Begnadeter Geschichts-Erzähler Jaroslav Rudiš nimmt "Littera"-Publikum mit in die Geschichte Mitteleuropas

Begnadeter Geschichtserzähler: Jaroslav Rudiš liest im  Blue Note aus seinem Buch "Winterbergs letzte Reise". Foto: Gert WestdörpBegnadeter Geschichtserzähler: Jaroslav Rudiš liest im Blue Note aus seinem Buch "Winterbergs letzte Reise". Foto: Gert Westdörp

Osnabrück . Am Dienstag las Autor Jaroslav Rudiš bei der Littera-Veranstaltung der Buchhandlung zur Heide im Blue Note aus seinem neuen Roman "Winterbergs letzte Reise", in dem er die Geschichte Mitteleuropas höchst unterhaltsam Revue passieren lässt.

"Traurig, traurig." Mit dieser Floskel begleitet der 99-jährige Wenzel Winterberg gerne seine ausufernden wie  endlosen Kommentare. Etwa über die Folgen der Schlacht bei Königgrätz oder in Skalice anno 1866. Oder über die angeblich leeren Särge in der Kaisergruft der Habsburger, die er natürlich prüfend beklopfen muss. Oder wenn er im Heeresgeschichtlichen Museum Wien eine blutige Offiziersuniform begutachtet und mit den Finessen böhmischer Tunnelbauten in Verbindung bringt. Keine Frage: Dieser Winterberg leidet zwar an der Geschichte, ist aber auch ein begnadeter Geschichts-Erzähler. 

Das trifft auch auf Jaroslav Rudiš zu. Wenn der gebürtige Tscheche über den alten Winterberg und dessen Pfleger Jan Kraus liest und erzählt, begleitet er seine Ausführungen gerne mit lebhaften Handbewegungen und lässt zur Anschauung schon mal die Abbildung eines historischen Gemäldes oder den Baedeker-Reiseführer Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1913 herumgehen. Und weil der 47-jährige Wahlberliner nach eigener Auskunft "leidenschaftlicher Bahnfahrer" ist, bewegen sich auch Winterberg und sein Pfleger vornehmlich auf den Schienen zwischen Reichenberg, Königgrätz, Budweis, Pilsen oder Budapest. 

Am Dienstag las Jaroslav Rudiš in der gut besuchten Littera-Veranstaltung der Buchhandlung zur Heide im Blue Note aus seinem neuen Roman "Winterbergs letzte Reise", den er nicht auf Tschechisch, sondern in deutscher Sprache verfasst hat. Und in der wusste sich Rudiš mit spielerischer Leichtigkeit auszudrücken. So bekam Winterberg keine hysterischen, sondern "historische Anfälle", wenn er sich nicht gerade über "Strangleichen" oder "Bierleichen" ausließ. Neben aller Skurrilität bewegte Rudis mit seinem Roman aber vor allem die Frage, was uns von dieser untergegangenen Zeit geblieben ist, von der sein Protagonist Winterberg  so geprägt ist. Was der wohl zu Rudiš´ witzig wie liebevoll erzählter Story durch die Geschichte Mitteleuropas gesagt hätte? Wahrscheinlich: Erfreulich, erfreulich.


Jaroslav Rudiš, "Winterbergs letzte Reise", Roman, München: Luchterhand Literaturverlag, 2019, 541 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-630-87595-8.   


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