Treffpunkt für Bücher und Menschen Zeitreise: Seit 150 Jahren sorgt die Stadtbibliothek für Bildung

Das (neue) Alte Rathaus, hier in seinem Aussehen von 1903, beherbergte zeitweise auch die Stadtbücherei. Foto: R. Lichtenberg, Archiv Museum IndustriekulturDas (neue) Alte Rathaus, hier in seinem Aussehen von 1903, beherbergte zeitweise auch die Stadtbücherei. Foto: R. Lichtenberg, Archiv Museum Industriekultur

Osnabrück. So einen richtigen Platz an der Sonne hat die Osnabrücker Stadtbibliothek eigentlich nie gehabt. Sie ist in ihrer 150-jährigen Geschichte viel hin und her geschoben worden. Auch ihr jetziger Standort Markt 1 gegenüber dem Rathaus ist nicht das Traum-Domizil, das für eine Bibliothek gebaut wurde.

Gleichwohl hat sich die Stadtbibliothek durch ein kluges Angebot an Dienstleistungen, Schulungsprogrammen und Veranstaltungen einen gewichtigen Platz in der Osnabrücker Kulturszene gesichert. Und das zusätzlich zu ihrer eigentlichen Zweckbestimmung, Bücher zum Lesen und Ausleihen zur Verfügung zu stellen. Der Bestand von mehr als 200 000 Titeln ist über den elektronischen Katalog leicht auffindbar erschlossen. Neben klassischen Medien wie Büchern, Comics, Zeitungen, Zeitschriften, Noten, Filmen, Audio-CDs, Software und Spielen bietet die StadtbBibliothek über das Portal „ebib2go“ auch elektronische Medien wie E-Books und Hörbücher an, die rund um die Uhr ausgeliehen werden können. 

Angefangen hat alles mit 250 Büchern, die der Rittmeister Eberhard Friedrichs vor 150 Jahren in seiner Wohnung Petersburg 1 der von ihm gegründeten „Volksbibliothek“ zur Verfügung stellte. Mittwochs und sonntags von 11 bis 13 Uhr waren die Bücher in seinen Privaträumen für jedermann zugänglich. Volksbildung war im 19. Jahrhundert ein zentrales gesellschaftliches Anliegen, das insbesondere das liberal gesinnte Bürgertum zu seiner Sache machte. Die Tatsache, dass Bildung durch Lesen zunächst nicht als Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge gesehen wurde, ist wohl der Grund dafür, dass die kleine Bibliothek häufig umziehen musste. Die Stadt war wohl bereit, kostenlos Räume zu stellen, aber viel mehr auch nicht. Die Ausleih- und Leseräume bekam dort Unterschlupf, wo gerade Platz war.

Der Neubau der Stadtkasse trat 1961 an die Stelle des kriegszerstörten Alten Rathauses. Heute wird er von der Stadtbibliothek genutzt, die somit zurück zu ihren Wurzeln fand. Foto: Joachim Dierks

Das war von 1869 bis 1872 und von 1896 bis 1901 im sogenannten Alten Rathaus und damit exakt an der Stelle, wo sie auch heute ist. Das Alte Rathaus wurde schon 1244 erwähnt und ist somit wesentlich älter als das heutige Historisches Rathaus von 1512. Allerdings wurde das Alte Rathaus zwischen 1820 und 1836 wegen Baufälligkeit abgerissen und durch einen Neubau im Rundbogenstil ersetzt. In diesem „neuen Alten Rathaus“ war die Volksbibliothek in den erwähnten Zeiträumen untergebracht. Im Zweiten Weltkrieg ereilte das Rathaus von 1512 und das neue Alte Rathaus dasselbe Schicksal: Sie wurden gründlich zerstört. Während man das baugeschichtlich und historisch wertvollere Rathaus von 1512 wiederaufbaute, wurde die Ruine des neuen Alten Rathauses Markt 1 abgetragen und 1961 durch den modernen Neubau der Stadtkasse ersetzt. 

1902 schlug die Geburtsstunde der „Städtischen Bücher- und Lesehalle“ im ehemals Gülich’schen Adelshof, Hakenstraße 12, die nun etatmäßig als städtische Einrichtung verankert war. Die Benutzung stand allen Bürgern der Stadt offen. Gebühren wurden nicht erhoben – mit Ausnahme von Mahngeldern. Der Bestand wuchs, die Ausleihzahlen stiegen, die Räume wurden zu eng. 1931 zog man ins Schloss um, wo im Westflügel großzügige Platzverhältnisse herrschten. Wenig ruhmvoll waren die Jahre ab 1933. Die Bibliotheksleitung hatte keine andere Wahl, als „schädliche Bücher“, die „an die Zeiten des kulturellen Niedergangs“ erinnerten, auszusortieren. „Der Kulturwille des Dritten Reiches macht sich auch im öffentlichen Büchereiwesen mit erfreulicher Frische bemerkbar“, heißt es im Verwaltungsbericht von 1934.

Infobox

Die Standorte der Stadtbibliothek
1869: Gründung der „Volksbibliothek“ im Hause des Rittmeisters Friedrichs, Petersburg 1
1869: Altes Rathaus, Markt 1
1872: Schulgebäude, Kamp 3
1889: Schulgebäude, Alte Münze 13
1893: Bürgerschule, Am Schützenwall
1896: Altes Rathaus, Markt 1
1902: Ehemals Gülich“scher Hof, Hakenstraße 12
1931: Schloss
1946: „Städt. Bücherei und Lesehalle“, Baracke am Bürgergehorsam
1952: Große Straße 54, Haus der Metzgerei Bartlitz
1953: Ehem. Offizierskasino Neuer Graben
1959: Ehem. Löwen-Apotheke Markt 6 (heute Remarque-Friedenszentrum)
1992: Ehemalige Stadtkasse, am Markt 1 

Palmsonntag 1945 ging die Städtische Bücherei im Schloss in Flammen auf. Von ehemals 30 000 Bänden überlebten ganze 1000 in einem Keller. Sie waren der Grundstock für einen ersten Neubeginn nach dem Krieg in einem Raum des Museums. Doch das Museum brauchte den Platz bald selbst. So bezog die Bücherei eine Notbaracke auf dem Grünstreifen zwischen Hasemauer und Hasetorwall. Mit bescheidenen Mitteln und in ganz kleinen Schritten – hier und da brachte ein Leser ein zuhause gerettetes Buch zurück – begann die Ausleihe der zunächst 1500 Bände, die nachgefragt wurden wie nie zuvor. Der Benutzerkreis weitete sich rapide aus, was auf die großen privaten Verluste an Büchern, aber auch auf die komplette geistige Neuorientierung zurückzuführen war.

Die Baracke bestand aus einem einzigen Raum für die Ausleihe, zum Lesen und für die Verwaltung. Der „Lesesaal“ besaß genau ein zwölfbändiges Lexikon und führte eine Reihe von Zeitungen. Anfang 1950 wurde zu Bücherspenden aufgerufen. 1952 war der Bestand auf 7000 Bände angewachsen und erreichte 36 000 Entleihungen. Damit war die Baracke heillos überfordert. Für eine Übergangszeit zog die Bücherei in die erste Etage über der Metzgerei Bartlitz in der Großen Straße. 1953 wurde schon wieder umgezogen, diesmal in das ehemalige Offizierskasino am Ledenhof gegenüber dem Schloss. Als Neuerung wurde das Freihandverfahren eingeführt. Man bestellte nicht mehr über die Theke, sondern konnte sich die Bände eigenständig im Regal aussuchen.

In einer Baracke vor dem Bürgergehorsam war von 1946 bis 1952 die Stadtbücherei untergebracht. Links das noch kriegsbeschädigte Dach der Dominikanerkirche, rechts im Hintergrund das Stadtkrankenhaus (heute Stadthaus I). Foto: Archiv Wido Spratte.

Aber nicht alle. Legendär ist der sogenannte „Giftschrank“, in dem verbotene NS-Literatur wie Hitlers „Mein Kampf“, aber auch als jugendgefährdend angesehene Literatur wie etwa Grass „Blechtrommel“ unter Verschluss gehalten wurden. Zugang gab es nur, wenn man die wissenschaftliche Aufgabenstellung beziehungsweise die Volljährigkeit nachweisen konnte. 1959 ging die Bücherei in das Gebäude der ehemaligen Löwen-Apotheke Markt 6 (heute Remarque-Friedenszentrum).

 Dem Wachstum der Stadt in den Randbezirken folgend, eröffnete die Stadtbücherei ab 1967 Filialen in der Neustadt, in Eversburg, Schinkel und Haste und schickte ab 1975 den „Bücherbus“ auf Reisen durch die Peripherie.

Der Lesesaal in den 1960er-Jahren. Foto: Referat Medien und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Osnabrück.

Ein vorläufig letzter Umzug stand 1992 an. Mit der Fertigstellung des „Stadthauses I“ im ehemaligen Bettenhaus des Stadtkrankenhauses konnten städtische Dienststellen das Stadtkassengebäude Markt 1 - 5 räumen und es der „Stadtbibliothek“ – so der offizielle Name seit 1969 – überlassen. Schmerzlich war 2010 der „Schließbefehl“ für die Stadtteilbibliotheken unter dem Diktat der katastrophalen städtischen Finanzlage. Als Kompensation war eine Ausweitung der Bücherbus-Frequenz gedacht. Zweifel wurden laut, ob dies eine gute Maßnahme war. Auch unter dem Blickwinkel der Integration: „Wir treiben die Migranten-Kinder in der Neustadt jetzt wieder in die Islamvereine“, hieß es. Außerdem wurde der Einspareffekt angesichts weiterlaufender langjähriger Mietverträge für die Bibliotheksräume angezweifelt.

Die finanziellen Rahmenbedingungen sind heute freundlicher. Im vergangenen Jahr wurde der Etat für die Anschaffung neuer Medien um 50 Prozent aufgestockt. Seit 2006 leitet Martina Dannert die Bibliothek. Sie trieb die Aufnahme digitaler Medien, die Bildungspartnerschaft mit Schulen und Kitas und Leseförderprogramme entschieden voran. 2015 wurde die Stadtbibliothek für ihre vorbildlichen Angebote für Zuwanderer mit dem Bibliothekspreis der VGH-Stiftung ausgezeichnet. Im Jubiläumsjahr 2019 positioniert sich die Einrichtung als „Dritter Ort“, wo sich Menschen neben Wohnung und Arbeitsplatz zwanglos begegnen und austauschen können, wo sie durch vielfältige Veranstaltungen angeregt werden, sich weiterzubilden, kulturell neugierig und literarisch offen zu bleiben. Vor wenigen Tagen wurde der „Lesegarten“ im Innenhof mit Liegestühlen und Bänken eröffnet.


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