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Unbekannte Welten Osnabrücker Sozialgeograf erforscht Slum-Tourismus

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<em>Andenken</em> aus einer anderen Welt: Malte Steinbrink zeigt Mitbringsel aus Slumgebieten.Foto: Hermann PentermannAndenken aus einer anderen Welt: Malte Steinbrink zeigt Mitbringsel aus Slumgebieten.Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Es gab einmal eine Zeit, in der Strände als bedrohlich galten, als Orte, in denen die Zivilisation in feindliche Natur überging. Heute gelten sie als Urlaubsparadiese. Die Slums in den Metropolen dieser Welt könnten sich ähnlich entwickeln, sagt Malte Steinbrink, Sozialgeograf an der Universität Osnabrück.

Slums – das klingt nach Wellblechhütten, hungrigen Kindern, Waffen und Drogen. Es klingt nach geballter Armut, mitten in den großen Metropolen dieser Welt. Und diese Orte sollen bald Touristen anlocken wie die Strände von Hawaii? Die Idee erscheint so abwegig, wie sie alt ist. Denn tatsächlich begann der Slum-Tourismus laut Steinbrink als sogenanntes Slumming bereits im London des frühen 19. Jahrhunderts. Damals habe es die Angehörigen besserer Kreise in die Armenviertel des Londoner East End gezogen, sagt Steinbrink. Dort hätten sie „das andere London“ gesucht. Eines, in dem die rigide Moralvorstellung des viktorianischen Zeitalters außer Kraft gesetzt war und die Triebe regierten. Die Menschen hätten den Slum als „Terra incognita“, als unbekannte Welt, wahrgenommen, sagt Steinbrink – und hätten ihre abseitigen Moral-Vorstellungen auf diese weiße Fläche projiziert.

Ein ähnliches Verhalten beobachtet Steinbrink noch heute. Nur dass es heute nicht mehr um ein moralisch anderes, sondern ein weltgesellschaftlich anderes gehe. Deshalb erforscht er das Phänomen des Tourismus beispielsweise in den Slums von Kapstadt und Rio. „Der Tourismus lebt von der Differenzerfahrung“, sagt Steinbrink. Wer Urlaub mache, wolle sich vom Alltag abgrenzen, er wolle eine authentische Welt erleben, die sich von der bekannten unterscheide. Und er wolle sie mit allen Sinnen erfahren. Diesen Umstand machten sich die Anbieter von Slum-Touren zunutze, erklärt Steinbrink.

Mit einer Gruppe von Studenten hat Steinbrink zu ergründen versucht, wie sich Touristen einen Slum vorstellen – bevor und nachdem sie einen solchen besucht haben. Das Ergebnis: Slum-Touren wandeln das Bild zum Positiven. Vorher beherrschten Vorstellungen von Dreck, Elend, Hunger, Kriminalität und Armut die Gedanken der Touristen, sagt Steinbrink. Anschließend bleibe meist die Armut. Dazu gesellten sich Eindrücke von lachenden Kindern, einem starken Gemeinschaftsgefühl und gelebter Tradition.

Die Anbieter solcher Touren vermitteln den Touristen laut Steinbrink das Gefühl, Kulturbotschafter zu sein, nicht Voyeure, die das Elend begaffen. Oder aber sie streichen den Hilfsaspekt heraus, versprechen den Reisenden, einen Teil ihrer Kosten an gemeinnützige Projekte in den Slums zu investieren. Für Steinbrink ergibt sich daraus eine „gefährliche Verquickung von Kultur und Hilfsbedürftigkeit“. Inzwischen, sagt Steinbrink, förderten die Städte und Staaten sogar den Slum-Tourismus.

In Rio beispielsweise hätten sie begonnen, die Hütten der Slums, der sogenannten Favelas, bunt anzustreichen und die Banden der Drogenhändler weiter in die Randbereiche zu drängen. So sollen die Gebiete für Reisende attraktiver werden. Auf dem Weg zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 versuche Brasilien, sein Favela-Image abzustoßen und stattdessen „an ein sambagesättigtes und zuckerhutgesüßtes Gefühl anzudocken“, sagt Steinbrink. Im Klartext heiße das: Der Staat „befriedet“ die Favelas, indem er die Drogenbanden vertreibt. Diese siedeln sich in weniger zentralen Gebieten an und machen dort weiter wie bisher. Gleichzeitig müssen aber auch die bisherigen Bewohner der Favelas umziehen, da die Preise für die Grundstücke in einem befriedeten Gebiet deutlich steigen. Insofern trägt laut Steinbrink die Befriedung in erster Linie dazu bei, dass sich die Armut aus dem Zentrum der Stadt weiter an den Rand verschiebt, nicht aber aufgelöst wird.

Im kommenden Frühjahr wird Steinbrink mit Studierenden die Townships von Namibias Hauptstadt Windhoek erkunden. Die seien zwar nicht so ausufernd wie die in Kapstadt und Rio, doch die touristischen Tendenzen ließen sich auch dort sehr gut ablesen.


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