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„Dialog bewusst leben“ Osnabrücker Freimaurer: Wir sind Transporteure der Aufklärung

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Osnabrück. „Wir sind verwöhnungsverwahrlost.“ Das sagt Ludger Steinkamp, gerade neu gewählter Meister vom Stuhl der Freimaurerloge „Zum goldenen Rade“ in Osnabrück. Freimaurer sollten sich nach Steinkamps Worten Aufklärung gerade heute wieder neu zum Thema machen.

Die Osnabrücker Freimaurerloge ist im Lortzing-Haus an der Katharinenkirche beheimatet. In einem Clubraum gleich neben dem „Tempel“, dem Ort der freimaurerischen Rituale, haben sich fünf Brüder zum Gespräch versammelt. Im Rahmen unserer Serie „Was ist Aufklärung heute?“ richtet sich diese Frage besonders an die Freimaurer vor Ort. Was denken sie zum Thema Aufklärung?

Steinkamp, der der Loge als Meister vom Stuhl seit Kurzem vorsteht, beklagt die „Trägheit in der Gesellschaft“. „Wir brauchen Querdenker und kritische Geister“, sagt er – übrigens auch im Blick auf die eigene Loge. Denn wie den anderen Freimaurern ist ihm klar: Die aus dem 18. Jahrhundert stammende Welt der Rituale will immer wieder neu gelebt sein. „Die Frage ist doch, was wir heute daraus machen“, unterstreicht Steinkamp. Sein Credo: Mit mehr Bewusstheit auf das schauen, was sich in der Gesellschaft abspielt. Und dafür finden die Osnabrücker Freimaurer wie ihre Brüder in anderen Logen vielfache Ansatzpunkte.

„Wir sind nicht die Gründerväter der Aufklärung, wohl aber die Transporteure ihrer Ideen“, betont Matthias Baethge, aktueller „Redner“, der als Vorstandsmitglied für das Vortragsprogramm der Loge zuständig ist. Für ihn sind zentrale Forderungen der Aufklärung heute verwirklicht. „Woran reiben wir uns heute?“, fragt Baethge. Sein Amtsvorgänger Hanno Vogler hält eine mögliche Antwort bereit: „Wir müssen auch die Vernunft hinterfragen. Auch Wissenschaft kann ins Verderben führen“, sagt er und fügt gleich einen zweiten Punkt an: „Wo wird die Würde des Menschen heute verletzt?“

Für Freimaurer ist das nicht nur ein Debattenthema. Sie engagieren sich auch konkret – nicht als Institution, sondern als Individuen. Dr. Ludwig Schulze, Altstuhlmeister der Loge und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, engagiert sich im Kinderschutzbund. Jan Chris Damstra, Gästebetreuer der Loge und Zahnarzt, betreibt ein zahnärztliches Hilfsprojekt im afrikanischen Ruanda. „Wir haben zwar einen Sozialstaat, aber viele Themen der Daseinsfürsorge sind nicht gelöst“, stellt Schulze fest und spricht damit eine Grundüberzeugung der Freimaurer an: Sie sehen das Leben der Menschen als verbesserungswürdig an – und das zu jeder Zeit. Dies betrifft nicht allein Lebensverhältnisse, sondern auch den einzelnen Menschen.

„Wir wollen das dialogische Prinzip bewusst leben“, bringt Hanno Vogler einen weiteren Aspekt ins Spiel, der Freimaurern wichtig ist: In der Loge wollen sie sich gerade im brüderlichen Miteinander bewusst üben. Ihre Ethik kennt keine einmal erreichte Perfektion, sondern nur die unablässige Bemühung. Und noch eine leitende Vorstellung der Freimaurer benennt Vogler: die „Weltbruderkette“. Sie meint die ideelle Gemeinschaft aller Freimaurer – und in der Konsequenz das geschwisterliche Miteinander aller Menschen. Dieser universelle Aspekt sorgt für Dynamik. „Die Weltbruderkette weitet den Blick für die Probleme anderer“, sagt er.

Doch bei allem aufrichtigen Engagement kommen auch die Freimaurer nicht ohne Konflikte aus. Sie halten die Vertraulichkeit ihres Rituales hoch (Damstra: „Wohltuend wie eine Meditation“) und zielen doch auf eine Wirkung ab, die sich in der Welt außerhalb ihrer Loge bewähren muss. Diskussionsabende für die Öffentlichkeit? Was Hanno Vogler als Wunsch benennt, stößt prompt auf Kritik. „Wollen wir das?“, spricht Ludwig Schulze die heikle Grundsatzfrage an, in welchem Maß die diskreten Freimaurer öffentlich sichtbar sein wollen. Die Debatte geht weiter. Auch in der Loge.

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