Neue Perspektiven fürs Leben So kreativ arbeiten die Bewohner des Ankunftzentrums Bramsche

Jakup Kosan präsentiert seine künstlerische Auseinandersetzung mit Herkunft und Familie. In der Kunsthalle wurden Bilder und Skulpturen präsentiert, die Bewohner der Landesaufnahmestelle in Bramsche-Hesepe mit Studierenden des Fachgebiets Kunst/Kunstpädagogik der Universität Osnabrück geschaffen haben. Foto: Michael GründelJakup Kosan präsentiert seine künstlerische Auseinandersetzung mit Herkunft und Familie. In der Kunsthalle wurden Bilder und Skulpturen präsentiert, die Bewohner der Landesaufnahmestelle in Bramsche-Hesepe mit Studierenden des Fachgebiets Kunst/Kunstpädagogik der Universität Osnabrück geschaffen haben. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Erinnerungen an ihre Herkunft, aber auch Wünsche und Hoffnungen für ihr „neues Leben“ äußerten Bewohner der Landesaufnahmebehörde Bramsche mithilfe von Bildern, Collagen und Skulpturen, die sie in der Kunsthalle Osnabrück präsentierten.

Durch das Wechseln der Perspektive werden wie bei einem Wackelbild verschiedene Personen sichtbar: Ein junger Mann, eine junge Mutter mit Kind sowie ein Baby. Das Zerschneiden von Fotos und deren dreidimensionale Anordnung auf einem Kartonstreifen macht die außergewöhnliche Betrachtungsweise möglich. Zu sehen ist auf den Fotos die Familie Kosan aus Ankara, die vor nicht langer Zeit aus der Türkei nach Deutschland geflüchtet ist. „Ich habe aus politischen Gründen hochschwanger im Gefängnis gesessen“, erzählt Mutter Dilara. Ihr Mann Jakup steht jetzt neben der Fotocollage, die er im Rahmen einer Kunstaktion an der Universität Osnabrück angefertigt hat und die er „Perspektive of Life“ nannte. „Ich bin so glücklich, dass ich hier sein kann. Mein Leben hat eine neue Perspektive“, sagt Jakup Kosan.

Foto: Michael Gründel


„Kunstproduktion und Translation“ lautet der Titel des Kooperationsprojekts, an dem er teilgenommen hat. Bewohner der Landesaufnahmebehörde für Geflüchtete (LAB) in Bramsche-Hesepe hatten zusammen mit Studierenden des Fachs Kunst an der Universität Osnabrück unter der Leitung von Professor Andreas Brenne ihr kreatives Potential aktiviert. Zum Oberthema „Herkunft“ betätigten sich die Teilnehmer künstlerisch, indem sie Collagen, Skulpturen, gemalte Bilder und Stickereien anfertigten. Erinnerungen an die Heimat vermischen sich in den Arbeiten mit Wünschen und Hoffnungen für ihr “neues Leben“. Neben ganz einfachen Impressionen sind auch Arbeiten wie die von Jakup Kosan entstanden, die vermuten lassen, dass er vor seiner Flucht schon kreativ tätig war. „Er ist Architekt“, sagt seine Frau Dilara, die selbst eine Ausbildung als Innenarchitektin absolvierte. Daher haben sich die beiden sehr gefreut, an dem Kooperationsprojekt teilnehmen zu können, das auf eine Idee von Klaus Dierker, dem Leiter der LAB in Bramsche zurückgeht.

Foto: Michael Gründel


„Wir versuchen, unsere zirka 700 Besucher während ihres Aufenthalts sinnvoll zu beschäftigen“, sagt er. Dazu gehören Sportangebote und Sprachunterricht. „Aber ich habe festgestellt, dass sich viele Geflüchtete für Kultur interessieren“, so Dierker. In Andreas Brenne und seinen Studierenden fand er ideale Kooperationspartner für das Kunstprojekt. Kooperativ entstanden Arbeiten wie ein runder Tisch, auf dem sich gemalte Segmente wie bei einer Pizza zusammenfügen. „Ich habe gehört, dass es in meiner Heimat Iran eine Flutkatastrophe gab. Daher habe ich symbolisch eine Welle und zwei geschlossene Augen gemalt“ erklärt Atefeh Amiri, die seit drei Jahren in Osnabrück lebt und hier studiert. Da sie die persische Sprache Farsi spricht, funktionierte die Kommunikation der Studierenden mit Geflüchteten aus dem Iran nicht nur künstlerisch, sondern auch verbal.

Nach der Präsentation der Kunstobjekte in der Kunsthalle Osnabrück werden diese wieder nach Bramsche transportiert, wo sie, so der Wunsch von Klaus Dierker, ausgestellt werden sollen. „Das Projekt hat so toll funktioniert, das wir auf eine Weiterführung hoffen“, sind sich Dierker und Brenne einig.


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