Trauerfeier am nationalen Gedenktag Zahl der Drogentoten in Osnabrück um zehn Prozent gestiegen

Sie hießen Lydia und Alexander oder wurden "Mozart" oder "Franko" genannt – 21 drogenabhängige Menschen sind innerhalb eines Jahres in Osnabrück gestorben. Foto: Swaantje HehmannSie hießen Lydia und Alexander oder wurden "Mozart" oder "Franko" genannt – 21 drogenabhängige Menschen sind innerhalb eines Jahres in Osnabrück gestorben. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Überdosierung, Tod durch den Missbrauch von Betäubungsmitteln oder tödliche Unfälle unter Drogeneinfluss – 21 Menschen sind deshalb innerhalb eines Jahres in Osnabrück verstorben. Im Rahmen des nationalen Gedenktages für verstorbene Drogenkonsumenten haben sich am Montag knapp 70 Menschen in der Gertrudenkirche versammelt, um in einem ökumenischen Gottesdienst der Toten zu gedenken und für sie zu beten.

Vor dem Altar liegen 21 flache Steinplatten mit grundierter, weißer Oberfläche. Auf jeder einzelnen stehen mit schwarzer Farbe ein Vorname, eine Altersangabe und ein kleines Kreuz. Dahinter flackern rote und weiße Windlichter, daneben liegen zahlreiche kleine Steine mit den Worten „Du fehlst“. 

Als der Gottesdienst vorbereitet und öffentlich angekündigt wurde, waren es noch 17 und nicht 21. Doch in den zehn Tagen vor der Trauerfeier sind weitere vier Menschen im Zusammenhang mit ihrer Drogenkrankheit gestorben. Das Alter aller Verstorbener der vergangenen zwölf Monate reicht von 19 bis 61 Jahren.

Aus den Lautsprechern ertönt der Rolling-Stones-Song „Angie“. Es herrscht Stille in den Reihen. „With no loving in our souls and no money in our coats“, singt Mick Jagger: „Ohne Liebe im Herzen, ohne Geld in der Tasche“. Nein, sie konnten nicht gerade sagen, dass sie zufrieden waren. Aber sie konnten auch nicht sagen, dass sie es nicht versucht hätten, heißt es in dem Lied weiter. 

„Moderne Songtexte können Gebete sein“, sagt der Vorsitzende des Caritasrates und Diakon Gerrit Schulte und predigt zusammen mit dem Psychiatrie-Seelsorger Pastor Hartmut Heyl von Liebe, Trennung, Abschied, Schmerz – und dem gescheiterten Traum vom Leben. Beide rufen dazu auf, die Menschenwürde von Drogenkonsumenten zu achten und zu schützen.

Foto: Swaantje Hehmann


Der 2011 gegründete "Abseits"-Chor unter der Leitung von Ruud van Iterson sorgt mit gecoverten Songs von Leonard Cohens „Hallelujah“ und Nenas „Wunder geschehen“ für die musikalische Begleitung. Mit dem irischen Segenslied „Möge die Straße uns zusammenführen“ zieht die Trauergemeinde, bestehend aus Angehörigen, Freunden und Suchtberatern, zu einem Gedenkstein, der ganz in der Nähe der Kirche steht.

„Was würden die Tote uns sagen wollen?“, fragt dort Peter Flüchter, Chefarzt des Suchtmedizinischen Zentrums der Ameos-Kliniken und liefert mögliche Antworten: „Hört auf, uns wie Kriminelle zu behandeln. Hört auf, uns zu stigmatisieren, zu diskriminieren.“ – "Den Verstorbenen fehlte die Hoffnung. Macht es anders – lasst euch helfen", wendet er sich an andere Betroffene, versucht, ihnen Mut zu machen. Die versammelten Trauernden fassen sich an den Händen, bilden eine große Kette und beten das Vaterunser.

Osnabrücks Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann ist mit Ratsmitglied Florian Schwab (beide CDU) unter den Anwesenden. Sie haben keinen der Drogentoten persönlich gekannt, sind sich aber einig, dass es ganz wichtig ist, dass ihrer gedacht wird. „Der Gedenktag ist eine Mahnung an die Politik, auch die Schwächsten nicht zu vergessen“, betont Westermann. Das sehen auch Janis-Josephine Falkenstein und Alexander Kampsen von der Aids-Hilfe so. Auch ihnen ist es ein persönliches Anliegen, bei der Trauerfeier dabei zu sein.

Alleine in Deutschland sind zuletzt innerhalb eines Jahres 1276 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums gestorben. In Osnabrück stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um etwas mehr als 10 Prozent angestiegen – von 19 auf 21 Tote. Das Osnabrücker Drogenhilfe-Netzwerk, zu dem diverse Vereine und Verbände gehören, organisiert die Gedenkveranstaltung jedes Jahr. Es bietet Betroffenen Unterstützung an und bittet darum, diese auch zu nutzen. Denn viele Abhängige tun sich schwer damit, Hilfe anzunehmen.


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