Stimmlich extrem starker Abend Traditionelle Pfingstgala eröffnet Tecklenburger Festspielsommer



Tecklenburg. Die Saisoneröffnung des Tecklenburger Festspielsommers ist in diesem Jahr extrem stark besetzt gewesen. Ein Gutteil des Who is who der deutschsprachigen Musicalszene gab sich bei der Pfingstgala die Klinke in die Hand und machte Lust auf die Stücke der Saison.

Was für ein Glück war diese Krankheitsvertretung! Das mag man eigentlich gar nicht sagen, denn ihren Auftritt absagen musste in diesem Jahr ausgerechnet die Grand Dame des europäischen Musicals, Pia Douwes. Nicht nur beim Tecklenburger Publikum ist sie spätestens seit ihrem Auftritt als Mrs. Danvers in "Rebecca" eine Legende, auch sonst sammelt die Darstellerin Hauptrollen in großen Produktionen wie andere Menschen Münzen oder Briefmarken.

Gute Besserung! Vielleicht klappt es ja wieder am Pfingstmontag 2020. Und vielleicht ist Pia Douwes im kommenden Jahr sogar in "Der Besuch der alten Dame" in Tecklenburg zu sehen? Immerhin hat sie die Rolle der Claire Zachanassian einst selbst geschaffen und ist für diese Rolle somit eigentlich prädestiniert.

Die Vertretung

Aber was für ein Glück, dass die Organisatoren als Ersatz für Douwes kurzfristig Kristina Love  gewinnen konnten! Die aktuelle Hauptdarstellerin im Tina-Turner-Musical in Hamburg bewies etwa bei "The Best", im Klassiker "Rollin' on the River", aber auch in "Easy as Life" aus Aida, dass sie zum besten gehört, das die aktuelle Musicalwelt im deutschsprachigen Raum zu bieten hat. Mit Rockröhre, ganz viel Dreck in der Stimme und starken Gospel- und Bluesklängen riss sie das Publikum immer wieder zu wahren Begeisterungsstürmen hin.

Nur gut, dass die Amerikanerin die Ankündigung von Co-Moderator Sascha Krebs, sie werde mit dem nächsten Song das Dach einreißen, nur im übertragenen Sinne wahr machte – denn zu diesem Zeitpunkt goss es auf dem Burgberg gerade in Strömen. Mit ihren umjubelten Auftritten hinterließ Kristina Love in jedem Fall eine Visitenkarte in Tecklenburg – und für das kommende Jahr, in dem neben "Der Besuch der alten Dame" auch "Sister Act" gespielt werden soll, wäre sie mit Sicherheit eine Traumbesetzung für die Rolle der Dolores van Cartier.

Unvergessliche Momente

Aber auch die übrigen Gäste des Abends, Wietske van Tongeren und Milica Jovanovic bei den Damen sowie Thomas Borchert, Drew Sarich, Patrick Stahnke, Kevin Tarte, Dominic Hees und Sascha Krebs bei den Herren, bewiesen ein ums andere Lied ihr Können. Unvergessliche Momente lieferten etwa das Terzett der Frauen mit verschiedenen Liedern aus Andrew-Lloyd-Webber-Musicals, das Duett "You're nothing without me" aus dem Musical "City of Angels" von Patrick Stahnke und Kevin Tarte, "Shallow" mit Drew Sarich und Dominic Hees oder eine glänzend aufgelegte Wietske van Tongeren, die fröhlich barfuß im Regen tanzte. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Einen etwas dünnen, weil musikalisch ziemlich faden Vorgeschmack auf das Abendstück "Don Camillo und Peppone" hinterließen leider die Lieder "Du und ich auf einer Insel" sowie "36 Häuser". Milica Jovanovic, Dominic Hees und Thomas Borchert gaben ihr Bestes, konnten über die mäßige Qualität der Kompositionen aber nur schwerlich hinwegtäuschen. Auf das Stück darf man gespannt sein, auch wenn zu befürchten steht, dass es von musikalischer Seite her eher schalen Musical-Einheitsbrei liefern wird.

Saisonvorschau

Erstaunlich war auch, dass vom zweiten Stück der Saison, "Doktor Schiwago", bei der Gala überhaupt nichts zu hören war. Nutzte die Bühne den Anlass in der Vergangenheit doch eigentlich stets, um umfangreich Werbung für die Saison zu machen. Überhaupt wirkten die Moderationen von Intendant Radulf Beuleke in diesem Jahr erstaunlich aufgeräumt und erfreulich kurz.

Das Orchester unter Leitung von Giorgio Radoja sowie die sechs Background-Vocals unterstützten den dreieinhalbstündigen Abend trefflich und immer wieder mit hübschen Arrangements. Nur einmal, bei "Sunset Boulevard", vergriffen sich die Musiker ein wenig im Tempo, was Dominic Hees als Solisten sichtlich Mühe bereitete.


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