Speicherkapazität für Spieltriebe Theater-Festival nutzt kreative Freiräume im Hafen für zwei Erstaufführungen

Theater bis unters Dach: Investor Matthias Folkers auf dem Gipfel des „lauten“ Speichers. Foto: David EbenerTheater bis unters Dach: Investor Matthias Folkers auf dem Gipfel des „lauten“ Speichers. Foto: David Ebener

Osnabrück. Der alte Speicher des Osnabrücker Hafens wird als neues Kreativquartier Schauplatz für zwei Produktionen des Theater-Festivals Spieltriebe 8: "Nyotaimori" im Erdgeschoss und "Ein Körper für Jetzt und Heute" auf dem Dachboden.

Es ist ein seltsames Schauspiel: Mitten in einem großen, weißen Raum räkelt sich eine Frau auf einer Ansammlung von bunten Pool-Nudeln, während sie von einem anderen Schaumstoff-Plateau aus genaue Liege- und Bewegungsanweisungen erhält. Es ist eine Szene aus Sarah Berthiaumes Theaterstück „Nyotaimori“, das gerade im Erdgeschoss des neuen Kulturspeichers im Osnabrücker Hafen geprobt wird. Der Titel bezeichnet das japanische Ritual eines lebenden Buffets. Freiheit bedeute, keine Entscheidungen mehr treffen zu müssen, sagt die Frau, deren Körper gerade zur Präsentationsfläche für Sushi degradiert wird. 

Kreative Atmosphäre

Zur selben Zeit nimmt sich einige Stufen höher im Dachgeschoss des Speichers jemand die Freiheit, sich einen neuen „Körper für Jetzt und Heute“ zuzulegen. So heißt das Stück von Mehdi Moradpour, das die freie Wahl des Geschlechts im Spannungsfeld zwischen politisch-rechtlichen Zwängen, technischer Machbarkeit und gesellschaftlicher Utopie ansiedelt. Während die Atmosphäre im unteren Spielraum hell und offen und laut Regisseurin Anna Werner passend zur Einstiegsszene, die in einer Werbeagentur spielt, „zur Kreativität einlädt“, wirkt der Dachboden eher bedrückend. Die Luft scheint hier ebenso wie die bespielbaren Säulen im Raum dünner zu sein, der Beton ist grau, die schrägen Decken hängen tiefer und die Fensteröffnungen sind klein, was aber immerhin ein Vorteil für die Abdunkelung sein kann. 

Unten heller: Speicher-Macher Matthias Folkers. Foto: David Ebener

Museum und Laufsteg

Nicht nur, als eine sehr technisch anmutende Szene geprobt wird, in deren Zentrum eine intensive Befragung zur Vorbereitung auf die operative Geschlechtsumwandlung steht, wird hier viel mit Soundeffekten experimentiert. Dabei wird überlegt, auch die Stimmen von den Körpern zu trennen und raumfüllend aus verschiedenen Richtungen erklingen zu lassen. Mikrofone baumeln von der Decke und auf dem Boden liegen allerlei Kabel, rätselhafte schwarze Schläuche und Kissen. Regisseurin Rebekka Bangerter kommt es entgegen, dass die Räumlichkeiten oben unter dem Dach des Speichers zweigeteilt sind. So kann sie die „herausfordernden“ Sprachbilder des ersten Tableaus des Textes, das im Iran spielt, eher installativ inszenieren und das Publikum wie in einem Museum zwischen Inseln aus verschiedenen Bühnenelementen verteilen. Im fast spiegelbildlichen zweiten Raum werden die Zuschauer dann U-förmig um eine Art Catwalk herum platziert, der als Spielarena dient. 

Bewegung im Hafen

Dass direkt unter dem Dach des Speichers einmal Theater gespielt werden würde, hatte Mitgeschäftsführer Matthias Folkers nicht im Kopf, als er das sanierungsbedürftige Objekt gemeinsam mit drei weiteren Investoren vor einigen Monaten erworben hat, um es mit viel Eifer und Elan zu einem neuen „soziokulturellen Kreativzentrum“ auszubauen. Der große Raum im Untergeschoss sei hingegen von Beginn an für Konzerte, Tanzveranstaltungen, Ausstellungen und Schauspielaufführungen gedacht gewesen, verrät er. Deshalb soll dort auch demnächst eine Bühne aufgebaut werden. Dass und wie die Spieltriebe den gesamten Raum zur Bühne machen, findet er „faszinierend“ und freut sich auf die Premiere. Sie komme „genau zum richtigen Zeitpunkt“ in einer Phase, in der Leben und Bewegung in das neue Kreativquartier im Hafen komme. 

Oben schräg: Matthias Folkers auf dem Dachboden des Lauten Speichers. Foto: David Ebener

Räume für alle

Während im „leisen“ Speicher Büroräume vermietet werden, sind im „lauten“ Äquivalent im Januar die ersten Musiker in die neuen Proberäume gezogen. Da dort aber zukünftig nicht nur Musik drin sein soll, sondern die verschiedensten Künste ihren Platz finden und „miteinander verbunden“ werden sollen, habe er über die Anfrage von Spieltriebe-Leiter Jens Peters nicht lange nachdenken müssen, sagt Folkers. Zum Theater hat er übrigens auch eine ganz persönliche Beziehung. Denn sein Vater war Musiker im Osnabrücker Symphonieorchester. Umso mehr ist er dankbar, den Städtischen Bühnen nun buchstäblich Speicherkapazität für ihre Spieltriebe zur Verfügung stellen zu können. Und das gleich doppelt und von oben bis unten.


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