Einblicke in die 1950er Jahre Rock´n Roll und Biederkeit

Nahtzeit: Am Piesberg leben die 50er Jahre wider auf - zwischen Muff und Moderne. Foto: Philipp HülsmannNahtzeit: Am Piesberg leben die 50er Jahre wider auf - zwischen Muff und Moderne. Foto: Philipp Hülsmann

Osnabrück . Einen vielschichtigen Einblick ins Lebensgefühl der 1950er Jahre ermöglicht das Theaterprojekt "Nahtzeit", das am Samstag als Ortsbespielung an sechs Originalschausplätzen rund ums Piesberger Gesellschaftshaus Premiere hatte.

Im Saal bewegen sich junge Frauen in schwingenden Röcken. Kinder mit Zöpfen oder in kurzer Lederhose sausen herum. Und vor dem Gesellschaftshaus parken zwei historische Opel Olympia. Um 19 Uhr intoniert die "Horst-Friedland-Band" mit Sänger und Saxofonist Ralf Siebenand den Peter-Kraus-Hit "Sugar, Sugar Baby", während Schauspielerin Tine Schoch als sittenstrenge Tanzlehrerin aufs Benehmen achtet. Als der Schlager "Schön war die Zeit" erklingt, springt Schauspielerin Sissi Zängerle empört auf. Im Part der rebellischen Traudel stört sie mit Tabuthemen wie Wiederbewaffnung oder den nationalsozialistischen Verstrickungen von  Oberbürgermeister Erich Gaertner. Nur "schön" waren die 1950er Jahre eben nicht, sondern eine durch Trümmer, Wiederaufbau und Verdrängung zerrissene Ära. 

Unliebsame Zwischenrufe: Schauspielerin Sissi Zängerle spricht auch Tabuthemen der 50er Jahre an. Foto: Philipp Hülsmann


"Nahtzeit - Die 50er Jahre zwischen Muff und Moderne" ist der Titel des soziokulturellen Theaterprojekts mit Schauspiel, Musik, Tanz und Videoinstallation, das als Kooperation von Piesberger Gesellschaftshaus und Musiktheater Lupe am Samstag Premiere hatte.

70 Darsteller bevölkern den Piesberg 

Wie in den Vorgänger-Produktionen "Steinwalzer" und "Garderobe 45" thematisieren Regisseurin Katrin Orth und Musiker Ralf Siebenand vom Musiktheater Lupe an mehreren Spielstätten Osnabrücker Historie rund um den Piesberg. Daran beteiligt sind insgesamt 70 Akteure im Alter zwischen 10 und 81 Jahren, die das darstellen, woran sich im Vorfeld zahlreiche von Elisabeth Jarvers vermittelte Zeitzeugen erinnerten.


Szenen aus dem Leben der 50er: Die Näherinnen warten auf den Bus - und beziehen das Publikum gleich mit ein. Foto: Philipp Hülsmann


  

In sechs parallel startenden Gruppen wird das Publikum von ortskundigen Guides zu den Spielstätten geführt. So bricht gegen 19.30 Uhr Gruppe 5 mit Angelika Rohde zum ehemaligen Betonwerk auf. Das liegt auf dem Gelände des Museums für Industriekultur, wo in einer Halle sieben Spielerinnen in Kittelschürzen sitzen und auf den Bus zur Textilfabrik warten. Videoinstallationen im Busfenster von Schwimmerinnen verweisen auf die damals populären Osnabrücker Neptunnixen.

Im Bus erscheinen auf wundersame Weise die Osnabrücker Neptunnixen. Foto: Philipp Hülsmann


Wohnkultur mit Schnittchen und "Eckes Edelkirsch"

Gegen 20.05 Uhr geht es zum Hafen. Dort findet sich eine muntere Fahrradgruppe ein, die es mit dem strengen Pyer Freibad-Kassierer Herrn Puke (Ralf Siebenand) zu tun bekommt. Über den Zechenbahnhof führt Rhode die Gruppe zurück zum Gesellschaftshaus, wo der Alltag im Sozialbüro des damaligen Steinbruchs zwischen Gewerkschaftsarbeit und Kriegsversehrten gezeigt wird. Im Haus der Familie Kleine Siebenbürgen gibt es um 20.40 Uhr  gediegene 1950er-Wohnkultur mit Schnittchen und "Eckes Edelkirsch" im engen Flur zu erleben. Und im Café des Gesellschaftshaus verfolgen auf antikem Fernsehbildschirm projizierte Spieler den Spielverlauf des "Wunder von Bern". Um 21.20 Uhr geht es an quakenden Fröschen vorbei zum "Waggon Vosslinke", in dem die Zeit der Frontschaufelbagger im Steinbruch ebenso thematisiert wird wie der übergelaufene Schlammteich, der ein ganzes Haus mit sich riss. 

Nach einer Stärkung mit Schnittchen, Afri-Cola und Bluna-Limonade im Kastaniengarten gibt es um 21.45 Uhr im Saal eine von Theo van Delft kreierte Installation aus Nähmaschinen und Papierbahnen zu sehen: ein weiteres Symbol für eine fragil zusammengenähte Zeit.     

(Die Produktion wurde gefördert vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, von der Stadt Osnabrück sowie vom Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V.) 

Weitere Aufführungen am 14., 15., 21. und 22. Juni sowie am 23. und 24. August, jeweils um 19 Uhr ab Piesberger Gesellschaftshaus.


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