Geschichten aus einem Leben Von Schirach begeistert mit "Kaffee und Zigaretten"

Selbstverständlich bei "Kaffee und Zigaretten" las Ferdinand von Schirach beim Literaturspot im Theater aus seinem gleichnamigen Buch - die Geschichte eines Lebens. Foto: Gert WestdörpSelbstverständlich bei "Kaffee und Zigaretten" las Ferdinand von Schirach beim Literaturspot im Theater aus seinem gleichnamigen Buch - die Geschichte eines Lebens. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück . Am Sonntag begeisterte Jurist und Autor Ferdinand von Schirach im Theater am Domhof sein Publikum bei der ausverkauften ausverkauften "Literaturspot"-Veranstaltung von Theater und Dombuchhandlung.

Er sei ganz froh, es durch den Jahrmarkt geschafft zu haben, scherzt Ferdinand von Schirach zu Beginn seiner Lesung. Mit "Jahrmarkt" meint er die Osnabrücker Maiwoche, die sich draußen mit ihren Buden bis zum Eingang des Theaters ausgebreitet hat. Außerdem stellt von Schirach gleich klar, dass es sich bei seinem Buch um keinen Ernährungsratgeber handelt, um im nächsten Moment einen verkaufsfördernden Titel wie  "Abnehmen mit Thomas Mann" vorzuschlagen. Lakonischer Witz und ironische Beobachtungen zeichnen eben den Stil des in Berlin lebenden Strafverteidigers, Schriftstellers und Dramatikers Ferdinand von Schirach aus, der mit Büchern wie "Terror", "Schuld" oder "Der Fall Collini" bekannt wurde. Dennoch wird schnell klar, dass der 1964 geborene Ferdinand von Schirach nicht das ist, was man gemeinhin eine "Rampensau" nennt. Vielmehr wirkt er äußerst zurückhaltend, wägt seine Worte ab und zieht für seine Lesereise die ruhige Atmosphäre von Theaterbühnen vor.

Die Schrotflinte im Mund 

Und so saß er am Sonntag auch beim Gespräch mit Chefdramaturg und Moderator Jens Peters an einem Tisch auf der Bühne - selbstverständlich bei "Kaffee und Zigaretten". Denn so lautet der Titel von Ferdinand von Schirachs neuestem Buch, mit dem er im Rahmen der ausverkauften "Literaturspot"-Veranstaltung (Kooperation von Theater am Domhof mit der Dombuchhandlung)  sein Publikum mit autobiografischen Erzählungen, Notizen und Beobachtungen in den Bann zog. Mucksmäuschenstill war es jedenfalls, als Ferdinand von Schirach im Scheinwerfer-Spotlicht auf der dunklen Bühne stand und mit ruhiger Stimme las. Vom Jesuiteninternat, in das er mit zehn Jahren geschickt wurde. Von seiner Synästhesie. Vom Gefühlschaos des 15-Jährigen bei der Beerdigung des Vaters. Oder von Depressionen, die den jungen Ferdinand veranlassten, sich in betrunkenem Zustand den Lauf einer (ungeladenen) Schrotflinte in den Mund zu schieben.

Sprache und Bewusstsein

Der schmale Grad zwischen Nostalgie und Abgrund blieb auch in von Schirachs Gespräch mit Jens Peters spürbar. In dem erklärte der Autor nicht nur den Unterschied zwischen wahrhaftiger literarischer Kunst und immer gleichen "Schwedenkrimis", sondern erklärte zur Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Populismus, dass bestimmte Vokabeln, die mit Intention benutzt werden, das Bewusstsein ändern können. Dazu gehöre etwa ein Wort wie "Asyl-Tourismus", während das Wort "Kulturschaffende" aus der Nazizeit stamme und gleichzeitig in der Schweiz zum offiziellen Begriff geworden sei. 

Auch der Sinn langer Strafprozesse wurde thematisiert, die von Schirach als Möglichkeit zur Debatte über gesellschaftlich wichtige Fragen sieht. Dies machte er etwa am Beispiel der Prozesse gegen Linksterroristen in den 1970er Jahren deutlich. Dagegen merkte er an, das man beim NSU-Prozesses über die Versäumnisse des Staates nicht habe diskutieren können. Im Hinblick auf die von der AfD so hoch gehaltenen "westlichen Werte", erinnerte von Schirach an die 1748 veröffentlichte Schrift "Vom Geist des Gesetzes" des französischen Aufklärers Montesquieu, in der Gewaltenteilung oder Trennung von Kirche und Staat vorweg genommen wurden. Was sich Ferdinand von Schirach für unsere heutige Gesellschaft wünscht, bleibt hoffentlich nicht Utopie: den friedlichen Dissenz aushalten. 

Ferdinand von Schirach. "Kaffee und Zigaretten". München: Luchterhand Literaturverlag, 2019. 191 Seiten. 20 Euro. ISBN 978-3-630-87610-8.    


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