Lyrik auf Sofas und LKW-Planen Woche der Sprache und des Lesens hinterlässt Spuren in der Stadt

Startpunkt einer „Lyrikprozession“ durch die Innenstadt war ein Bauzaun an der IGS in Eversburg.  Foto: David EbenerStartpunkt einer „Lyrikprozession“ durch die Innenstadt war ein Bauzaun an der IGS in Eversburg. Foto: David Ebener

Osnabrück. Unter dem Motto "Wer versteht das schon?" findet zur ersten bundesweiten Woche der Sprache und des Lesens an verschiedenen Orten in Osnabrück eine mehrsprachige Lyrikaktion im öffentlichen Raum statt.

In einer Handvoll verschiedener Sprachen wird ein Satz vorgetragen und auf die Schultafel projiziert, der gleichzeitig ein Motto vorgibt. „Wer versteht das schon?“ heißt die multilinguale Lyrikaktion, die Sprachaktivistin Daniela Boltres gemeinsam mit geflüchteten und zugewanderten Autoren und Schülern der von der Lehrerin Joana Gnielczyk geleiteten Poetry-Slam-AG in der Integrierten Gesamtschule (IGS) Eversburg gestartet hat.

Ganz bewusst wurde der Lernort außerhalb der Innenstadt als Ausgangspunkt gewählt, um zu verdeutlichen, dass immer „dort, wo gerade etwas gemacht wird und jemand sich einbringt, in dem Augenblick die Mitte ist“, regt Boltres zum Nachdenken über die Verflüssigung von Zentrum und Peripherie an. Zum feierlichen Auftakt in der Schulaula trugen auch die Schüler neben selbstkomponierten Stücken in der Sprache der Musik am Klavier und an der Harfe eigene, mitunter mehrsprachige Texte vor. 

Initiatorin und Sprachaktivistin Daniela Boltres mit Gedicht-Postkarten. Foto: David Ebener

Sprache als Türöffner

An einem Bauzaun inmitten des Schulhofes wurde dann eine vier Quadratmeter großen Lkw-Plane angebracht, auf der ein Gedicht von Hasan Alhasan aus Syrien zu lesen ist – auf Arabisch und in deutscher Übersetzung, die aber immer nur eine „Annäherung“ an das Original sein kann, wie Boltres betont.

Alhasans Texte sind bereits ins Spanische und Französische übersetzt worden und haben ihm bislang mehr als 25 Preise eingebracht. Die Wahl des reiß- und wetterfesten Materials hat nicht nur einen pragmatischen Grund, sondern auch eine symbolische Bedeutung. Denn es sind oft Lkw, mit denen unter hohem Risiko und Einsatz des Lebens eine Flucht auf sich genommen wird. Für Literaten sei Flucht auch deshalb ein „gravierender Schnitt“, weil sie mit der Sprache von ihren Wurzeln losgelöst und ihre Profession nicht mehr ausüben könnten, betont Andreas Neuhoff als Ehrenvorsitzender des Vereins Exil.

Um zumindest einigen von ihnen die Möglichkeit der Artikulation zu bieten, führte am Dienstag eine Lyrikprozession von der IGS über die Stadtbibliothek, die Heilig-Kreuz- und die Katharinenkirche bis hin zur Lutherkirche zu fünf verschiedenen Orten der Stadt, um dort jeweils im Außenbereich eine Gedichtplane zu befestigen. Auch zwei Texte von Abdelmajeed Abdallah aus dem Sudan befinden sich darunter, der nicht nur schreibt, sondern auch Marathon läuft und davon träumt, vom schnellsten Mann Osnabrücks einmal zum Olympiasieger zu werden. 

Das erste von fünf aufgehängten Gedichten. Foto: David Ebener


Orte der Begegnung

Ebenfalls durch die Stadt wandert im Rahmen der vom Kulturamt Osnabrück und vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis unterstützten Aktion ein Erzählsofa, von dem aus an verschiedenen Standorten in der Großen Straße und an der Katharinenkirche Gedichte auf Postkarten an Passanten verteilt werden und zum Verweilen, Plaudern und Diskutieren eingeladen wird.

Anlass der mobilen Lyrikaktion ist die diesjährige Woche der Sprache und des Lesens, die 2006 vom Berliner Verein „Dialog-Aufbruch aus Neukölln“ ins Leben gerufen wurde und unter der Schirmherrschaft von „First Lady“ Elke Büdenbender vom 18. bis 26. Mai erstmals auch bundesweit stattfindet. In Osnabrück hinterlässt sie nicht nur Spuren an Gerüsten, Säulen oder Bäumen, sondern auch in anderen öffentlichen Räumen wie etwa der Stadtbibliothek, wo das Literaturbüro Westniedersachsen anlässlich der Sprachwoche sein bilinguales Lyrik-Projekt „Poetische Brücken“ in Kooperation mit dem Theater und der russischen Partnerstadt Twer wiederaufleben lässt. Zum „Open House“-Tag am Samstag, 25. Mai, wird es neben Lesungen und Workshops unter anderem eine deutsch-arabische „literarische Mittagspause“ geben.

"Wer versteht das schon?"

Das „Erzählsofa“ steht am Mittwoch, 23. Mai, vor dem Geschäft Douglas an der Großen Straße 27, am Donnerstag, 23. Mai, vor der Buchhandlung Thalia an der Großen Straße 63-64 und am Freitag, 24. Mai, vor der Katharinenkirche.



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