Abmahnung aus Paris Warum das "Henne" aus Osnabrück sein "s" aus dem Namen streichen musste

Hendrik Vogelsang hält das abmontierte "s" in der Hand. Seine Cafébar "Henne" in Osnabrück hat den Buchstaben streichen müssen. Foto: Michael GründelHendrik Vogelsang hält das abmontierte "s" in der Hand. Seine Cafébar "Henne" in Osnabrück hat den Buchstaben streichen müssen. Foto: Michael Gründel
Michael Gründel

Osnabrück. Das "Henne" am Osnabrücker Adolf-Reichwein-Platz trug bei seiner Eröffnung noch den Namen "Hennes". Doch dann musste das "s" aus dem Namen gestrichen werden.

Im April 2018 hat Hendrik Vogelsang seine Cafébar am Adolf-Reichwein-Platz eröffnet. Wie er unserer Redaktion damals erzählte, fußte der zuerst gewählte Name "Hennes" auf seinem eigenen Spitznamen, nämlich Henne. 

Doch in den vergangenen Monaten verschwand das "s": Erst aus dem Logo an der Außenfront, danach von den Speisekarten, aus der Werbung, von den Firmenseiten auf Facebook und Instagram, von der Kleidung der Mitarbeiter und auch von den Visitenkarten. Aus "Hennes" wurde schlicht "Henne" – und Vogelsang und sein Team quasi täglich nach den Gründen gefragt. 

"Nein, ich hatte und habe keine Probleme mit dem Finanzamt", sagt er und lacht. Ein Witz ist die ganze Sache für ihn trotzdem nicht. Denn Anfang des Jahres erhielt er eine Abmahnung von der in Frankreich ansässigen Firma "Societe Jas Hennessy & Co.“, die zu dem weltweit agierenden Luxuskonzern "LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton" gehört. In dem Schreiben wurde Vogelsang dazu aufgefordert, die Nutzung des Namens zu unterlassen. Ansonsten zöge der Konzern wegen Markenrechtsverletzung gegen ihn vor Gericht. 

Was ist LVMH?

"LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton SE" ist weltweiter Branchenführer der Luxusgüterindustrie. Der in Paris ansässige Konzern hält die Rechte an über 70 verschiedenen Marken und entstand 1987 durch die Fusion der Unternehmen Louis Vuitton und Moët Hennessy. Der Name des Konzerns setzt sich aus den Traditionsmarken Louis Vuitton (Koffer- und Taschenhersteller), Moët et Chandon (Champagnerhersteller) und Hennessy (Cognacproduzent) zusammen. Moët und Hennessy hatten sich bereits 1971 zu Moët Hennessy zusammengeschlossen.

Verwechslung mit Luxusmarke?

Der Name seiner Cafébar sei der Marke "Hennessy" zu ähnlich, lautetet der Vorwurf von Jas Hennessy & Co. "Ich bin aus allen Wolken gefallen, da ich persönlich die Nähe zu ,Hennessy' gar nicht gesehen habe", so Vogelsang. Da er bei einem drohenden Rechtsstreit mit dem Branchenführer, der jährlich einen Umsatz von mehreren Milliarden Euro erwirtschaftet und ein Heer von Anwälten beschäftigt, lieber kein Risiko eingehen wollte, holte sich Vogelsang Beistand bei Rechtsanwalt Arne Richter. 

Dessen Osnabrücker Kanzlei "RF Rechtsanwälte Richter Fritsche" ist auf das Markenrecht spezialisiert, daher sind derlei Namensstreite für Richter keine Besonderheit. Der Anwalt: "Auch für ,Jas Hennessy & Co.' ist das hier Tagesgeschäft. Als Konzern, dessen Geschäftsgrundlage seine exklusiven Marken sind, ist er jedoch besonders erpicht darauf, ebendiese Marken zu schützen."

Anwälte durchforsten Patentregister

Vogelsangs "Fehler", wenn man es denn so nennen will, war, dass er den Namen seiner Cafébar beim Deutschen Patent- und Markenamt als Marke hat eintragen lassen. "Ansonsten wäre man sicher nicht auf einen gastronomischen Kleinbetrieb in Osnabrück aufmerksam geworden", so Richter.

Foto: Michael Gründel

Vogelsang hatte seinen Laden beim Deutschen Patent- und Markenamt unter anderem für die Kategorien Cafébetrieb, zahlreiche alkoholische und nicht-alkoholische Getränke, Catering und Merchandising registriert. "Da die ,Societe Jas Hennessy & Co.‘ ihre Marke Hennessy auch für dieselben Kategorien angemeldet hat, sah man dort wegen der möglichen Verwechslungsgefahr die Markenrechte am Namen verletzt – und reagierte sofort mit der Abmahnung", so Anwalt Richter.

Kein "s", kein Prozess

Allerdings seien Großkonzerne in der Regel nicht daran interessiert, kleine regionale Unternehmen zu zerstören, sagt Richter: "Aber man achtet doch sehr auf seine Markenrechte, ist aber auch zu einem Vergleich bereit." Wie in diesem Fall: Der mit der „Societe Jas Hennessy & Co.“ verhandelte Vergleich beinhaltet, dass Vogelsang das "s" komplett aus dem Markennamen streicht. Auf die von ihm angemeldete Marke "Hennes" verzichtet er ebenfalls. Der Konzern verzichtet im Gegenzug auf Schadensersatz und weitere Ansprüche. 

Streit um Markennamen

Apple versus Apfelkind
Der US-Konzern sah in dem Bonner Eltern-Kind-Café eine Gefahr für seine eigene Marke, da das Logo des Cafés - ein Apfel mit Kinderprofil - dem Apple-Logo zu ähnlich sei. Nach zweijährigem Rechtsstreit gaben die Amerikaner allerdings auf und zogen ihren Widerspruch gegen die Marke vor dem Deutschen Patent- und Markenamt zurück. Die Inhaberin des Cafés sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass sie "tausende Euro, viel Zeit und Nerven" in die Auseinandersetzung investiert habe.
FC St. Pauli versus Henkel
"Fa" heißt das Duschgel von Henkel. "Anti-Fa" das des Hamburger Fußballclubs, der für seine antifaschistische Haltung bekannt ist. Branchenriese Henkel verbat sich jedoch eine Politisierung seines Produktes und suchte das Gespräch mit dem Verein. Mittlerweile scheint "Anti-Fa" nicht mehr erhältlich zu sein: Auf den Fanshop-Seiten vom FC St. Pauli gibt es nur noch das Duschgel "Wischiwaschi" zu kaufen.
Sparkasse versus Santander
Es muss nicht immer der Name sein, der begehrt ist: Die Sparkasse hatte sich für den Farbcode HKS 13-rot die Nutzungsrechte im Bereich Finanzdienstleistungen längst gesichert, als die spanische Santander-Bank, die einen ähnlichen Farbton nutzt, diesen Eintrag streichen lassen wollte. Doch der Bundesgerichtshof entschied zugunsten der Sparkassen. Nur sie darf HKS 13-rot nutzen
Haribo versus Lindt
Habribo hat den Weingummi-Goldbären, Lindt einen in Gold gehüllten Schokoladenbären. Erstere sahen durch den Schokobären ihre Marke verletzt, doch der Bundesgerichtshof entschied: Nur weil der Schoko-Bär golden sei, sei er noch lange kein Goldbär.
Ferrero gegen alle, die den Begriff "Kinder" nutzen
Ferrero – bekannt für seine „Kinder Schokolade“ - wollte sowohl Haribo wie Zott daran hindern, Produkte namens "Kinder Kram" und "Kinderzeit" auf den Markt zu bringen. Da der Begriff „Kinder“ jedoch allein die Abnehmerkreise beschreibe, könne ihn jeder weiterhin benutzen, entschied der Bundesgerichtshof.
Otto's gegen Otto
Der Versandhändler Otto befürchtete eine Namensverwechslung, zog gegen die in Hamburg ansässige Burgerkette "Otto's Burger" vor Gericht - und verlor: Die Branchen seien für eine Verwechslung zu unterschiedlich, daher werde ein Verbraucher nicht an den Versandhändler denken, wenn er in dem Burgerrestaurant essen gehe, urteilte der Richter.

Hätte Hendrik Vogelsang den drohenden Prozess gewinnen können? "Gute Erfolgsaussichten bestehen. Allerdings wären dann wahrscheinlich jahrelange Gerichtsverfahren durch die Instanzen auf ihn zugekommen, die in jedem Falle, unabhängig von den Erfolgsaussichten, zunächst erst einmal finanziell enorm belastend sein können", sagt Richter. 

"Die Entscheidung zum Vergleich war deshalb eine sich an den Bedürfnissen der ausschließlich lokal tätigen Cafébar orientierende und rein wirtschaftliche. Daher auch der Verzicht auf die Marke. Denn die nun entstandenen Kosten sind nur ein kleiner Bruchteil dessen, was wohl auf mich zugekommen wäre, wenn ich auf den Namen und die Marke bestanden hätte", sagt Vogelsang. 

H&M meldeten sich nicht

Aber warum hat Vogelsang keine Post von "H&M - Hennes und Mauritz" erhalten? Schließlich ist dessen "Hennes" sogar identisch mit dem ehemaligen Namen des Cafés. "Die Rechte für den Markennamen des schwedischen Konzerns beziehen sich auf das Bekleidungssegment, nicht auf gastronomische Kategorien. Daher besteht in diesem Fall keine Verwechslungsgefahr und für den Konzern kein Anlass, auf seine Markenrechte zu pochen", erklärt Anwalt Richter. 

Für Hendrik Vogelsang waren die vergangenen Wochen nicht einfach, sagt er. "Ich kam mir vor wie David gegen einen allmächtigen Goliath." Umso froher ist er, dass die Angelegenheit nun im wahrsten Sinne des Wortes hoffentlich bald auch endgültig zu den Akten gelegt werden kann. Und letztlich gründe der Erfolg seiner Bar nicht auf dem Namen, sondern auf Angebot und Service.


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