Zahlenwanderung über den Osnabrücker Wall Straßentheater-Performance zum 100-jährigen Bestehen der VHS

Warten auf Grün:  Oft mussten die Schauspieler einen Zwischenstopp auf der Verkehrsinsel einlegen. (Foto: Michael GründelWarten auf Grün: Oft mussten die Schauspieler einen Zwischenstopp auf der Verkehrsinsel einlegen. (Foto: Michael Gründel
Michael Gründel

Osnabrück. Mit einer überraschenden Straßentheateraktion ist an der Ampelanlage vor dem Heger Tor auf das 100-jährige Bestehen der Osnabrücker Volkshochschule (VHS) aufmerksam gemacht worden.

Warten will gelernt sein. Und gerade als Schauspieler muss man mitunter viel Geduld aufbringen: für Proben oder bis zum nächsten Auftritt oder Einsatz. Um das zu üben, hatte VHS-Kursleiterin Britta Habuch die buchstäblich naheliegende Idee, mit ihrer Theatergruppe vor die Türe zu gehen und eine Art Ampeltraining zu machen. Herausgekommen ist dabei weit mehr als das, nämlich eine mehr als einstündige Performance mitten im Straßenverkehr.

In Anlehnung an das Konzept des „ortsspezifischen Theaters“ machten sich neun Protagonisten auf den Weg vom Volkshochschulgebäude hinunter zum Wall und auf die andere Straßenseite. Dort wurde eine Stuhlreihe aufgebaut – wie in einem Wartesaal. Dahinter angelte eine zauberhafte Dame sinnbildlich Zahlen aus Pappe aus einem Koffer, während eine andere – ganz in Schwarz gekleidet – den übrigen Sieben immer wieder stoisch Wasser reichte. Genauso viele Zahlen waren es auch, die im Laufe der Inszenierung sukzessive und nach einer jeweiligen „Apfelsegnung“ über den Wall sicher zurück zur Treppe der VHS über den Wall getragen wurden. Nicht ohne Grund, denn dort gibt es genau sieben Fachbereiche, die durch jeweils eine kostümierte Person repräsentiert wurden. 

Und Action!. Foto: Michael Gründel


Passanten irritiert

Anlass der ungewöhnlichen, guerillaartigen Aktion war das 100-jährige Bestehen der Volkshochschule, deren Vielfalt hinsichtlich Kursangeboten und Zielgruppen illustriert werden sollt. Immer wieder blätterte die bunt gemischte Gruppe im Jubiläumsprogramm, wenn sie sich gerade erlaubte, im Sitzen auf die nächste Grünphase zu warten. Das war den Passanten indes nicht vergönnt, die mal verwundert stehen blieben, mal einfach mitmachten oder aber ihr Smartphone zückten, um Bilder oder Videos vom Geschehen zu machen.

Unter Schlachtrufen und mit einstudierten Choreografien bewegte sich die Gruppe immer wieder zwischen Heger Tor und Volkshochschule hin und her und von Ampel zu Ampel – mal im Gleichschritt, mal mit Vorhut. Viele Autofahrer hupten, und man wusste nicht so recht, ob aus Anerkennung und Verärgerung – zumal die Schauspieler auch mitunter bei Grün einfach stehenblieben. So wurde das Straßentheater im wahrsten Sinne des Wortes, das nicht zuletzt auch eine Werbeaktion der Volkshochschule war, auch zu einem sozialen Experiment. Ansprechbar waren die Protagonisten genauso wenig wie die königlichen Gardisten vor dem Buckingham Palast. Wenn Passanten es versuchten, um Informationen zu erhalten, verzogen sie genau wie diese keine Miene. Als eine Dame ein Programm mitnehmen wollte, wurde sie wortlos darauf hingewiesen, dass es sich um eine Requisite handelt. 

Volles Programm. Foto: Michael Gründel


Kurze Ampelphasen

Ein Nebeneffekt der zeitweiligen theatralischen Eroberung des Ortes war schließlich die Erkenntnis, dass die Ampelphasen für die verschiedenen Verkehrsteilnehmer doch sehr unterschiedlich geschaltet und vornehmlich auf Autofahrer ausgerichtet sind. Weder Fußgänger noch Radfahrer schafften es durchgehend, die gegenüberliegende Straßenseite bis zum Ende der Grünphase zu erreichen und mussten mitunter einen unfreiwilligen Zwischenstopp auf oder an der Mittelinsel einlegen. Als die sieben VHS-Fachbereichspaten aber nach etlichen nicht immer einfachen Überquerungen sämtliche Zahlen sicher über die Straße gebracht hatten, gab es Applaus auf der anderen Seite des Walls. Das Warten hatte sich gelohnt.


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