Integrations-Schmiede Hörnschen Hof Afghanische Familie feiert Schulabschlüsse zweier junger Familienmitglieder

Ein Grund zu feiern hatten die Familien Safi und Stallkamp sowie viele Helfer: Abida und Ehsan haben ihren Schulabschluss geschafft. Foto: Joachim DierksEin Grund zu feiern hatten die Familien Safi und Stallkamp sowie viele Helfer: Abida und Ehsan haben ihren Schulabschluss geschafft. Foto: Joachim Dierks

Wallenhorst. 2016 kam eine zwölfköpfige Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan nach Wallenhorst. Familie Stallkamp war bereit, sie auf ihrem geräumigen Hof am Hörnschen Knapp aufzunehmen. Die beiden Teenager der Familie schafften ihre Abschlüsse an der Alexanderschule – für Hans Stallkamp Anlass, eine private Nachfeier zu veranstalten.

Der langjährige Wallenhorster Ratsherr und seine Frau Maria sind nicht ganz unerfahren als ehrenamtliche Integrationslotsen. In vergangenen Jahrzehnten betreuten sie Familien aus Kasachstan, nachdem die Sowjetunion sich aufgelöst hatte und Menschen ausreisen konnten. „Die haben sich alle längst in Wallenhorst gut integriert. Das gab uns den Mut, nun einmal einer muslimischen Großfamilie eine Starthilfe zu geben“, sagte Hans Stallkamp. 

Von der Taliban misshandelt

„Opa“ Layegh Safi war in seiner afghanischen Heimat von der Taliban schwer misshandelt worden. Mit Gewehrkolben hatten sie auf seinen Schädel eingeschlagen, der schlecht verheilte Schädelbruch ist noch deutlich zu erkennen. Außerdem schnitten sie ihm drei Finger ab. Für das heute 73-jährige Familienoberhaupt war spätestens damit klar, dass es in Afghanistan keine gute Zukunft mehr für sich und seine Familie geben würde. Mit „Oma“ Benafscha, Tochter, Schwiegersohn und weiteren Mitgliedern der Großfamilie machten sie sich zu zwölft auf die Flucht, bei Eis und Schnee über Gebirgspässe durch den Iran in die Türkei, dann weiter über Griechenland auf die Balkanroute.

Große Geschenkkörbe

Zwei Familienmitglieder aus der Enkelgeneration sind jetzt aus der Alexanderschule entlassen worden: Abida Safi mit dem Hauptschulabschluss nach Klasse 9, Ehsan Safi schaffte sogar den Realschulabschluss nach Klasse 10. Und das, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen, als sie vor drei Jahren ankamen. Für Familie Stallkamp waren diese Bildungserfolge Anlass, zu einer Kaffeetafel ins Gasthaus Beckmann einzuladen. Hans Stallkamp erinnerte an seine eigene Schulentlassung 1953. Da war er 14 Jahre alt und bekam einen neuen Anzug und einen Hut geschenkt. „Das war ein besonderer Tag, der sich mir sehr eingeprägt hat. So ein Erlebnis wünsche ich auch Abida und Ehsan“, sagte er und überreichte den ins Berufsleben Entlassenen zwei große Geschenkkörbe, die er als Spende vom Edeka-Markt Dütmann hatte zusammenstellen lassen. „Das ist alles halal, das sind alles erlaubte Sachen, ich habe das überprüft“, erklärte er.

Bürokratische Begleitmusik

Zugleich mit der Großfamilie Safi war der gesamte lokale Unterstützerkreis eingeladen, der den Geflüchteten das „Ankommen“ in der deutschen Gesellschaft ermöglicht und erleichtert hat. Da war der ehrenamtliche Integrationslotse der Gemeinde, Rainer Schawe, der sich fortlaufend um die Behördenkontakte kümmert. Die haben es in sich, zumal für die zwölf Personen drei unterschiedliche Aufenthaltsstatus zu managen sind. „Ich habe vier Leitz-Ordner stramm voll mit Formularen und Schriftverkehr bei mir stehen“, schilderte Schawe die bürokratische Begleitmusik, ohne die es in Deutschland anscheinend nicht gehe. Die pensionierte Lehrerin Ulrike Lahrmann erteilte mit anderen Ehrenamtlichen Deutschunterricht, „immer in großer Runde bei uns am Wohnzimmertisch, dreimal die Woche drei Stunden, Pflicht für alle“, beschrieb Hans Stallkamp den Ablauf. Da waren Schwester Brigitte, die von Abida sofort als „zweite Oma“ adoptiert wurde, Frau Wascher vom Flüchtlingsheim Natruper Holz, Frau Einsele von der Heilpädagogischen Hilfe, Christina Flaspöhler von der Maßarbeit des Landkreises, Bettina Bunkenburg als erste Lehrerin von Abida und Ehsan, André Schwegmann als stellvertretender Bürgermeister.

Rasche Integration

Auch Alexander-Schulleiter Arne Willms war mit drei Kolleginnen der Einladung gefolgt. „So eine rasche Integration ist kein Selbstläufer“, sagte er, das gehe nur mit ganz viel Hilfestellung von allen Seiten. „Die Erfolge sind hier zu besichtigen“, dankte er im Namen seiner ehemaligen Schützlinge in die Runde. Stallkamp nahm den Faden auf: das Wichtigste sei ja nun, dass es nach der Schule für die beiden zielgerichtet weitergehe. Dafür sind die Wege geebnet. Abida beginnt am 1. August eine Lehre als Arzthelferin in einer Ruller Allgemeinarztpraxis, Ehsan besucht am Pottgraben die Fachoberschule Gesundheit und absolviert in dem Rahmen ein Praktikum in der Caritas-Sozialstation in Hollage.


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