Mehr als nur Märsche Vielfalt der Blasmusik beim Deutschen Musikfest

Einen fulminanten Auftritt absolvierte die Sächsische Bläserphilharmonie unter der Leitung von Thomas Clamor am Freitag beim Deutschen Musikfest in der Marienkirche.  Foto: Jörn MartensEinen fulminanten Auftritt absolvierte die Sächsische Bläserphilharmonie unter der Leitung von Thomas Clamor am Freitag beim Deutschen Musikfest in der Marienkirche. Foto: Jörn Martens
Jörn Martens

Osnabrück. An Blasmusik scheiden sich die Geister. Den einen ist sie zu militaristisch oder zu volkstümlich, die anderen feiern oder marschieren im Takt dazu. Das Deutsche Musikfest bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Orchester, die diese Musik spielen. Beim Gang durch die Innenstadt am Freitag wird deutlich, wie vielfältig Blasmusik ist und immer schon war.

Auf dem Marktplatz geht es los. Zur Mittagszeit um 13 Uhr sitzen viele Osnabrücker in den Cafés auf der Straße und genießen die Sonne. Das Orchester des Musikvereins Dogern aus dem tiefsten Baden-Württemberg spielt dazu Marschmusik. In den Gesichtern mancher Mittagspäusler spiegelt sich Irritation wider. Doch als die Kapelle ihr Stück beendet, brandet großer Applaus auf.

Blasmusik ist nicht nur etwas fürs Bierzelt auf dem Oktoberfest, wie unter anderem die Konzerte in der Marienkirche beweisen. Foto: Jörn Martens


Unweit des Marktplatzes steht vor dem Dom eine große Bühne, auf der am Freitagnachmittag ein Jugendorchester nach dem anderen spielt. Vor allem viele ältere Zuhörer harren unermüdlich vor der Bühne aus. Das Jugendblasorchester Kleinmachnow aus Brandenburg spielt keine Marschmusik, sondern „Oye como va“ von Santana. Dirigent Martin Aust erklärt dem Publikum, dass das Wichtigste in der Musik der Groove sei. Also spielt sein vielköpfiges Orchester die „Groove Overture“ des finnischen Komponisten Timo Forsström. Manche Zuhörer klatschen den Takt mit ihren Programmheften mit. So richtig kommt der Groove noch nicht an.

Das ist in der Sporthalle der Domschule anders. Dort riecht es nach Erbsensuppe und es herrscht Bierzeltatmosphäre. Das Blasorchester TV 1848 e. V. Gimbsheim und die Musikfreunde Zornheim 1972 e. V. aus Rheinland-Pfalz spielen volkstümliche Melodien und Rhythmen. Eine Gruppe Jugendlicher steht auf den Bänken der Bierzeltgarnituren und feiert mit. Als das Orchester „Dancing Queen“ von Abba intoniert, tanzt ein junges Paar vor der Bühne Standard dazu. Die Strategie vieler Blasorchester, ein junges Publikum mit neuen Klassikern für ihre Musik zu begeistern, geht hier auf. Heute sind es Abba und Santana. Sind es in einigen Jahren Rammstein und Metallica?

Bläser können mehr als Humtata, das zeigten die Orchester in der Domschul-Halle mit Film-Soundtracks, Abba und Santana. Foto: Jörn Martens


In der Marienkirche hat sich ein großes Publikum versammelt, um wirkliche Klassiker zu hören. Die Sächsische Bläserphilharmonie aus Bad Lausick in der Nähe von Leipzig spielt unter der Leitung von Thomas Clamor ihren Zyklus „Hymnus“, in dem Texte des Dichter Paul Gerhardt vertont wurden. Der evangelisch-lutherische Theologe wirkte im 17. Jahrhundert. Seinen Texten wurde die Musik von zeitgenössischen Komponisten wie Johann Crüger und Johann Georg Ebeling, aber auch moderne Werke von Christian Sprenger gegenüber gestellt. Das Ergebnis war eine Musik, die Tiefe besaß und berührte. Trotz des großen Halls in der Marienkirche kam die satte Musik der Sächsischen Bläserphilharmonie bombastisch zur Geltung. Das rief stürmischen Applaus im voll besetzten Kirchenschiff hervor.

Die souligen Seiten der Blasmusik schlug das Polizeiorchester Niedersachsen in der Osnabrück-Halle auf. Foto: Jörn Martens


Dass Blasmusik auch Soul besitzt, bewiesen ausgerechnet die in Uniform gekleideten Mitglieder des Polizeiorchesters Niedersachsen in der Osnabrückhalle. Sängerin Shereen Adam sang Ed Sheerans Stück „Thinking Out Loud“ mit viel Seele in der Stimme. Anschließend unternahm das Polizeiorchester einen Ausflug in die Gefilde des Fusion-Jazz‘ und intonierte Larry Carltons „Room 335“ sowie Chick Coreas „La Fiesta“ mit einer Lässigkeit und Virtuosität, die meilenweit von zackiger Marschmusik entfernt ist.


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