"Gesundheits Talk" in Osnabrück Experten diskutieren über Luftschadstoffe

Hohe Gäste in der Aula der Uni: (v.l.) Dr.med Gisbert Voigt, Prof Dr. med. Henning Allmers, Barbara Metz, Dr. med. Martina Wenker, Moderator Thomas Spieker und Dr. Jan-Christoph Weise 
Foto: Michael GründelHohe Gäste in der Aula der Uni: (v.l.) Dr.med Gisbert Voigt, Prof Dr. med. Henning Allmers, Barbara Metz, Dr. med. Martina Wenker, Moderator Thomas Spieker und Dr. Jan-Christoph Weise Foto: Michael Gründel

Osnabrück. In einer Podiumsdiskussion an der Uni Osnabrück haben fünf Experten aus den Bereichen Politik, Medizin und Umweltrecht über Ursachen, Folgen und Prävention von dreckiger Luft gesprochen. Dabei spielte auch die Mobilität der Zukunft und die Sicherheit am Arbeitsplatz eine Rolle.

Zum "Gesundheits-Talk" unter der Überschrift: "Feinstaub: Gefahr für die Lunge?" hatte die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) zusammen mit der Universität eingeladen. Die Uni sei froh, die erste Podiumsdiskussion über Umweltmedizin zu veranstalten, sagte der Präsident der Universität Osnabrück, Wolfgang Lücke, sei sie doch die erste Uni Deutschlands gewesen, die in den Neunzigern ein eigenes Umweltkonzept entwickelt habe. 

"Fridays for Future" macht Hoffnung

Die stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe, Barbara Metz, brachte als erstes Thema die Jugendprotestbewegung "Fridays for Future" in die Gruppe ein. Eine junge Generation, die mit Umweltbewusstsein aufwachse, mache ihr Hoffnung. Der Leiter des niedersächsischen Ministerbüros, Dr. Jan-Christoph Weise, stimmte ihr bei und erzählte vom Besuch der "Fridays for Future"-Aktivisten im Ministerium. Die Kompetenz der jungen Leute habe ihn begeistert. 

Kontroverse fängt beim Messen an

Grenzwerte von Luftschadstoffen zu kontrollieren, sei im Interesse der Bürger, erklärte Metz. Die Deutsche Umwelthilfe verstehe sich als umweltbezogener Verbraucherschutz, der bei Missständen Handlungen durch Klagen erreichen könne. Die Grenzwerte und die Erfassung der Messwerte waren in der Diskussion immer wieder kontroverse Themen. Von der Höhe der Messtationen, über die Position in der Stadt bis zur Berechnung der Werte, gab es unterschiedliche Meinungen. Die einen wollen nahe der Straße messen (wie Metz), die anderen da wo die Menschen wohnen (wie Weise). Metz will außerdem auf Kinderhöhe messen lassen und flächendeckend Werte erfassen, während Weise repräsentative Werte für ausreichend hält. 

Die fünf Redner zwischen den drei Fernsehkameras, die das Geschehen live ins Internet übertrugen Foto: Michael Gründel


Umweltschutz ist Gesundheitsvorsorge

Genau wie die Messwerte selbst sind auch die Folgen aus den so ermittelten Werten nicht klar umrissen. Besonders emotional diskutiert werden die Fahrverbote für Dieselfahrzeuge. Metz verglich diese mit einer Not-Operation, die letztmögliche Rettung. Die Automobilindustrie müsse so bald wie möglich und auf eigene Kosten Dieselfahrzeuge nachrüsten. Durch Hardware-, nicht Software-Updates. Der Abgas-Skandal sorgte bei allen Gästen für Unmut. Laut Weise gäbe es deutlich weniger Problem mit Luftverschmutzung, wenn die Autobranche sich an die Regeln gehalten hätte. 

Saubere Luft als Menschenrecht

Die Präsidentin der ÄKN, Dr. med. Martina Wenker, bezeichnete saubere Luft als ein Menschenrecht. Bei Grenzwerten handle es sich immer um Kompromisse. Dabei gäbe es keinen harmlosen Wert. Als Hauptquellen der Luftverschmutzung nannte sie den Verkehr - und dabei nicht nur Abgase, sondern auch den Reifenabrieb -, die Industrie - besonders Kohle - und die Landwirtschaft.

Zur Sache

Feinstaub- woher er kommt und warum er riskant ist
Als Feinstaub bezeichnet man Partikel, die kleiner als 10 Mikrometer sind. In der Natur entsteht Feinstaub zum Beispiel bei Vulkanaktivität, Waldbränden oder Bodenerosion. Menschgemachter Feinstaub stammt aus industrieller Verbrennung, Kaminen, Heizungen und dem Verkehr. Auf den Straßen geht es nicht nur um Abgase, sondern auch um den Abrieb von Bremsen und Reifen. Besonders gefährlich sind Kleinstpartikel mit einer Größe von weniger als 2,5 Mikrometer. Je kleiner die Partikel, desto tiefer dringen sie in den Körper ein. Kleinstpartikel können in den Blutkreislauf gelangen und Entzündungen auslösen. Die schädliche Wirkung von Feinstaub gilt als nachgewiesen. Es kommt zum Beispiel vermehrt zu Asthma, Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kinder, Schwangere, kranke und ältere Menschen haben ein erhöhtes Risiko durch Feinstaub Schaden zu nehmen. 

Der Kinderarzt Gisbert Voigt berichtete von einer Zunahme von chronischen Atemwegserkrankungen bei Kindern. Für ihn sei der Umweltbezug klar und die Lage alarmierend. Jedes fünfte Kind leide mittlerweile an Beschwerden. Besonders schutzbedürftig seien ungeborene Kinder, die schon jetzt von Umwelteinflüssen betroffen seien. 

Uni-Professor und Arbeitsmediziner Prof. Dr. med. Henning Allmers sprach drei Arbeitsbereiche an, die bei der Kontroverse um Luftschadstoffe oft vergessen würden: Friseure, die mit chemischen Farben zu tun haben, Schweißer und Arbeiter im Windkraftwerke-Bau, die durch spezielle Harze belastet würden. 

Elektro-Autos als Lösung?

Niemand wolle Schadstoffe in der Luft, aber wie lässt sich Luftverschmutzung verhindern? Laut Weise wären die Umstellung auf Elektro-Autos ein guter Ansatz.  VW hätte angekündigt, bis 2020 eine Million Elektro-Autos auf die Straße zu bringen. Woraufhin aus dem Publikum der spöttische Zuruf „Und woher kommt der Strom dafür?“ kam. Tatsächlich, meinte Metz, sei das mit der E- Mobilität nicht so einfach. Die Batterien werden auch unter Nutzung von Ressourcen und Chemikalien gebaut. Der Strom müsse auch produziert werden. Es handle sich noch keineswegs um ein „Null-Emissions-Auto“. 

Es war nicht die einzige skeptische Reaktion aus dem Publikum. Ein Hausarzt meinte, an Dieselabgasen sei noch keiner gestorben und den enormen Feinstaub im Zweiten Weltkrieg hätten seine älteren Patienten schließlich auch problemlos überstanden. Ein anderer Zuhörer bezweifelte, dass die Regierung schnell handeln wird. Als Beispiel nannte er das Rauchen, was erst 40 Jahre nach der Entdeckung des Risikos eingeschränkt worden sei. Metz meinte daraufhin, Einfluss auf die Politik gehe nur über die Wahlurne und die Straße, wobei sie sich wieder auf „Fridays for Future“ bezog. 









Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN