Aus Freude am Schund Lesung mit Lokalprominenz im Osnabrücker Museum Industriekultur

Ach, wie ist die Liebe schön: Carl-Heint Bösling, Nancy Plaßmeier, Fritz Brickwedde, Kalla Wefel und Rolf Spilker lasen aus einem roman von Rolf Hermes. Foto: Thomas OsterfeldAch, wie ist die Liebe schön: Carl-Heint Bösling, Nancy Plaßmeier, Fritz Brickwedde, Kalla Wefel und Rolf Spilker lasen aus einem roman von Rolf Hermes. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Bei Schundliteratur handelt es sich um angeblich minderwertige, unmoralische oder verderbte Literatur. Dass sich an dem Begriff wie an den Inhalten seit der Prägung im frühen 20. Jahrhundert über die Nachkriegszeit bis heute wenig geändert hat, zeigte nun eine Lesung im Museum Industriekultur.

Anlässlich des Internationalen Museumstags und passend zur Ausstellung „Leben und Arbeiten in den 60-er Jahren“ lasen Nancy Plaßmann, Vorstandsmitglied der Sparkasse, Carl-Heinrich Bösling, Leiter der Volkshochschule Osnabrück, Fritz Brickwedde, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion, Kalle Wefel, Kabarettist und Autor sowie Rolf Spilker, Direktor des Museums Industriekultur, aus dem Genre.

Verteilte Rollen

Das Quintett hatte sich die Rollen aufgeteilt, um aus dem Liebesroman „Und lass uns von der Liebe reden“ von Ellen List zu lesen. Darin beschließt die verwaiste Corinna, Tochter aus gutem Haus, das dem Vater zuliebe begonnene Musikstudium nach dessen tragischem Unfalltod an den Nagel zu hängen und sich fortan der Pflege kranker Kinder so widmen.

So kommt sie auf den Gutshof des gut aussehenden Witwers Armin von Stelling, dem natürlich sämtliche fiesen Zicken der Nachbarschaft den Hof machen. Und es kommt, wie es kommen muss. Denn in den 60-Jahren war ein Liebesroman zwar noch züchtig, aber dennoch ein Liebesroman. Genreübliche Versatzstücke inklusive.

Die Vorleser: Carl-Heint Bösling, Nancy Plaßmeier, die hier Fritz Brickwedde verdeckt, Kalla Wefel, Rolf Spilker. Foto: Thomas Osterfeld


Kommentierende Vorleser

So war es denn auch weniger die literarische Qualität des Gelesenen, als vielmehr etwas anderes, das den Nachmittag interessant machte: „Dass ich mich in Dich mal verlieben würde, Fritz“, sagte etwa Kalla Wefel, als Corinna – von selbst ihm gelesen – das erste Mal auf Armin von Stelling trifft – gelesen vom Vorsitzenden der CDU-Ratsfraktion.

Denn die Vorleser fallen aus ihren Rollen, kommentieren das Geschehen und vergleichen es mit der heutigen Zeit. „Gab es denn damals schon Pflegenotstand?“, fragt etwa Carl-Heinrich Bösling in die Runde, als Corinna ihre Pflegetätigkeit nur beginnen kann, weil im Kinderhospital ständig Personal gesucht wird. Und Kalla Wefel berichtet von der seinerzeitigen Schwester Oberin in Osnabrück.


Schundliteratur lesen Carl-Heint Bösling, Nancy Plaßmeier, Fritz Brickwedde (diesmal unverdeckt), Kalla Wefel, Rolf Spilker. Foto: Thomas Osterfeld


Geburt einer Reihe?

So lasen und plauderten die Vorleser durch den Nachmittag. Und weil sie sich zudem bei der Länge der zu lesenden Passagen im Vorfeld ein wenig verschätzt hatten, war die vorgesehene Zeit der Veranstaltung so schnell verstrichen, dass sie überhaupt nicht mehr zum zweiten Buch kamen. Da wäre ein Western vorgesehen gewesen.

Aber dennoch gefiel die Lesung den Besuchern und Referenten so gut, Kalla Wefel im Hinausgehen zu Rolf Spilker sagte: „Eigentlich müsste man daraus eine Reihe machen.“ Und wer weiß: vielleicht lesen die Damen und Herren ja bald einmal wieder aus Schundliteratur vor. 


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