zuletzt aktualisiert vor

Serie: Ein Fall für Fays Kissenschlacht an Osnabrücker Waschstraße

Von



Osnabrück. „Heute Abend brauchst Du kein Fitness-Studio mehr.“ Diesen Satz hört Redakteur Jean-Charles Fays in der Großwäscherei Glosemeyer immer wieder, als er einen Tag als Wäscherei-Fachkraft arbeitet: Ob als Belader, Sortierer oder Mangeler. Es ist ein Knochenjob. Doch das Personal sieht es sportlich.

„Beim Sack aufmachen, Luft anhalten“, sagt ein drahtiger kleiner Mann mit einem Piratentuch, das den Schweiß aufsaugt. Er stellt sich als Jimmy vor, öffnet den Verschluss und schmeißt den Sack samt Inhalt auf das Band. So geht das in der Wäscheannahme den ganzen Tag. Morgens kommen die Lieferungen aus dem Altenheim oder aus dem Krankenhaus. Manche Kittel sind blutverschmiert, manche Oberteile und Hosen haben Flecken, die ich hier nicht näher beschreiben möchte. Als ich den ersten Sack öffne, steigt mir ein beißender Geruch von altem Schweiß und Moder in die Nase.

Fortan beherzige ich Jimmys Ratschlag. Wir holen uns die Rollcontainer direkt aus dem Lastwagen von der Rampe. Jeder Container hat 20 bis 30 Säcke. Jeder Sack wiegt etwa zehn Kilo. Wir hieven sie so lange vom Container auf das Band, bis eine rote Lampe aufleuchtet. Das ist das Zeichen dafür, dass ein Speicherbahn-Sack mit 75 bis 80 Kilo beladen ist. Über eine sogenannte Hängebahn an der Hallendecke kommt die Wäsche in die Waschstraße. Eine Abrufsteuerung sortiert die 90 über unseren Köpfen baumelnden Speicherbahn-Säcke nach Kundennummer und Waschprogramm, bevor sie in eine der beiden 20 Meter langen und 2,20 Meter breiten Waschstraßen befördert werden.

Nach zwei Stunden läuft der Schweiß nur so von der Stirn. Die Kollegen freuen sich über die Unterstützung, denn sonst müssen insgesamt sechs Belader am Tag rund 30 Tonnen Wäsche bewegen. Das sind etwa 100000 Einzelteile und mehr als 3000 Säcke täglich. Diese schwere körperliche Arbeit dürfen ausschließlich Männer verrichten.

Da ich heute als Springer eingesetzt bin, wechsel ich nach gefühlten 300 Säcken die Seiten. Vis à vis zu den Beladern arbeiten die Sortierer. Dort arbeiten mit Ausnahme eines Auszubildenden nur Frauen. Die Hoffnung, dass ich mich hier etwas erholen kann, währt nicht lange. Die Auszubildende zur Textilreinigerin Verena Zobel erklärt, wie die Hotelwäsche vom Band sortiert wird: „Am Ende die gelben Spannlaken oben links, die weißen unten links. In der Mitte die Bettbezüge oben links, die Bettlaken oben rechts, die Kopfkissen unten links und die Nackenkissen unten rechts. Und am Anfang Handtücher oben links, Fußmatten unten links und Badehandtücher oben rechts.“ Die Metallkreuze vor dem Band dienen der Warenerfassung. Jedes Mal, wenn ein Wäscheteil die Metallträger passiert, zählt ein Scanner es und ordnet es einer vorher eingegebenen Kundennummer zu. Deshalb ist es wichtig, dass jedes Teil richtig sortiert wird. Nicht das Gewicht pro Einzelteil, sondern die Frequenz lässt die Schweißperlen von meiner Stirn tropfen. Ständig kommen neue Wäscheberge, die keinen Aufschub dulden. Zudem habe ich nicht den Eindruck, dass der weiße Kittel, den ich über meinem Pullover tragen muss, atmungsaktiv wäre. Immerhin kaschiert er die Schweißflecken unter meinen Achseln.

„Seit vier Wochen bin ich am Band. Da habe ich ordentlich Muckis zugelegt. Ein Bettbezug wiegt immerhin etwa 500 Gramm“, sagt Verena Zobel. Hinter ihr steht eine Wasserflasche, die eine Plastiktüte abdeckt. „Wegen des Staubes“, erklärt die 21-Jährige. Sie streicht mit ihrem Handschuh über die Ablage. Er ist schwarz. „Siehst Du das? Das passiert, obwohl hier jeden Tag gereinigt wird. Ständig wird hier neuer Staub aufgewirbelt“, sagt sie. Das Problem sei ihre Stauballergie. Mit Allergietabletten bekomme sie das aber in den Griff. Von allen Abteilungen, die sie seit Ausbildungsbeginn durchlaufen habe, fühle sie sich hier am wohlsten. „Mit den Kolleginnen verstehe ich mich hier am besten. Es ist spannend, was wir in den Bettlaken finden“, erzählt sie. „Wir lachen immer, wenn dort Rosenblätter und Reiskörner oder aber Fischstäbchen rausfliegen.“

Mittags holt mich Produktionsleiter Tobias Müller zum Mittagessen ab. Danach soll ich von der sogenannten Schmutzseite auf die saubere Seite wechseln. Beim Seitenwechsel passieren wir eine Schleuse, desinfizieren die Hände und ich wechsel den Kittel. Auf dem Weg zum Aufenthaltsraum decke ich mich mit Getränken aus einem Automaten ein. Einen halben Liter Apfelschorle trinke ich innerhalb von fünf Minuten, darauf folgt ein Kaffee. Eine Wasserflasche stecke ich in die Kitteltasche.

Bei der nächsten Station stellt sich das als weise Entscheidung heraus. Denn auf der sauberen Seite muss ich am Ende der Waschstraße erneut Wäsche sortieren. Allerdings ist sie nun feucht und dementsprechend schwerer. Meine Brille beschlägt sofort, als ich zum Band gelange. Es ist gefühlt 30 Grad warm und es herrscht eine Luftfeuchtigkeit, wie ich sie eher als Tierpfleger im Schlangengehege erwartet hätte.

Das Band läuft zwei Minuten am Stück, bevor wir uns etwa eine halbe Minute auf die nächste Ladung vorbereiten können. Unsere Aufgabe ist es, die Kopfkissenbezüge in den Container auf der mir gegenüberliegenden linken Seite zu schmeißen, die Kopfkissen in den Container ganz rechts und die Putzlappen in den Container dazwischen. Das Problem dabei ist, dass mir gegenüber der Kollege Jamba steht. Ich versuche, die Kopfkissenbezüge über ihn hinweg in den Container zu schmeißen. In der Geschwindigkeit wie die Teile über das Band laufen gelingt das aber nur bedingt. Es ist wie Kissenschlacht. Immer wieder schmeiße ich ihm einen Kopfkissenbezug an den Kopf oder auf die Schulter, obwohl er ihnen ausweicht, wie ein Boxer Faustschlägen. Wenn ich ihn treffe, lacht er, bleibt aber auf die Teile auf dem Band konzentriert, die er nach den verschiedenen Teilen scannt. Hinter mir stehen stählerne Boxen, in die ich Bettbezüge schmeiße. Ich habe den Eindruck, dass das Band viel zu schnell ist. Immer wieder ziehe ich die Wäsche mit beiden Händen zurück, um den Berg erneut durchzugehen. Kein Teil soll mir durch die Lappen gehen. Dabei schwitze ich wie in der Sauna. In den kurzen Pausen trinke ich Wasser. Die Kollegen schmunzeln. Erst als ich mit der Station fertig bin, verraten sie mir, dass es nicht schlimm ist, wenn einige Teile unsortiert durchgehen. „Wir sortieren nur vor“, klärt Jamba mich auf und klatscht grinsend mit mir ab.

Am Ende des Tages verabschiede ich mich von Chef Burkhard Glosemeyer . Die Hose und das Shirt kleben am ganzen Körper. Doch der Einsatz hat sich gelohnt. Das Zeugnis von Betriebsleiter Müller ist gut, und Glosemeyer bezahlt nicht nur den normalen Lohn von 100 Euro, sondern weitere 400 Euro als Spende für den Verein „Wir starten gleich“. So steigt das Spenden-Barometer auf 613 Euro. Im ersten Serienteil als Barkeeper verdiente Fays bereits 113 Euro.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN