Fahrerlos und solarbetrieben Osnabrücker entwickeln Schwebebahn aus dem 3-D-Drucker

Oben eine Schwebebahn, unten eine Flotte von Mini-Elektrobussen – alles fahrerlos und solarbetrieben: So stellt sich die Firma Sunglider in Osnabrück und Umgebung den ÖPNV von morgen vor. Fotomontage: Sunglider/Dieter OttenOben eine Schwebebahn, unten eine Flotte von Mini-Elektrobussen – alles fahrerlos und solarbetrieben: So stellt sich die Firma Sunglider in Osnabrück und Umgebung den ÖPNV von morgen vor. Fotomontage: Sunglider/Dieter Otten

Osnabrück. Ist das die Zukunft des ÖPNV in unserer Region und anderswo? Osnabrücker Unternehmer haben ein Konzept für eine fahrerlose Solarstrom-Schwebebahn entwickelt, deren Wagen aus dem 3-D-Drucker kommen. Ihr "Sunglider" sei eine echte Revolution, sagen sie. Stadt- und Verkehrsplaner zeigen sich aufgeschlossen.

Osnabrück Mitte des 21. Jahrhunderts: Über Autos, Lastwagen und die Köpfe der Menschen hinweg, durch Häuserreihen und vorbei an Wiesen und Wäldern, schweben reihenweise elektrische Roboter-Züge durch die Stadt. Wie von Geisterhand geführt an einer schmalen Schiene aus Stahl, die – auf Stelzen stehend und in dichten Abständen mit Haltestellen versehen – unter einem Dach durchsichtiger Sonnenkollektoren entlang der großen Straßen bis weit ins Umland reicht. Am Boden sorgt eine Flotte vollautomatischer Mini-E-Busse für rasche Anschlüsse. Und überall stehen kostenlos aufladbare Pedelecs bereit.

Klingt wie Science-Fiction? Ist aber möglicherweise der ÖPNV von morgen. 

Ziel: die Revolution des Nahverkehrs

So jedenfalls stellt ihn sich die Firma Sunglider vor – eine vierköpfige Gruppe von Osnabrücker Unternehmern, die ein nach eigenen Angaben "völlig neuartiges System smarter Übergrundmetros" entwickelt hat. Ihr Ziel: den öffentlichen Nahverkehr zu revolutionieren. Eine ausführliche, auf die Region Osnabrück zugeschnittene Ideenskizze liegt unserer Redaktion exklusiv vor.

Wer steckt hinter Sunglider?

Die Sunglider AG wurde im August 2018 gegründet und hat ihren Sitz in Lotte-Wersen. Sie ist eine 100-prozentige Tochterfirma der TCSO Industries Beteiligungsgesellschaft (Osnabrück, 2014). 
Gründer, Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter der TCSO ist Dieter Otten, ehemaliger Professor für Soziologie an der Universität Osnabrück und Chairman der Weltklimakonferenz in Hamburg. Er leitete den Wissenschaftspark Gelsenkirchen und war nach eigenen Angaben für den Bau eines der ersten großen Fotovoltaik-Kraftwerke verantwortlich. 2007 gründete Otten die Stiftung Internetforschung, deren Präsident er ist. Derzeit ist er als Unternehmer auf Kreta (Griechenland) und in Deutschland tätig. In der Sunglider AG hat er den Vorsitz im Aufsichtsrat.
Sunglider-Vorstand ist die stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Osnabrück, Lea Mor. Sie hat in Jerusalem und Münster studiert. Seit 2015 ist Mor in der TCSO tätig, wo sie 30 Prozent der Anteile hält – ebenso wie Heiner Gerbracht. Der Diplom-Ingenieur hat nach Sunglider-Unternehmensangaben Maschinenbau in Osnabrück studiert, (Schwerpunkt Fahrzeugtechnik), war Konstrukteur für Karosseriewerkzeuge und ist Mitbegründer der Cyclos Sachverständigen GmbH für Recycling. Weitere Stationen: Projektentwicklung für Wind und Fotovoltaik in Europa und Asien, Gastdozent für Erneuerbare Energie an der Uni Osnabrück. Bei Sunglider hat er den Posten als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender inne. 
Ulrich Hartwig ist Großhandelskaufmann und entwickelte unter anderem große Windkraftanlagen in Polen. Seit 2015 arbeitet er in der TCSO mit. Bei Sunglider gehört er zum Aufsichtsrat.
Erfindergeist trifft Unternehmergeist: (von links) Ulrich Hartwig, Lea Mor, Heiner Gerbracht und Dieter Otten stecken hinter dem Projekt Sunglider. Mit einer fahrerlosen Solarstrom-Schwebebahn aus dem 3-D-Drucker wollen sie den Verkehr in Osnabrück revolutionieren. Foto: Michael Gründel

Mehrere Innovationen kombiniert

"Wir erfinden das Rad nicht neu, sondern führen nur verschiedene Innovationen zusammen", sagt Sunglider-Mastermind Professor Dieter Otten. Das System vereine die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz und Fotovoltaik mit den fortschrittlichsten Produktionsmethoden der Industrie. Denn die Bahn der Zukunft fahre nicht bloß autonom. Sie versorgt sich laut Otten auch selbst komplett mit erneuerbarer Energie. Ihre kompakten Wagen werden im Internet entworfen, auf der Basis frei verfügbarer Shuttle-Baupläne des US-Autoherstellers Local Motors. Und lassen sich anschließend per Knopfdruck fertigen – überall, schnell und preiswert im 3-D-Druckverfahren.

Der entscheidende Vorteil von Sunglider (deutsch: Sonnengleiter) liegt jedoch buchstäblich in der Luft, wie Projektentwickler Ulrich Hartwig feststellt: 

"Indem wir mit unseren Fahrzeugen eine Etage höher gehen, in die sogenannte Ebene plus eins, können wir gewaltige Veränderungen auf der Straße erreichen – zur Verschönerung der Stadt, zum Nutzen der Bevölkerung."

Ein Netz für die ganze Region

Für unsere Region schlagen die Erfinder ein 254 Kilometer langes Schwebebahn-Netz aus acht bis zehn Linien vor, auf dem sich entlang von 150 Haltestellen insgesamt 284 Personenzüge und 70 Güterzüge (für Paket- und Lieferdienste) bewegen: Sternförmig führt es von Osnabrück bis nach Melle, Bohmte, Bramsche, Recke/Mettingen, Ibbenbüren, Lengerich und zum Flughafen Münster/Osnabrück (FMO). Eine Ringlinie umschließt die Osnabrücker City, eine weitere verbindet Wallenhorst, Belm, Bissendorf, Georgsmarienhütte, Hasbergen und Lotte miteinander.

Grafik: Sunglider

Billiger als eine Straßenbahn

Durch vollständige Überdachung der Trasse mit Solarmodulen ist das System den Angaben zufolge in der Lage, unterm Strich deutlich mehr Ökostrom zu produzieren als es selbst braucht. "Der Sunglider ist eine echte Klima-Bahn", werben die Erfinder. Im Vergleich zu einem Dieselbus-ÖPNV verursache die Schwebebahn zum Beispiel pro Jahr 112 Millionen Kilogramm weniger Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) und 1000 Tonnen weniger Stickoxid-Emissionen (NOx). 

Und "viel billiger als eine Straßenbahn" sei der Sunglider auch. Auf 3,15 Millionen Euro schätzt Professor Otten die Investitionskosten pro Kilometer Strecke in der Vollausbaustufe. Eine Tram ohne alles koste dagegen mindestens dreimal mehr.  

Osnabrück der ideale Standort

"Der öffentliche Nahverkehr ist in seiner jetzigen Form ein teurer Flop und muss unbedingt neu aufgestellt werden", fordert Otten. Dazu müsse man "mutige Schritte gehen". Jahrelang hätten er und seine Mitstreiter an der Sunglider-Idee gefeilt, Trends beobachtet, Fakten gecheckt und Zahlen geprüft. Jetzt sei es an der Zeit, das Projekt der Öffentlichkeit vorzustellen und umzusetzen. Osnabrück biete dafür ideale Voraussetzungen – nicht nur wegen der Verkehrssituation, sondern auch wegen des Know-hows der regionalen Wirtschaft. 

Otten: "Wir haben vor Ort und in der Nähe eine starke Automobilbranche, dazu einige der besten Softwareschmieden und Spezialisten für künstliche Intelligenz." Stahlbauer und Fotovoltaik-Firmen gebe es ebenfalls genügend. Das ganze Drumherum, speziell den 3-D-Druck der Fahrzeuge will die Sunglider AG selbst übernehmen: Eine geeignete Halle am Unternehmenssitz in Lotte-Wersen hat das Start-up bereits angemietet.

Fahrzeuge aus dem 3-D-Drucker: Der US-Autohersteller Local Motors ist mit seiner fortschrittlichen Produktionsweise das Vorbild für die Sunglider-Entwickler aus Osnabrück. Foto: Local Motors

Stadt und Stadtwerke sind interessiert

Und was halten die obersten Stadt- und Verkehrsplaner in Osnabrück vom Sunglider? "Diese Idee hat auf den ersten Blick Charme", findet Stadtwerke-Mobilitätsvorstand Stephan Rolfes. Die Mobilität der Zukunft müsse insbesondere im urbanen Raum neue Wege gehen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. "Nicht nur auf und unter dem Boden, sondern auch ein Stockwerk höher."

Stadtbaurat Frank Otte stellt fest: "Das ist ein spannendes Projekt!" Die Stadt suche immer nach Möglichkeiten, den Verkehr besser zu verteilen. Noch seien aber viele Fragen zur Schwebebahn-Idee offen.

Entwickler drücken aufs Tempo

Antworten darauf versprechen sich die Entwickler von einer Machbarkeitsstudie, die laut Professor Otten schnellstmöglich in Auftrag gegeben werden soll. 2020 will Sunglider einen Prototypen ausstellen. Auch eine gut 3,6 Kilometer lange Pilotstrecke in Osnabrück hat die Firma bereits im Auge: Sie führt von der Autobahn-Ausfahrt Hellern über Kurt-Schumacher-Damm und Martinistraße bis auf den Neumarkt.


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