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Vor 50 Jahren zog der Jahrmarkt zur Gartlage um Kritik an der „Bedürfnisanstalt“

Von Henning Müller-Detert

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Osnabrück. Ledenhof, Domplatz, Klosterkaserne, Schwarzer Platz: Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Osnabrücker Jahrmärkte an verschiedenen Standorten statt. Die Schausteller plädierten für ein Volksfest mitten in der Stadt, doch dann kam alles anders: 1961 erfolgte der Umzug an die Halle Gartlage, wo der Jahrmarkt auch 50 Jahre später noch stattfindet.

Um den richtigen Standort gab es hitzige Diskussionen. „Wir hatten den Schwarzen Platz lieb gewonnen“, erinnert sich Heinz Frickenschmidt, Ehrenvorsitzender des Schaustellerverbands Weser-Ems, über die Fläche zwischen Natruper und Nobbenburger Straße, die bis 1961 gemeinsam mit der Klosterkaserne am Rissmüllerplatz zur Verfügung stand. Zuvor hatte es einen regen Wechsel gegeben: 1945 wurden die Karussells am Ledenhof aufgebaut. Von 1946 bis 1954 war der Domplatz der Standort, ab 1948 kam die Klosterkaserne dazu.

Das Aus für den Schwarzen Platz kam mit der Entscheidung für ein neues Bauvorhaben: Dort entstand das Niedersachsenbad, das am 26. Februar 1966 eröffnet wurde. Darüber hinaus war der Standort einigen ein Dorn im Auge gewesen, weil er als „Tummelplatz für Halbstarke“ galt. Und ein Zeitungsartikel von 1958 hielt Unerhörtes fest: „Unzüchtige Handlungen bewirken Schließung eines Fahrgeschäfts“, lautete der Titel über „Unsittlichkeiten“ in der Raupe. Darüber hinaus befand der Redakteur, dass das Volksfest gegenüber dem Münsteraner Send und dem Freimarkt in Bremen abgefallen sei: „Osnabrücks Jahrmärkte sind in den letzten Jahren nicht gerade zugkräftiger geworden. Es fehlten die wirklichen attraktiven Geschäfte“, lautete das vernichtende Urteil. Ein neuer Standort sollte also her. „Wo bleibt der Osnabrücker Jahrmarkt?“, fragte das „Osnabrücker Tageblatt“ am 7. März 1961. Und da schienen sich Stadtrat und Schausteller zunächst einig: „Der Jahrmarkt gehört mitten in die Stadt.“ Also galt der Domplatz als Favorit. Vermutlich auf Intervention der Kirche wurde diese Variante dann aber doch nicht umgesetzt.

Für den Platz an der Halle Gartlage sprach schließlich, dass hier ein „größeres und geschlossenes Betätigungsfeld“ für das damals fünftägige Fest zur Verfügung stand, wie es in einem Zeitungsbericht vom 31. Oktober 1961 hieß. Für den neuen Standort stellte die Stadt 139000 Mark zur Verfügung. Das geht aus Unterlagen der Gewerbeabteilung des Ordnungsamts hervor. Der Platz musste befestigt und mit Leitungen sowie sanitären Anlagen ausgestattet werden, hat Karin Heinrich, Leitung Fachbereich Bürger und Ordnung, den alten Akten entnommen.

In den städtischen Unterlagen sind weitere Details festgehalten worden. So gab es 1961 immerhin schon 94 Geschäfte (aktuell sind es 128).

Nach der Premiere in der Gartlage gab es aber auch Kritik, und zwar an der „Bedürfnisanstalt“, wie der Toilettenwagen im damaligen Amtsdeutsch bezeichnet wurde. Der reiche nämlich bei Weitem nicht aus. Auf diesen „Übelstand“ wiesen Marktleiter und Polizei das Ordnungsamt hin. Die Schausteller plädierten im Übrigen dafür, dass der Jahrmarkt über zwei Wochenenden laufen sollte, was 1969 auch umgesetzt wurde.

Ist damit nun Friede, Freude, Eierkuchen? Nicht ganz, denn auch heute würden die Schausteller am liebsten wieder ins Zentrum, unterstreicht Frickenschmidt, der über seine Eltern, die als Steilwandfahrer auftraten, zum Rummel gekommen war. „Die Innenstadtmärkte laufen gut“, verweist das Schausteller-Urgestein auf das Beispiel anderer Städte.

Und auch in den Anfängen wurde spekuliert, ob der neue Standort dauerhaft die Lösung ist. Die zentrale Frage in einem Zeitungsartikel: „Ob die getroffene Entscheidung der Verlegung der Osnabrücker Jahrmärkte zur Halle Gartlage glücklich war, wird die Zukunft zeigen müssen. Es mehren sich jedoch schon heute die Stimmen, die sagen, dass Osnabrücks Jahrmarkt damit die härteste Probe zu bestehen haben werde.“


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