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Brief schildert Bombenangriff Schreckliche Erinnerung an den Nikolausabend

Vor dem Angriff am 6. Dezember 1944 war der Himmel hell erleuchtet von Markierungsbomben.Vor dem Angriff am 6. Dezember 1944 war der Himmel hell erleuchtet von Markierungsbomben.

Osnabrück. Gisela Heuschild gehört zu denen, die am Sonntag von der Evakuierung betroffen sind. Die 87-Jährige fährt mit Tochter, Schwiegersohn und Familie zum Brunch nach Bad Rothenfelde.

Zur Bombenräumung hat die alte Dame, die an der Knollstraße wohnt, eine ganz besondere Beziehung. Sie besitzt einen Brief ihres Vaters, in dem dieser den Luftangriff vom 6. Dezember 1944 genau beschreibt. Die Wohngebiete im Osnabrücker Norden wurden damals besonders stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Blindgänger, die am Sonntag entschärft werden sollen, wurden vermutlich an jenem Nikolausabend abgeworfen.

Osnabrück sei jetzt eine Ruinenstadt, schreibt der Vater am 7. Dezember 1944 an seine Tochter, die die letzten Kriegsjahre in Pommern verbrachte. Der Luftangriff habe um 19.30 Uhr begonnen. Die vielen Leuchtbomben hätten am dunklen Himmel ausgesehen wie hell brennende Tannenbäume. Bis 20.06 Uhr seien ununterbrochen Luftminen, Sprengbomben und Brandbomben gefallen. Der Lärm sei wie ein ohrenbetäubendes Orgelspiel gewesen. „Das war kein schöner Nikolaus, bald haben wir kein heiles Haus mehr hier“, schreibt der Vater. „Wir sitzen den ganzen Tag im Stollen, wann hat das ein Ende?“

Insgesamt fielen an dem Abend 1000 Tonnen Vernichtungsmaterial auf Osnabrück. 39 Menschen starben. 197 Gebäude wurden total zerstört. Es gab im ganzen Stadtgebiet verheerende Brände.

Gisela Heuschilds Familie hatte am 6. Dezember 1944 noch Glück. Ihr Haus am Kalkhügel blieb zunächst verschont, wurde dann aber am Palmsonntag 1945 völlig ausgebombt. „Der Krieg hat uns die Jugend gestohlen“, sagt die alte Dame. Die Evakuierung am Sonntag hat ihr den Brief des Vaters und die schrecklichen Erinnerungen wieder ins Bewusstsein zurückgebracht.


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