Liebe, Trauer und Schmerz Mohsen Namjoo tritt mit seiner Band beim Morgenland Festival auf

War vor zehn Jahren schon einmal gebucht: Diesmal klappt es hoffentlich mit dem Auftritt von Mohsen Namjoo im Rahmen des Morgenland Festivals. Foto: Ali DokhanchiWar vor zehn Jahren schon einmal gebucht: Diesmal klappt es hoffentlich mit dem Auftritt von Mohsen Namjoo im Rahmen des Morgenland Festivals. Foto: Ali Dokhanchi

Osnabrück. 2008 durfte Mohsen Namjoo nicht nach Deutschland reisen, weil er Probleme mit den iranischen Behörden hatte. In diesem Jahr soll es wohl klappen mit dem Auftritt des iranischen Sängers und Musikers. Wir sprachen mit ihm über Musik, über seine Band und das Publikum.

Mohsen Namjoo, ich erreiche Sie gerade in einem Hotel in Rom, wo Sie abends auftreten. Spielen Sie dort mit derselben Band, mit der Sie auch nach Osnabrück kommen?

Ja, es sind dieselben Musiker, aber wir spielen ein anderes Programm.


Warum stehen in Rom andere Songs auf der Setliste als in Osnabrück?

Sehen Sie, wir klären vor jedem Konzert, wie sich wohl das Publikum zusammensetzt. In Rom dürften 80 bis 90 Prozent der Zuschauer Iraner sein. Daher werden wir dort eher zu unseren Wurzeln zurückkehren und mehr traditionelle, persische Musik spielen. In Osnabrück spielen wir im Rahmen eines Festivals. Das heißt, dort werden wir ein gemischtes Publikum haben. Daher spielen wir bei ihnen eine Mixtur aus iranischer und westlicher Musik.


Welche Elemente verbinden Sie in ihrer Musik?

Das lässt sich einfach erklären, indem ich Ihnen sage, wer in meiner Band mitmacht. Da haben wir den Kontrabassisten Sean Conly. Er ist Amerikaner und kommt vom Free-Jazz. E-Gitarre spielt Hans Anders Nilsson. Er ist ein großartiger Gitarrist, der sowohl in der östlichen als auch in der westlichen Musik zuhause ist. Am Schlagzeug sitzt mein Freund Yahya Alkhansa, der aber auch traditionelle persische Perkussionsinstrumente gelernt hat. Ich selbst singe und spiele Setar, eine persische Langhalslaute. Das heißt, es kommen Einflüsse aus ganz verschiedenen Kulturen zusammen.


In einem Video, das ich im Internet gefunden habe, singen Sie allein zur Setar ein Lied, offenbar im traditionellen persischen Stil. Darin kommen Passagen vor, in denen Sie sehr laut, geradezu aggressiv intonieren.

Wenn ich laut rufe und schreie, dann benutze ich meine Stimme wie ein Instrument. Das heißt, ich leere meine Stimme vom Sinn, singe ohne inhaltliche Bedeutung. Es ist tatsächlich ein Gefühl, eine Stimmung, die ich äußere. Dieses Rufen und Schreien ist wie ein Gespräch mit engen Freunden oder einem Doktor, dem du einen Schmerz beschreiben willst, den du fühlst. Du schilderst diesen Schmerz auf eine künstlerische Art.


Vor zehn Jahren wollten Sie schon einmal beim Morgenland Festival auftreten. Doch Sie durften nicht ausreisen, weil sie wegen Verunglimpfung des Koran verurteilt wurden. Jetzt leben Sie in den USA. Können Sie in den Iran zurück, wenn Sie wollen?

Nein. Das ist umso tragischer, als dass meine Mutter vor eineinhalb Monaten gestorben ist. Ich konnte nicht zu ihr, konnte nicht noch einmal ihre Hand halten und mich von ihr verabschieden. Dass ich in diesen zehn Jahren nicht in den Iran zurückkehren konnte, nicht einmal zur Beerdigung meiner Mutter, ist das Tragischste, was mir jemals passiert ist.


In den Niederlanden sind Sie vor drei Jahren mit dem Nederlands Blazer Ensemble aufgetreten und haben das Lied „Zolf“ gesungen. Was hat es damit auf sich?

„Zolf“ ist in Farsi, der persischen Sprache, ein eigentlich poetisches Wort für „Hail“, also ein Gruß oder Jubel. Im Grunde ist es aber ein Liebeslied. Ganz unterschiedliche Leute besingen darin ihren Geliebten. Mit jeder Strophe schlüpfe ich in eine andere Rolle. In der ersten bin ich ein junger Mann, der zu seiner Geliebten spricht, dann bin ich auch mal ein betrunkener alter Mann, der seine Liebe des Lebens verloren hat. In dem Lied bin ich mehr Schauspieler als Sänger.


Morgenland Festival: Da das Trio Ré keine Visa für die Ausreise aus dem Iran bekommen hat, spielen am Freitag, 21.6. um 20 Uhr Moslem Rahal (Ney), Kinan Azmeh (Klarinette) und Florian Weber (Klavier) in der Lagerhalle. Im Anschluss folgt das Gastspiel von Mohsen Namjoo und Band. Dieses Konzert ist bereits ausverkauft; für das Konzert mit dem Trio Rahal - Weber - Azmeh gibt es Karten an der Abendkasse.


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