„Grenzen muss es nicht geben“ Proben für das inklusive Tanz- und Musikprojekt „Emotion“

Farben des Lebens: Die gemischte Gruppe tanzt, während die Bläserphilharmonie Maurice Hamers „Chakra“ spielt.  Foto: Jörn MartensFarben des Lebens: Die gemischte Gruppe tanzt, während die Bläserphilharmonie Maurice Hamers „Chakra“ spielt. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Für einen Auftritt beim Deutschen Musikfest erarbeiten sich die Bläserphilharmonie Osnabrück und eine gemischte, inklusive Tanzgruppe gemeinsam Maurice Hamers "Chakra". Mit "Emotion" werden Grundgefühle so nicht nur in Tönen, sondern auch in damit korrespondierenden Bewegungen ausgedrückt.

Mittendrin sitzt Melissa Katleen Wesseler auf ihrer Gehhilfe und wirft mit strahlendem Gesicht und voller Lebensfreude ihre Arme in die Luft. Sie fühlt sich frei, wenn sie tanzt, sagt die Kleinwüchsige, die sich aber lieber als „klein, aber oho“ beschreibt. An diesem Vormittag in der Aula des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums ist sie Teil einer bunt gemischten Gruppe, die Choreografien zu Maurice Hamers „Chakra“ eingeübt hat – eine Komposition, die auf buchstäblich bewegende Weise die in sieben Chakren eingeteilten menschlichen Grundgefühle und Charaktereigenschaften in Musik ausdrückt. Hochkonzentriert geht die große Bläserphilharmonie Osnabrück das anspruchsvolle Werk an bei der Hauptprobe, die sie erstmals mit den Tänzern zusammenbringt. 

Foto: Jörn Martens


Gefühl mit Bewegung verbunden

Die Idee für diese bislang einzigartige Fusion aus Blasmusik und Tanz hatte Orchesterleiter Jens Schröer. Als er beim Verfasser des Werkes persönlich einen Meisterkurs belegt hat, kamen ihm zu der „ausdrucksstarken, illustrativen“ Musik sofort Bilder in den Kopf, erinnert er sich. „Da steckt Bewegung drin“, beschreibt er die 30-minütige Chakrenvertonung für Blasorchester. Genauso wie in dem Wort Emotion, weshalb es nahe lag, die Brücke von „Emotion“ zu „Motion“ zu schlagen, und beides ebenso wie Musik und Tanz in einem Projekt zu vereinen, das mit finanzieller Interstützung der Egerland-Stiftung im Rahmen des Deutschen Musikfestes zur Erstaufführung kommen wird. Als Partner hat sich die Tanzschule Hull angeboten, die auch in ihren eigenen Kursen den Gedanken der Inklusion verfolgt und verwirklicht. Seit fast acht Jahren tanzt auch Melissa dort und erlebt tänzerisch, dass es „eigentlich keine Grenzen geben müsste“, wie sie die Erfahrung ausdrückt, mit Menschen jeder Größe, jeden Alters und mit oder ohne Handicap gemeinsam zu tanzen. So ist es auch beim „Emotion“-Projekt, wobei es für die Tänzer eine neue Erfahrung ist, sich zu Live-Musik zu bewegen. „Gigantisch viel Energie“ komme so rüber, um ihre Kraft und Lebensfreude ausdrücken zu können, ist Melissa begeistert. Kein Wunder, dass sie vor allem beim durch die Farbe Gelb symbolisierten Bauch-Chakra ihr „richtig Gas“ und ihr Bestes gibt und dabei „alles andere ausblendet“, wie sie sagt. 

Patsy Hull-Krogull (Mitte) leitet die Tänzer an. Foto: Jörn Martens


Tanz intensiviert Musik

Das müssten die Musiker eigentlich auch angesichts der anspruchsvollen Kompositionen. „Es fällt aber schwer, sich hundertprozentig darauf zu konzentrieren“, gibt Bassposaunist Martin Lindenthal zu, von den Tänzern etwas abgelenkt zu sein. Sein Orchesterkollege Christopher Lager empfindet das aber sogar als inspirierend. „Die Tänzer intensivieren die Musik noch“, sagt er. Dass diese am Anfang von „Chakra“ alles andere als begeistert gewesen sind, verrät Guido Niermann, der gemeinsam mit Patsy Hull-Krogull die Choreografien erarbeitet hat. Aber als die Bedeutung hinter der zunächst gewöhnungsbedürftigen Musik immer klarer wurde, habe es sich mit zunehmendem Spaß mehr und mehr entwickelt, berichtet der Tanzlehrer von der monatelangen Übersetzung der Töne in Bewegung. 

Zum Deutschen Musikfest erarbeiten Bläserphilharmonie und Tanzschule Hull ein gemeinsames inklusives Projekt. Foto: Jörn Martens


Mischung lockert auf

Rund 100 Tänzer werden die sieben Energiezentren des Menschen auch optisch in Bewegung bringen. Viele kommen aus der Tanzschule, aber einige von ihnen haben vorher noch nie getanzt. Darunter ist auch Christin Blume, die so den Tanz als Möglichkeit entdeckt hat, sich „besonders frei ausdrücken“ zu können, wie sie sagt. Ihre fünfjährige Tochter Maira hat sie gleich mitgebracht. Sie ist eine der jüngsten der gemischten Gruppe ohne Grenzen, deren älteste Teilnehmerin über 60 Jahre alt ist. Die Mischung lockere das Ganze nicht nur auf, sondern es habe sich auch schnell gezeigt, dass „der eine für den anderen da ist“, betont Niermann. Da wird dann schon mal ein Rollstuhlfahrer buchstäblich angestoßen, wobei man aber eigentlich „vergisst, dass Menschen mit Behinderung dabei sind“, sagt Christin. Und in der Tat fügt sich bei der Hauptprobe alles wunderbar zusammen, als zur Musik wahrhaftiger Bläser die sieben Chakren in fließende Bewegungen transformiert werden - verkörpert durch unterschiedliche, einzigartige Tänzer in den ihnen jeweils zugeordneten Farben.


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