Toskanische Villa in Reihenhaussiedlung? Hermann Kuhl über die Sensibilisierung des Bürgers für Baukultur

Hermann Kuhl vom Vorstand des "Vereins für Baukultur Osnabrück" redete im Interview über plastische Stadtmodelle und geplante Schulprojekte. Foto: Michael GründelHermann Kuhl vom Vorstand des "Vereins für Baukultur Osnabrück" redete im Interview über plastische Stadtmodelle und geplante Schulprojekte. Foto: Michael Gründel
Michael Gründel

Osnabrück. Im September vergangenen Jahres wurde der „Verein für Baukultur“ gegründet. Zum Start der diesjährigen „Baukulturgespräche“ redete Hermann Kuhl vom Vereinsvorstand mit unserer Zeitung über die Aktivitäten des neuen Vereins.

Herr Kuhl, Sie sind im Vorstand des „Vereins für Baukultur“, der im vergangenen Jahr gegründet wurde. Welche Aktivitäten gehen von dem Verein aus, der laut Satzung in erster Linie das Ziel verfolgt, die Menschen in der Region Osnabrück für Themen der Baukultur zu sensibilisieren?

Ganz aktuell starten wir mit der zweiten Staffel der Reihe „Baukulturgespräche“ im Felix-Nussbaum-Haus. Ein Referent wird unter dem Titel „Wie wollen wir wohnen, arbeiten, leben?“ ein Projekt in Berlin vorstellen, das anschaulich vor Augen führt, dass beim Bauen nicht nur Investition und Rendite im Fokus stehen müsen. Es geht um ein partizipatorisches Konzept, bei dem die Mitglieder einer Art Bauherrengenossenschaft in die Planung eines Gebäudekomplexes involviert waren, in den sie nach Fertigstellung selbst einzogen.


Das Gespräch findet kurz vor dem Bürgerentscheid über eine städtische Wohnungsbaugesellschaft in Osnabrück statt. Positioniert sich Ihr Verein zu dem Thema?

Wir haben als Verein kein Votum in politischen Fragen, daher kann ich dazu nur meine eigene Meinung darlegen. Ich plädiere dafür, dass die Stadt Geld in die Hand nimmt, um bezahlbares Wohnen in Osnabrück möglichen zu machen. Eine Wohnungsbaugesellschaft könnte ein probates Instrument sein, um dieses Ziel zu erreichen.


Bezieht der Verein dann auch nicht allgemein Stellung zur aktuellen Situation, die in manchen Städten von exorbitanten Mieterhöhungen und Wohnungsmangel gekennzeichnet ist.

Nein. Wir beschäftigen uns mit damit, wie dieser Zustand entstehen konnte und wie man damit umgeht. Beispielsweise handelt das Baukulturgespräch im Juni vom sogenannten „Donut-Effekt“. Er beschreibt, dass in unseren Innenstädten häufig an den falschen Stellen gebaut wird. Statt Räume in unseren Citys effektiv zu bebauen, fallen immer mehr wertvolle, landwirtschaftlich-nutzbare Flächen in der städtischen Peripherie expansiver Bebauung zum Opfer.


Gibt es neben den „Baukulturgesprächen“ weitere Aktivitäten, die der „Verein für Baukultur“ verfolgt?

Oh ja, da ist einiges in Planung. Neben Ausstellungen, Besichtigungen und Exkursionen, die wir anbieten, wollen wir das Konzept „Baukultur macht Schule“ in Angriff nehmen und wir beschäftigen uns intensiv mit dem „Projekt Stadtmodell“.


„Baukultur macht Schule“? Bedeutet das, dass Sie mit Schulkindern arbeiten wollen?

Richtig. Wir möchten, dass die Gestalter von morgen neugierig auf das Thema Bauen gemacht werden. Das heißt, dass wir in Kooperation mit Einrichtungen wie den Kammern oder den Hochschulen Unterrichtseinheiten konzipieren wollen, die darauf abzielen, Kinder an die Materie heranzuführen, egal ob als zukünftige Architekten, als Ingenieure, ob als Bauherren oder auch einfach als Bürger einer Stadt.


Sie wollen also direkt mit den Schulen zusammenarbeiten?

Genau. Wir wollen Experten mit einem Koffer voller Unterrichtsmaterialien in die Räume aller Klassenstufen schicken und den Schülern klar machen, warum es keinen Sinn macht, eine Villa im toskanischen Stil in eine gewachsene, norddeutsche Umgebung bauen zu wollen, zum Beispiel in eine regionaltypische Reihenhaussiedlung.


Sie erwähnten ein Stadtmodell. Was hat es damit auf sich?

Wir wollen eine Nachbildung von Osnabrück im Maßstab 1:1000 anfertigen, damit man sich einen plastischen Eindruck der Stadt machen kann. Das dürfte die Kommunikation über Baukultur stark vereinfachen.


Wie groß muss man sich ein solches Modell vorstellen?

Die Abmessungen werden zirka 17 mal 19 Meter betragen. Es soll auf Tischmodulen basieren, wodurch es variabel und aktualisierbar wird. Außerdem muss es möglichst haltbar gebaut sein, also nicht aus Styropor oder Pappe, sondern aus Holz. Die Kosten, die die Herstellung verursachen wird, und ein möglicher Standort bereiten uns allerdings noch einiges Kopfzerbrechen.


Wie finanzieren Sie denn ihre Aktivitäten?

Es werden Mittel aus drei Quellen eingesetzt: Beiträge der Vereinsmitglieder, Mittel von Förderern wie der Stadt Osnabrück, dem Land Niedersachsen sowie Stiftungen, darüber hinaus Sponsorgelder.


Wie viele Mitglieder hat Ihr Verein?

Zurzeit haben wir 50 Mitglieder, werben aber kontinuierlich dafür, dass es mehr werden.

Terminhinweis

Baukulturgespräch
Tim Heide: „Wie wollen wir wohnen, arbeiten, leben?“ - Baukulturgespräch im Felix-Nussbaum-Haus, 16. Mai, 18.30 Uhr.



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