Von den Nazis verfolgter Journalist Der Osnabrücker Verfassungsvater Hans Wunderlich

Von Heiko Schulze

Hans Wunderlich (zweiter von rechts) mit seinen SPD-Fraktionskollegen Rudolf-Ernst Heiland (1910-1965), Karl Kuhn (1898-1986), Adolf Ehlers (1898-1978) und Friedrich Maier (1894-1960, von links) in der Aula der Pädagogischen Akademie, kurz vor dem Beginn der 6. Sitzung des Parlamentarischen Rates. Foto: Erna Wagner-HehmkeHans Wunderlich (zweiter von rechts) mit seinen SPD-Fraktionskollegen Rudolf-Ernst Heiland (1910-1965), Karl Kuhn (1898-1986), Adolf Ehlers (1898-1978) und Friedrich Maier (1894-1960, von links) in der Aula der Pädagogischen Akademie, kurz vor dem Beginn der 6. Sitzung des Parlamentarischen Rates. Foto: Erna Wagner-Hehmke

Osnabrück. Am 23. Mai 1949 signieren 65 Mitglieder des Parlamentarischen Rates mit ihrer Unterschrift ein Regelwerk, das bis heute das zentrale Fundament unserer Demokratie bildet. Zu den Gründungsvätern des Grundgesetzes gehörte auch der Osnabrücker Sozialdemokrat Hans Wunderlich (1899–1977).

Das Grundgesetz ist über die Jahrzehnte immer weiter verfeinert und teilweise auch verändert worden, doch sein Kern hat bis heute Bestand: Unverrückbare Artikel betreffen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, die Gleichheit vor dem Gesetz, freie Wahlen, Oppositions-, Meinungs-, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit.

Diejenigen, die es acht Monate lang leidenschaftlich, oft kontrovers und sehr ausgiebig diskutiert haben, nennen das Dokument ganz bewusst „Grundgesetz“ – und nicht etwa „Verfassung“. Nach außen hin wollen die Unterzeichner dokumentieren, dass ihr Regelwerk zunächst einen provisorischen Charakter haben soll. Denn die junge Bundesrepublik besteht in diesem Moment allein aus den drei Westzonen, die entweder unter US-amerikanischer, britischer oder französischer Militärverwaltung stehen. Das Saarland wird der jungen Bundesrepublik erst im Jahre 1957 beitreten. Die ebenfalls im Jahre 1949 gegründete DDR wird diesen Schritt erst am 3. Oktober 1990 vollziehen.

Ein Osnabrücker im Museum Koenig

Inmitten der Väter und Mütter des Grundgesetzes befindet sich auch ein Osnabrücker: Der Sozialdemokrat Hans Wunderlich (1899–1977) erlebt mit seiner Unterschrift unter das Grundgesetz den Höhepunkt seines politischen Lebenswerks. Seit der Eröffnungsfeier des Parlamentarischen Rates, die am 1. September 1948 im Bonner Museum Koenig stattgefunden hat, zählt der Osnabrücker zu insgesamt 27 westdeutschen SPD-Abgeordneten. Sie alle sind, wie ihre Kollegen anderer Parteien, in jeweiligen Landesparlamenten gewählt worden sind. Ebenso viele Mandate wie die SPD besetzt die frisch gegründete CDU/CSU. Die ebenfalls neu formierte FDP zählt fünf Parlamentarier. Das katholische Zentrum, die rechtskonservative Deutsche Partei und die Kommunistische Partei weisen jeweils zwei Abgeordnete auf. Die zuletzt Genannten zählen, wie die Mehrzahl der CSU-Mitglieder, zu jenem Dutzend der Mandatsträger, die am Ende gegen das Grundgesetz stimmen.

Geschafft! Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz in einer feierlichen Zeremonie in der Pädagogischen Akademie unterzeichnet und verkündet. Anschließend verließen die Abgeordneten die mit Birkenzweigen geschmückte Akademie. Das Foto zeigt Konrad Adenauer im Gespräch mit dem rechts von ihm stehenden Friedrich Maier (1894-1960, SPD). Links hinter Adenauer ist Hans Wunderlich zu erkennen. Foto: Erna Wagner-Hehmke.


Wunderlich ist keineswegs ein „waschechter“ Hasestädter. Geboren in München, ist der Katholik alles andere als ein „typischer“ Sozi. Denn als Sohn eines autoritären Gymnasialdirektors ist er ohne materielle Probleme im gut situierten Münchner Bürgertum aufgewachsen. Trotzdem entwickelt er schon früh eine tiefe Aversion gegen das konservative Milieu seiner Eltern. Dem leistungsorientierten Vater dürfte es nicht geschmeckt haben, dass der Filius keineswegs das Gymnasium, sondern „nur“ die „Oberrealschule“ absolviert.

15 Jahre alt ist Hans, als der Erste Weltkrieg beginnt. Seine freiwillige Meldung zum Kriegseinsatz dokumentiert zu diesem Zeitpunkt noch keine offene Frontstellung gegen den Militarismus. Dafür zahlt er bitteres Lehrgeld: Mit gerade einmal 18 Jahren erlebt Hans an der Westfront ziemlich schnell all jene Kriegsgräuel, die viele Jahre später der Osnabrücker Weltliterat Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ dokumentieren wird.

Ein Mann des politischen Journalismus

Als Kriegsheimkehrer zieht es Wunderlich schnell aus München fort. Er liebt das Schreiben. Im ostfriesischen Emden beginnt er damit, erste journalistische Erfahrungen zu sammeln. Hier politisiert er sich und wird 1920 aktiver Sozialdemokrat. In der Bierstadt Einbeck erlernt er beim bürgerlichen „Tageblatt“ als Volontär das journalistische Handwerk. Nachdem sich Wunderlich nach der erfolgreichen Ausbildung zum Journalisten offen mit dem Kurs des bürgerlichen Blatts überworfen hat, wechselt er direkt zur sozialdemokratischen Konkurrenz. 1921 wird er Redakteur der „Einbecker Volksstimme“, die jedoch bereits 1923 aufgrund finanzieller Probleme eingestellt wird.

Grund genug für den frischgebackenen Journalisten, sich nach freien Redakteursposten innerhalb der reichen Landschaft der damals beinahe flächendeckend vertretenen SPD-Tageszeitungen umzusehen. Seine Wahl fällt schließlich auf die „Freie Presse“ in Osnabrück, was ihn dann für die nächsten Jahre in die Hasestadt zieht. Hier lernt er auch seine Frau Frida kennen, die von den Nazi-Machthabern später als „Halbjüdin“ eingestuft werden wird.

Verlorener Kampf für die Republik

Ab 1928 schreibt Wunderlich freiberuflich weiter und avanciert 1930 zum Kreisleiter des Reichsbanners „Schwarz-Rot-Gold“. Jene Schutzformation betätigt sich gegen rechte Angriffe auf demokratische Versammlungen, Kundgebungen und Demonstrationen. In zahllosen Reden und Artikeln tritt Wunderlich als mutiger Streiter gegen die Nazi-Gefahr in Erscheinung.

Nach der Machtergreifung der Hitler-Partei entgeht er schlimmsten Repressalien und Überwachungen, indem er sich im westfälischen Lienen ansiedelt. Dort betätigt er sich offiziell zunächst als Arbeiter in einem Gartenbaubetrieb, danach in der Geflügelzucht und beim Obstanbau.

Während seiner Jahre in Lienen pflegt er engen Kontakt zu vielen Gleichgesinnten, die sich dort regelmäßig klammheimlich ein einem unscheinbaren Haus treffen, der sogenannten „Eekenpacht“. Dort gibt es sogar eine Bibliothek mit verbotener sozialistischer Literatur.

1940 wird Wunderlich für neun Monate an die Front einberufen, wird dann aber bis zum Kriegsende in der heimischen Gemeindeverwaltung als Hilfskraft dienstverpflichtet. Als die NS-Machthaber nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944 damit beginnen, Zigtausende von Angehörigen der Arbeiterparteien im Zuge der sogenannten „Aktion Gitter“ zu verhaften, hat Wunderlich insofern „Glück im Unglück“, als er nach der eigenen Inhaftierung bereits nach wenigen Wochen wieder freikommt. Auch seine „halbjüdische“ Frau Frida entgeht einer Deportation. Dem Paar gut bekannte Osnabrücker SPD-Genossen wie Fritz Szalinski, Heinrich Groos, Heinrich Niedergesäß und Wilhelm Mentrup trifft es ungleich schlimmer: Sie werden ins KZ deportiert und dort ermordet.

Wiederaufbau, Zeitungsgründung und erste Funktionen

Nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur sind demokratische Zeitungsmacher gefragt. Wer sonst soll dabei helfen, den Menschen endlich wieder Grundlagen demokratischen Denkens beizubringen? Anlass genug für Hans Wunderlich, sich wieder aktiv in das demokratische Geschehen einzubringen. Am 1. März 1946 erscheint die erste Nummer einer lang ersehnten lokalen Zeitung. Sie trägt den Namen „Osnabrücker Rundschau“. Unter den Machern befindet sich Hans Wunderlich. In Zeiten großer Papierknappheit und Konzentrationen wird das SPD-nahe Blatt im April 1947 von der in Wilhelmshaven produzierten „Nordwestdeutschen Rundschau“ abgelöst. Als Lizenzträger dieses Blattes leitet Wunderlich deren Lokalteil und muss sich in dieser Funktion auch mit der politischen Konkurrenz, der CDU-nahen Zeitung „Neues Tageblatt“, auseinandersetzen.

Auch politisch ist Wunderlich seit Kriegsende sofort in seiner alten Partei aktiv geworden: Er wird seit 1947 Vorsitzender der Osnabrücker SPD und stellvertretender Vorsitzender im Parteibezirk Weser-Ems. Überdies gehört er zwischen 1948 bis 1950 dem Osnabrücker Rat an.

Mandat für den Parlamentarischen Rat

In der niedersächsischen SPD genießt der Osnabrücker ein hohes Ansehen. Der Landtag des neu gegründeten Bundeslandes wählt Hans Wunderlich darum als einen von insgesamt neun Mitgliedern in den Parlamentarischen Rat. Besonders aktiv bringt sich der Osnabrücker dort als Mitglied des Ausschusses für Grundsatzfragen ein. Engagiert streitet er im Zuge der Beratungen einzelner Verfassungsartikel speziell für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Als dies gegen heftige Widerstände konservativer Kräfte durchgesetzt wird, ist die Freude des Kriegsgegners groß. Vergeblich bemüht er sich allerdings um einen Sonderstatus zum Schutz der Pressefreiheit. Ebenfalls vergeblich ist sein aktiver Einsatz gegen die Wiedereinführung des traditionellen, vom Obrigkeitsstaat übernommenen Berufsbeamtentums.

Presse statt Partei

Eine große Enttäuschung beendet Wunderlichs parteipolitisches Engagement: Anlässlich der ersten Bundestagswahl im Jahre 1949 gelingt es ihm nicht, als Osnabrücker SPD-Abgeordneter ins Bonner Parlament einzuziehen. Er verfolgte daraufhin wieder den erlernten journalistischen Werdegang. Von 1950 an zieht es ihn zur SPD-nahen „Westfälischen Rundschau“ nach Dortmund, deren Chefredaktion er bis 1964 übernimmt. Seinen Ruhestand verbringt er wieder in Osnabrück, hält Kontakte zu alten Mitstreitern und bleibt bis zu seinem Tod im Jahre 1977 ein engagierter wie kritischer Zeitgenosse.

Zur Person: Heiko Schulze ist Autor stadtgeschichtlicher Sachbücher und Romane sowie Mitarbeiter im Fachbereich Kultur der Stadt Osnabrück. Von 1992 bis 2013 war er Geschäftsführer der Osnabücker SPD-Ratsfraktion.

Wir danken dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, für die Kooperation beim Zugang zu dem Fotobestand „Parlamentarischer Rat“ von Erna Wagner-Hehmke.

In Osnabrück gibt es eine Hans-Wunderlich-Straße im Stadtteil Weststadt. Foto: Heiko Schulze



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