Ist der König wirklich nackt? Realschüler vergeben gute Noten für Shakespeare im Theater

Gespräch über „König Lear“ auf dem Bühnensofa: Die Zehntklässler (von links) Jeremy, Aalya, Moises, Michelle und Anna.  Foto: Michael GründelGespräch über „König Lear“ auf dem Bühnensofa: Die Zehntklässler (von links) Jeremy, Aalya, Moises, Michelle und Anna. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Im Rahmen der Schulkooperation des Theaters Osnabrück besuchten Schüler der Erich-Maria-Remarque-Realschule eine Aufführung von "König Lear" - und nahmen viel daraus mit.

Es ist nicht die Sprache Shakespeares, die jene zwei Dutzend Zehntklässler der Erich-Maria-Remarque-Realschule sprechen, die im Theater am Domhof im vergangenen Monat eine Aufführung von „König Lear“ besucht haben. Und dennoch ist es auch die Sprache gewesen, die sie neugierig gemacht hat. Denn sie hätten gehört, dass sich die Schauspieler gegenseitig „viele Beleidigungen“ an die Köpfe werfen. Nicht, dass sie sich davon etwas abgucken wollten, versichert der 17-jährige Moises. Aber interessant sei es schon gewesen, was denn da wohl alles gesagt werden würde.

Letztes Hemd gegeben

Und da war noch etwas Anderes, das den kurz vor ihrem Abschluss stehenden Realschülern zu Ohren gekommen ist und sie dringend mit eigenen Augen sehen mussten, um es zu glauben. Hauptdarsteller Ronald Funke tritt nämlich nackt auf. „Ganz schön mutig“ zollte nicht nur der 16-jährige Jeremy dem Schauspieler Respekt - zumal sie in einem anschließenden Gespräch, das Theaterpädagogin Sophia Grüdelbach für die junge Besucher organisiert hat, erfahren hätten, dass ihm freigestellt worden war, sich etwas anzuziehen, er sich aber bewusst dagegen entschieden hat. Konsequent, denn die Nacktheit des Königs soll auch symbolisch ausdrücken, dass er buchstäblich sein letztes Hemd gegeben hat und bar jeden Besitzes ist. 


Die Schüler im Anschluss an die Aufführung mit Hauptdarsteller Ronald Funke (Mitte). Foto: Erich-Maria-Remarque-Realschule


 

Von Playmobil zu echtem Schauspiel

Auch technische Fragen kamen bei der Nachbesprechung mit Dramaturgin Karin Nissen-Rizvani zur Sprache. Einige der Schüler waren zum allerersten Mal im Theater und so staunten gerade die Mitglieder der schuleigenen Theatergruppe nicht schlecht, als sie erfuhren, wie wenig Vorbereitungszeit den professionellen Schauspielern für die Erarbeitung eines Stückes zur Verfügung steht. „Wir brauchen dafür ein ganzes Schuljahr“, sagt Michelle (16) - wohlwissend, dass die Berufsschauspieler nicht nur einmal in der Woche proben. Ihre Mitschülerin Anna hätte auch mit weniger Text gerechnet, fand es aber gut, dass nicht viel weggelassen wurde. Im Gegensatz zum Kino sei die Zeit nicht begrenzt man und könne „echte Gefühle“ sehen, pflichten die anderen ihr bei. Zumindest auf die Handlung vorbereitet wurden die jungen Theatergänger mittels eines Internet-Videos mit Playmobilfiguren. Das fanden einige schon „realistisch“, aber die wahrhaftige Live-Darstellung mit Menschen hat es natürlich noch einmal getoppt. Auch das Bühnenbild mit seinen Hügeln und Bäumen hat auf die Schüler einen realitätsnahen Eindruck gemacht. 


Ronald Funke in der Hauptrolle als "König Lear". Foto: Swaantje Hehmann


 

Aktuelle Fragen gestellt

„Traurig, dramatisch, aber auch witzig“, fand die 16-jährige Aalya (16) die Inszenierung – und wunderte sich darüber, im Zuschauerraum ein etwa gleichaltriges Mädchen mit Kopftuch gesehen zu haben. Auch deshalb, weil eine Mitschülerin „aus religiösen Gründen“ nicht mitkommen durfte und wollte. Die Fragen, die im Stück aufgeworfen werden, empfinden die Schüler unisono als „hochaktuell“. Gier und Machtbesessenheit seien schließlich Themen, die auch heute noch und gerade heute eine wichtige Rolle spielen. Um diese zu hinterfragen, eignet sich die Auseinandersetzung mit einem zeitlosen Klassiker wie „König Lear“ allemal. Wenn er dann auch noch so hautnah und intensiv im Theater zu sehen ist, umso mehr. Mit Schulnoten zwischen „Eins minus“ und „Zwei plus“ würden die demnächst entlassenen Realschüler die Inszenierung beurteilen.


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