Was kommt nach der Schule? Osnabrücker Expertin über Orientierungslosigkeit nach dem Abi

Nach dem Abitur die richtige Struktur, den richtigen Weg zu finden, ist für viele Jugendliche schwerer als gedacht. Symbolfoto: dpaNach dem Abitur die richtige Struktur, den richtigen Weg zu finden, ist für viele Jugendliche schwerer als gedacht. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Die Osnabrücker Journalistin Ulrike Bartholomäus hat ein Buch über die Orientierungslosigkeit nach der Schule geschrieben.

Nach zwölf Jahren Lernen und harter Arbeit für die Abitur-Prüfungen, die gerade in Niedersachsen geschrieben werden, heißt es bald: grenzenlose Freiheit, ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Klingt verlockend, doch die richtige Struktur, den richtigen Weg zu finden, ist für viele Jugendliche schwerer als gedacht. Das weiß die gebürtige Osnabrücker Wissenschaftsjournalistin Ulrike Bartholomäus aus vielen Interviews und Gesprächen, die sie für ihr neues Buch geführt hat: „Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?“ lautet der druckfrische Titel, in dem sie sich wissenschaftlich und gleichzeitig kurzweilig mit den Problemen auseinandersetzt, vor denen Jugendliche und ihre Eltern heute oft nach dem Schulabschluss stehen.

Frau Bartholomäus, Sie haben ein Sachbuch für Eltern geschrieben, die ihre Kinder bei Orientierung nach der Schule unterstützen möchten. Was ist heute die größte Herausforderung?

Nach dem Turboabitur sind viele Jugendliche erst mal gefühlt hirntot und wollen nur noch chillen. Snapchat und Netflix bis zum Pupillenstillstand – das ist ihre Vorstellung von einem perfekten Tag. Für den Sommer und die erste Zeit nach den Prüfungen ist das auch völlig in Ordnung. Das Problem ist allerdings, dass viele keinen Schlusspunkt finden: Wenn sie nach einer Pause keinen Plan entwickeln, keinen Dreh finden, dann nervt das die Eltern kolossal. Die Tatenlosigkeit der Kinder treibt die Eltern in einen regelrechten Aktionismus – ich habe das während meiner Recherchen mehrfach erlebt.

Nun wird europaweit nach einem Praktikumsplatz oder einer Sprachreise gefahndet, nur damit das endlose Herumhängen endlich aufhört. Da sage ich: Runter vom Gas. Suchen sollen die Jugendlichen schon selbst.

Die Osnabrücker Wissenschaftsjournalistin Ulrike Barttholomäus hat ein Buch über die Orientierungslosigkeit nach der Schule geschrieben.Ihre Botschaft: "Die Erwartungen runterschrauben!". Foto: Bratto von Boehmer

Was war der Auslöser für dieses Buch?

Um mich herum fand ich viele Heranwachsende, die nach der Schule total blockiert waren. Sie wussten nicht, was sie wollen, was sie können, was sie besonders auszeichnet. Ich fing an, Interviews mit ihnen zu führen. Ich begann gleichzeitig, mit Psychiatern, Pädagogen und Erziehern dem Phänomen der Orientierungslosigkeit auf den Grund zu gehen.

Experten sagten mir, dass die Hirnreifung bei Jugendlichen nicht mit dem 18. Lebensjahr abgeschlossen ist, sondern bis 25 dauert. Gerade die Netzwerke für strategische Handlungsplanung, die wir für Entscheidungen brauchen, reifen am langsamsten.

So entstand die Idee, den wissenschaftlichen Hintergrund und die Erfahrungen der Jugendlichen und ihrer Eltern zusammen aufzuarbeiten.

Ausbildung, Studium oder große Freiheit – was reizt Jugendliche heute am meisten?

Jeder junge Mensch ist anders. Bei dem einen hoffen die Eltern, dass sich das Kind auf eine Reise nach Australien und Asien begibt, wo sich tatsächlich ein nicht unwesentlicher Teil der Spezies aufhält. Das Kind will aber auf keinen Fall die Großstadt verlassen. Studieren wollen viele gerne, aber es fehlt oft der nötige Numerus clausus für das angestrebte Studium. Der Wunsch nach der großen Freiheit, danach, sich gerade nicht entscheiden zu müssen, ist sehr weit verbreitet. Manchmal dauert die Orientierungslosigkeit auch drei Jahre. Ausbildungen stehen bei den meisten Abiturienten nicht hoch im Kurs. Es hat sich der Irrglaube durchgesetzt, ein Studium sei immer besser als eine Ausbildung. Das ist ein Irrtum. Was spricht denn dagegen, wenn man nach der Schule nicht weiß, was man machen will, erst einmal eine Ausbildung zu absolvieren? Ein Mechatroniker und viele andere technisch ausgebildete junge Leute verdienen heute mehr als mancher Uniabsolvent, der ein geisteswissenschaftliches Studium gemacht hat.

Sie haben in Familien recherchiert und beobachtet. Welche Szene ist Ihnen bis heute in Erinnerung?

Eine Dozentin an einer Hochschule hat mir berichtet, dass Eltern Elternsprechstunden verlangen für ihre studierenden Kinder, um zu erfahren, wie es so läuft mit der Seminararbeit. Sie wollen wissen, was sie als Eltern tun können. Ich hielt das erst für einen Witz!

Aber die Dozentin war nicht willens, diesem Wunsch zu entsprechen.

In Familien beobachte ich, dass Eltern Angst vor dem Scheitern des Kindes haben. Sie akzeptieren nicht, dass ihr Kind auch mal von der Uni fliegt, wenn es nicht zu den Kursen hingegangen ist. Inzwischen haben sich Anwaltskanzleien darauf spezialisiert, solche Studenten wieder an die Uni zu klagen.

In Ihrem Buch sprechen Sie auch die allgegenwärtigen Handys und das Internet an. Inwiefern schadet und inwiefern nützt die digitale Vernetzung?

Der digitale Lifestyle bindet unendlich viel Energie und Konzentration. Alles wird sofort bewertet. Daumen rauf, Daumen runter. Kommt eine Bild nicht cool bei Instagram oder Snapchat rüber, hat es keinen Nutzen.

Viele Jugendliche sind fast öffentliche Personen, achten sehr auf ihr Image, frei nach dem Motto: Was sollen denn die anderen denken? Dieser Druck ist enorm. Heranwachsende nehmen sich wenig Zeit, einfach mal den Kopf frei zu kriegen, um über sich und ihre Pläne nachzudenken. Das braucht sehr viel Zeit und funktioniert nicht, wenn ich ständig mit Nachrichten druckbetankt werde oder unter Statusdruck stehe. Auf der anderen Seite hilft die digitale Welt, sich rasch einen Überblick über Ausbildungs- oder Studiengänge zu machen. Man kann Online-Tests machen, um herauszufinden, welcher Beruf zu einem passt. Firmen stellen sich auf Plattformen vor. Nie konnten man sich besser informieren.

War Orientierung denn früher einfacher?

Der Übergang von der Schule in eine berufliche Laufbahn war immer schwer. Nur heute gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, die es verkomplizieren. Es sind allein 19 000 Studiengänge – da kennt sich kein Mensch mehr aus. Unsere Tochter hat gute Erfahrungen machen dürfen. Sie konnte einen Tag in einer Praxis zur Probe arbeiten, bei der sie sich für eine Ausbildung beworben hat. Nach dem Tag war sie sicher, dass der Bereich zu ihr passt. Junge Leute sollten sich ausprobieren dürfen.

In Niedersachsen werden gerade Abiturprüfungen geschrieben. Was raten Sie den Schülern, was ihren Eltern?

Mein Plädoyer ist, dass Eltern ihre Kinder frei wählen lassen und ihre Erwartungen herunterschrauben. Zu hohe Erwartungen lähmen die Jugendlichen. Wer als Abiturient noch nicht weiß, was er machen will, kann auch mal eine Auszeit nehmen, sich das Geld dafür zum großen Teil selbst verdienen und sein Gap Year selbst organisieren. Das kann eine Reise sein, ein freiwilliges soziales, kulturelles oder wissenschaftliches Jahr oder einfach jobben. Nichts spricht dagegen, einfach mal als Reality-Check ein paar Gelegenheitsjobs zu machen. Ich habe nach dem Abi auf einem Erdbeerfeld im Nettetal gearbeitet. Ich durfte Erdbeeren mit nach Hause nehmen. Nie habe ich so viele Erdbeertorten gebacken wie in der Zeit. Jeden Mai erinnere ich mich noch gerne daran.

Bartholomäus, Ulrike: Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?, Berlin-Verlag, 16,99 Euro.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN