Zeitreise Anne-Frank-Schule feiert 50-jähriges Bestehen

Die Anne-Frank-Schule im Jahr 1994. Foto: Gert WestdörpDie Anne-Frank-Schule im Jahr 1994. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Die Anne-Frank-Schule in Osnabrück feiert in diesen Tagen ihr 50-jähriges Bestehen. Die Schule für Kinder mit motorischen Einschränkungen an der Knollstraße, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schulzentrum Sonnenhügel, das bis 2007 noch Schulzentrum Sebastopol hieß, hat bewegte Jahrzehnte hinter sich.

Wie die zum Schulzentrum gehörenden Schulen Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium, Wittekind-Realschule und Felix-Nussbaum-Hauptschule befindet sich die Anne-Frank-Schule in Trägerschaft der Stadt Osnabrück, nimmt aber ansonsten eine Sonderrolle ein. Sie ist die einzige Schule in Stadt und Landkreis mit dem speziellen Förderprofil für körperlich behinderte Kinder. Das riesige Einzugsgebiet bekommt man eindrucksvoll vor Augen geführt, wenn am Ende des Schultages um 15.10 Uhr rund 40 Kleinbusse vorfahren, um die Landkreis-Kinder bis in die hintersten Winkel der Region wieder nach Hause zu geleiten. Derzeit kommen etwa 60 Prozent der Schülerschaft aus dem Landkreis, was entsprechende Schulgeldzahlungen des Kreises an die Stadt auslöst. 

Förderschulen für lernbehinderte Kinder gab es vor 50 Jahren mehrere in der Stadt, nicht jedoch für körperlich behinderte. Sie mussten den aufwändigen Weg einer Beschulung und Internatsunterbringung in Hannover gehen. So war es nachvollziehbar, dass sich 1966 eine „Elterninitiative spastisch gelähmter Kinder“ bildete. Sie verfolgte das Ziel einer wohnortnahen Schule. Das Kultusministerium hatte ein Einsehen und entsandte zwei heilpädagogische Fachkräfte nach Osnabrück. Die besuchten 23 betroffene Familien und klärten den Bedarf ab. Schnell wurde deutlich, dass sofort etwas passieren musste. Denn 21 der 23 behinderten Kinder hatten trotz bestehender Schulpflicht noch nie eine Schule von innen gesehen.

Neubau wird 1976 bezogen

1968 wurde in der Pestalozzischule an der Rolandsmauer unter der Leitung von Horst Kösling eine erste Klasse für Körperbehinderte eingerichtet. Im Jahr darauf kam eine weitere Lerngruppe dazu. Man überführte die Klassen in eine eigenständige Organisationsform – die Schule für Körperbehinderte, auf die sich das heutige 50-jährige Bestehen bezieht, war gegründet. Man hatte zunächst noch kein eigenes Schulgebäude, sondern fand Unterschlupf in den Räumen des Heilpädagogischen Zentrums an der Ernst-Sievers-Straße. 1976 war diese Übergangslösung beendet, der Neubau an der Knollstraße 149 konnte bezogen werden.

Im Jubiläumsjahr erneuern die Dachdecker den Freizeitbereich auf dem Balkon mit unter anderem einem Tartan-Boden. Foto: Joachim Dierks.


1989 gab man sich auf Wunsch vieler Schüler und auch der meisten Lehrer den Namen Anne-Frank-Schule. Der Zeitgeist ging dahin, die Schulnamen aus der Verwechselbarkeit herauszuholen und einen identitätsstiftenden Namenspatron zu finden. Schulleiterin Hilke Ackermann kann das gut nachvollziehen, weil es einer Stigmatisierung vorbeugt: „‘Ich gehe auf die Anne-Frank-Schule‘ hört sich doch ganz anders an als ‚Ich gehe auf die Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung‘“, sagt sie. 

Dass die Wahl auf das von den Nazis ermordete Judenmädchen fiel, lässt sich ebenfalls gut begründen, findet sie: „Anne Frank war im Alter unserer Kinder, als sie das Tagebuch schrieb. Sie gehörte einer Minderheit an, sie war ausgegrenzt. In gewisser Weise trifft das ebenso auf unsere Schüler zu, auch wenn wir natürlich versuchen, ihnen diese Gefühle zu nehmen.“ Seither wird das Gedenken an Anne Frank intensiv im Schulalltag gelebt. „Von Anfang an haben wir immer Anne Franks Geburtstag am 12. Juni begangen“, erinnert sich Christa Sawhney, die ab 1977 an der Schule unterrichtete und bis 2004 Konrektorin war. Der Geburtstag wird besonders in diesem Jahr hochgehalten, denn Anne Frank „nullt“, genau wie die 40 Jahre später gegründete Schule. Anne Frank wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden, hätten nicht die Nazis sie 1945 in Bergen-Belsen zu Tode kommen lassen. Eine dingliche Verbindung zu Anne Frank ist das kleine Kastanienbäumchen auf dem Schulhof, das aus einem Setzling von der Kastanie vor dem Wohnhaus der Franks in Amsterdam erwachsen ist.

Mehr Neuzugänge trotz Inklusionsprozess

Heute kümmert sich ein multiprofessionelles Team von 110 Mitarbeitern, darunter Lehrer, Therapeuten, Logopäden und Motopäden, um 210 Schüler. Die Schule platzt aus allen Nähten. „Seit 15 Jahren müssen wir uns mit vier Containerklassen behelfen, die noch nicht einmal rollstuhlgerecht sind“, erwähnt Tony Reimann, der von 1995 bis 2015 Rektor war. Die Pläne für einen Erweiterungsbau waren ausführungsreif. Aber dann wurde vor acht Jahren alles zurückgepfiffen, weil die Bildungsplaner im Zuge der Inklusion mit weniger Neuzugängen rechneten. Es kam jedoch anders, die Aufnahmezahlen steigen wieder. Die Eltern haben ein Wahlrecht, ob sie ihr Kind auf eine Regelschule oder eine Förderschule schicken. In vielen Fällen bekommt die Förderschule, für die eine Bestandsgarantie gilt, den Vorzug, allein schon wegen der vielen hier vorhandenen Hilfsmittel wie etwa Personenlifter oder Stehtrainer. So bleibt der Wunsch nach einem Anbau für die Schulleitung weiterhin vordringlich, verbunden mit einer Sanierung des Altbaus.

Rektorin Hilke Ackermann (zweite von links) und ihre Vorgänger in der Schulleitung Christa Sawhney und Tony Reimann freuen sich auf das Schulfest am Freitag, 24. Mai, von 15 bis 18 Uhr. Foto: Joachim Dierks


Die Schule begeht das 50-jährige Schuljubiläum am Donnerstag, 23.5., mit einem Festakt und am Freitag, 24.5., mit einem Schulfest von 15 bis 18 Uhr, zu dem auch alle ehemaligen Schüler und Lehrer eingeladen sind.


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