Mitgliedern rund zwei Drittel der deutschen Freimaurer vertritt. Sein Credo verdankt sich in zentralen Zügen der Aufklärung. „Der Mensch kann lernen und sich zum Besseren entwickeln“, sagt Pohlmann, macht zugleich aber auch klar, was neben aufklärerischem Fortschrittsbewusstsein auch zur Freimaurerei als Bewegung gehört: Sie verkünde keine Dogmen, formuliere weder Ideologie noch Utopie. „Was das Gute ist, muss jeder selbst herausfinden“, sagt der Großmeister.

Wie widersprüchlich das Bild der Freimaurerei heute allerdings immer noch ist, verdeutlicht der Blick auf das, was Pohlmann, auch mit einem Lächeln, die „drei PR-Coups“ in der Geschichte der Freimaurerei nennt: die Aufnahme Friedrichs des Großen in die „Loge d’Hambourg“ 1738, Mozarts „Zauberflöte“ von 1791 und Dan Browns Bestseller „Das verlorene Symbol“ von 2009. Monarch und Oper verkörpern eine glanzvolle Reputation, Dan Browns Mystery-Thriller dessen Gegenteil: die Verdächtigung des Freimaurer-Bundes als Geheimorganisation mit fragwürdigen Absichten. „Wir sind weder Ersatzkirche noch Sekte“, unterstreicht Axel Pohlmann noch einmal, was James Anderson schon 1723 in den „Alten Pflichten“, dem „Grundgesetz“ der Freimaurer, niederlegte: Freimaurer sind loyale Bürger, die sich von „Zusammenrottungen und Verschwörungen“ fernhalten.

Der alte Text verweist zurück auf die Entstehungszeit des Bundes. „Die Freimaurerei war das soziale Erfolgsmodell des 18. Jahrhunderts“, betont Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Kölner Sozialwissenschaftler und als Freimaurer gegenwärtig Großredner der genannten Großloge. Höhmann erinnert an die Gemeinschaft stiftende Kraft der Freimaurerei mit einem Zitat Gotthold Ephraim Lessings, der gleichfalls Logenbruder war: „Nichts geht über das laute Denken mit einem Freunde.“ Höhmann betont die unmittelbar verbindende Kraft gelungener Gesprächskultur, den Grundgedanken einer im Alltag geübten Toleranz, zieht aber auch Grenzen. „Wir wollen tolerant, aber nicht langweilig und beliebig sein“, sagt der Wissenschaftler und betont jene Trias, die für ihn Freimaurerei erst komplett macht: Freundschaft, Diskurs und schließlich das Ritual der sogenannten „Tempelarbeiten“. Für Höhmann zielen die Rituale auf „Bewusstseinsöffnung“. „Sie sind Reisen zu Stationen des Lebens“, sagt Höhmann, „eine Einübung in Empathie und Verantwortung“.

Freimaurerei als Aufklärung über die Geheimnisse des Lebens? Als Reaktion auf ein im 18. Jahrhundert verbreitetes „Unbehagen an den Offenbarungsreligionen“ versteht Dr. Klaus-Jürgen Grün die Freimaurerei. Den Tod nicht fürchten, „in menschlichen Dingen tüchtig werden“: In diesen Punkten sieht Grün, Privatdozent für Philosophie an der Universität Frankfurt am Main und „Meister“ der freimaurerischen Forschungsloge „Quatuor Coronati“, zentrale Anliegen derjenigen, die sich der Freimaurerei zuwenden.

„Aufklärung ist kein Prozess, den man abschließen kann“, sagt Grün und bezieht diesen Gedanken sofort auf die Freimaurerei selbst. Denn die stellt Wissenschaftlern wie Grün Forschungsaufgaben. Wie steht es mit dem Verhältnis der Freimaurer zur Gesellschaft heute? Wie zeitgemäß sind Rituale, die aus dem 18. Jahrhundert überliefert sind? Sollen Freimaurer mehr Marketing in eigener Sache betreiben? Diese und weitere Punkte benennt Grün. Als Freimaurer verteidigt er das Ritual: „Damit steht die Freimaurerei quer zu dem Anspruch, dem Zeitgeist immer auf der Spur sein zu müssen.“

Dass Freimaurer ihre Lebensphilosophie dennoch für besonders aktuell halten, betont nicht nur Klaus-Jürgen Grün. Peter Doderer, Freimaurer aus Bad Laer bei Osnabrück und zugeordneter Großmeister, fordert, gerade heute wieder Werte zu leben. Vertrauen sei das wichtigste Kapital einer freien Gesellschaft, führte Doderer unlängst in einem Vortrag an der Schiller-Universität Jena aus. Egoismen hintanstellen, in dem Bewusstsein leben, dass niemand die absolute Wahrheit besitzt – dies betont Peter Doderer besonders. Und befindet sich damit ganz nah am Credo von Hans-Hermann Höhmann. „Entspannt etwas abklären können hat eine aufklärerische Dimension“, sagt Höhmann und plädiert damit für Wachheit im Hier und Jetzt. „Bequeme Geselligkeit und bloße Esoterik“ sind nach seiner Ansicht die größte Gefahr für den Bund, der seit der Aufklärung existiert – jenen der Freimaurer.


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