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„Baupolizeiliche Gründe“ Abriss der Osnabrücker Synagoge stand schon vor der Pogromnacht fest

Von Jann Weber

Die Synagoge im Jahr 1910: Damals war das Gebäude an der heutigen Alten-Synagogen-Straße noch neu. 1938 zogen Stadt und Regierung die Fäden für den Abriss. Foto: privatDie Synagoge im Jahr 1910: Damals war das Gebäude an der heutigen Alten-Synagogen-Straße noch neu. 1938 zogen Stadt und Regierung die Fäden für den Abriss. Foto: privat

Osnabrück. Das Feuer war kaum gelöscht, als Oberbürgermeister Erich Gaertner anordnete, die Synagoge abzureißen – aus „baupolizeilichen Gründen“, wie er argumentierte. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatte das nationalsozialistische Regime Brandanschläge auf jüdische Gotteshäuser in ganz Deutschland begehen lassen.

Doch in Osnabrück haben nicht alleine die Flammen das massive Gebäude von 1906 zerstört. Offenbar hätte es heute noch stehen können. Michael Gander, Historiker und Geschäftsführer der Gedenkstätte Augustaschacht, beschäftigt sich mit den Hintergründen der Ereignisse – und fand heraus: Oberbürgermeister Gaertner hatte den Abriss schon lange vorher eingefädelt.

Gestern erläuterte Michael Gander seine Entdeckungen den Besuchern der Gedenkstätte Gestapokeller im Schloss. In seinem Vortrag sprach er von einem „günstigen Geschäft“ für die Gestapo, die Stadt und das Regierungspräsidium.

„Das Ende der Osnabrücker Synagoge leitete, ohne es zu wissen, die Osnabrücker Gestapostelle ein“, berichtete Gander. Die Geheime Staatspolizei war in den Westflügel des Schlosses eingezogen, um von dort aus die Bevölkerung zu überwachen. Doch die Beamten hatten mehr vor: „Die Gestapo wollte expandieren.“ Gander beschrieb, wie sie sich einen Anbau vorstellten: Am Westflügel sollte ein Hof für Gefangene mit einem Fuhrpark entstehen, umgeben von einer zwei Meter hohen Mauer. Offensichtlich missfiel dieser Plan dem Oberbürgermeister Gaertner. Ein Dokument aus dem preußischen Finanzministerium gibt darüber Auskunft, dass er sich statt eines Anbaus am Schloss einen Park wünschte – und bereit war, dafür etwas zu tun: „Als Gegenleistung hierfür will sich die Stadt verpflichten, das unmittelbar an das Regierungshauptgebäude anstoßende Synagogengebäude (ohne Berücksichtigung seines Bauwertes) von der nicht mehr leistungsfähigen jüdischen Gemeinde zum Preise von 74000 RM zu erwerben und dem Staat gegen eine Abfindung von 10000 Reichsmark für das rund 1600 qm große Grundstück zur Verfügung zu stellen, das nach Abbruch des Synagogengebäudes die einzige Möglichkeit einer für alle Zeit ausreichenden Erweiterung der Regierung bildet.“ Wie Michael Gander herausfand, waren alle Beteiligten mit diesem Vorschlag einverstanden.

Die Synagogengemeinde war in der Tat geschwächt. Weil die Nationalsozialisten die Juden immer heftiger diskriminierten und ihnen ihre Rechte nahmen, flüchteten viele. Die Osnabrücker Gemeinde schrumpfte von etwa 450 auf weniger als die Hälfte ihrer Mitglieder. Und dann kam es zur Pogromnacht, in der Nationalsozialisten etwa 90 Osnabrücker Juden in Konzentrationslager verschleppten.

In der Situation forderte die Stadtsparkasse eine weitere Abzahlung für die nun abgerissene Synagoge. Doch die Gemeinde hatte nicht mehr genug Geld – was Gaertner gewusst haben dürfte. 1939 kam es zur Zwangsversteigerung zu einem Spottpreis. Gander berichtete: „Die Stadtsparkasse ist in dem Versteigerungstermin mit einem Gebot von 850 RM Meistbietende geblieben.“ Den folgenden Tausch beschrieb der Historiker so: Die Stadtsparkasse übertrug das Grundstück auf die Regierung, die Stadt ersetzte der Sparkasse die Auslagen, und die Regierung übergab der Stadt das Schlossgrundstück.

Zum Neubau für die Gestapo kam es im Krieg nicht mehr. In der noch jungen Bundesrepublik erwarb die Bezirksregierung das Grundstück und baute 1956 an. Dabei hatte die neue jüdische Gemeinde dort bereits 1950 mit dem Bau von Fundamenten für ein Wohnhaus begonnen. Doch das Vorhaben scheiterte an einem Konflikt zwischen der Gemeinde und einer Treuhandgesellschaft – zugunsten der neuen Bezirksregierung und eines Parkplatzes: Tristesse, wo einst die Synagoge stand.